Ein Gespräch über die Ambivalenz von Designobjekten aus Kunststoff und über die Zukunft unserer „Plastikkultur“ mit dem Kölner Industriedesigner Jörg Gätjens (Foto links.

Zur Person: geb. 1965 in Duisburg; 1990-1997 Studium an der Fachhochschule Hannover (FHH), Fachbereich Design und Medien; 1997-2002 Projektmanager der Nils Holger Moormann GmbH in Aschau/Chiemgau; seit 2002 selbstständig, Gründung eines Designstudios in Köln; 2004 Gewinner des Design Report Award beim Nachwuchsforum der Internationalen Möbelmesse in Mailand; www.joerg-gaetjens.com

Was macht Kunststoff für Designer so attraktiv?
Jörg Gätjens: An Kunststoff fasziniert seine bis jetzt von keinem anderen Werkstoff überbotene Formbarkeit. Dem Granulat sieht man das nicht an, das sind kleine Kügelchen in Säcken. Aber verflüssigt man es und arbeitet mit der Spritzgießtechnik (http://de.wikipedia.org/wiki/Spritzgie%C3%9Fen), lassen sich Produkte in gestalterischer Perfektion ausbilden und auch noch beliebig oft reproduzieren. Das Material kommt aber letztlich nur zur Geltung, weil wir Designer geniale Entwürfe machen (lacht), die dann mittels Computerprogrammen in entsprechend ausgefeilte Werkzeuge, sprich: metallene Gussformen, übersetzt werden.

Ist Kunststoff Holz oder Metall überlegen?
Jörg Gätjens: Ja und nein – es kommt darauf an, was man damit vorhat. Manche Kunststoffe haben den Vorteil, dass sie federn, biegsam bleiben, also nicht gleich brechen, wenn Druck ausgeübt wird. Das macht sie zum Beispiel geeignet für kleinteilige, sehr komplexe Konstruktionen – Vorrichtungen etwa, die irgendwo einrasten sollen, Geräteaufsätze, die man zum Reinigen abnehmen kann usw. In dieser Hinsicht ist Kunststoff konkurrenzlos, da gibt es kein anderes Material, das mithalten könnte. Auch die Wirtschaftlichkeit spielt eine Rolle: Ein Produkt, das zigtausendfach verkauft werden soll und kann, rechnet sich viel eher in Kunststoff als etwa in Holz. Zwar müssen die Hersteller viel Geld in die Gussform investieren, bei großen Teilen handelt es sich oft um Summen von 50.000 Euro aufwärts. Aber das Einzelstück wird durch die schnell zu erzielende hohe Auflage extrem günstig im Preis, und das fördert den Absatz. Im Umkehrschluss bedeutet das: Es macht keinen Sinn, ein Kunststoffprodukt herzustellen, wenn davon weniger als fünf- oder zehntausend Stück geplant sind. Oder nehmen Sie den Kunststoffstuhl, auf dem ich jetzt sitze, da lässt sich der Unterschied zu Holz auch erklären: Die Stuhlbeine sind nur vier, fünf Millimeter stark. Trotzdem sind sie stabil, weil die Faltungen der Form für eine tragfähige Statik sorgen – vergleichbar Karton, der gefaltet wurde. Bei Holz wäre das Stuhlbein massiver und das Ganze wesentlich schwerer. Holz kommt dafür beim Konsumenten meist wertiger rüber als Kunststoff. Es behält seinen Reiz, auch wenn der Zahn der Zeit an ihm genagt hat. Bei Kunststoff wird die Patina eher als Makel empfunden.

Woran ließe sich denn die Wertigkeit von Kunststoff festmachen?
Jörg Gätjens: Letztlich nur daran, was sich aus ihm machen lässt bzw. was aus ihm gemacht worden ist – und ob Material und Produkt gerade hoch oder niedrig im Kurs stehen. Und das wiederum bestimmen ganz banale Ästhetik- oder Konsumtrends, das ist einfach so. Klar, Kunststoff haftet nicht mehr das Image eines billigen Ersatzstoffes an, jedenfalls nicht in der gehobenen Produktkultur, Stichwort „Authentics“, oder auf dem High-End-Design-Level, also bei den museumswürdigen Sachen. Trotzdem bleibt sein Image labil. Da wurde behauptet: „Die matte Authentics-Oberfläche, die ist hochwertig, das bleibt.“ Pustekuchen! Wer kann denn ausschließen, dass das in zehn, fünfzehn Jahren out ist und die Leute sich dann lieber was Glänzendes anschaffen? Die Produktzyklen werden immer kürzer, auch die Möbelbranche bleibt davon nicht verschont. Ich glaube, selbst Designikonen werden nicht ewig überdauern, denn auch High End steht und fällt mit Faktoren, die ihm äußerlich sind und wegbrechen können – mit der Reputation des Designers oder des Herstellers beispielsweise, dem kulturellen Background oder schlicht der Akzeptanz aufseiten der Käufer.

Das hört sich so an, als sei Kunststoffdesign per se auf Kurzlebigkeit festgelegt.
Jörg Gätjens: Alle Designobjekte, egal aus welchem Material, sind dem Wechsel der Moden unterworfen, und wir erleben, wie dieser Kreislauf von Auf- und Abwertung sich beschleunigt. Bei Alltagsprodukten aus Kunststoff kommt hinzu, dass die wenigsten überdauern, in schreiendem Gegensatz übrigens zur Langlebigkeit des Materials. Kunststoffdesign ereignet sich in zwei Zeitdimensionen: absehbar kurzer Nutzungszeitraum der Produkte, unabsehbar langer Abbauzeitraum des Materials. Das macht die Verwendung von Kunststoffen ambivalent. Sie haben die gestalterischen Möglichkeiten erheblich erweitert, ihre Vielseitigkeit ist faszinierend, in ökologischer Hinsicht jedoch meldet sich das schlechte Gewissen – jedenfalls meins!

Lässt sich Ihr Gewissen vielleicht durch Kunststoffrecycling beruhigen?
Jörg Gätjens: Recycling ist besser als keins, kein Thema. Trotzdem ist dieses Konzept problematisch, und zwar gleich aus mehreren Gründen. Zunächst mal, und dieser Aspekt ist für Designer ähnlich relevant wie das Ökothema: Beim Recycling geht die Qualität des Ausgangskunststoffes derzeit – daran wird gearbeitet – noch verloren, selbst bei großer Sortenreinheit. Die Fließeigenschaften verschlechtern sich, das Material wird poröser etc. Mit anderen Worten: Aus den meisten Massenkunststoffen lassen sich nach dem Einschmelzen nur minderwertige Produkte generieren, Parkbänke, Leitplanken usw. Das ist ein Downgrading, man spricht deshalb auch von Decycling. Hinzu kommt: Recycling gilt als umweltfreundlich und ist entsprechend positiv besetzt, öffnet letztlich aber nur ein Hintertürchen, die Dinge so zu lassen, wie sie sind. Das Müllaufkommen wird nicht reduziert, Müllkippen und die gigantischen schwimmenden Müllinseln im Meer werden zu wertvollen Rohstoffreservoirs hochstilisiert – all das liegt ganz auf Linie unseres auf Wachstum ausgerichteten Wirtschaftens. Insofern ist Recycling eine systemimmanente Sache. Meiner Meinung nach hat Ressourcenschonung Vorrang: Es ist nicht zu verantworten, dass wir Joghurtbecher, Obstverpackungen und andere Gegenstände des täglichen Bedarfs, die wir von jetzt auf gleich wegwerfen, aus Kunststoff herstellen, denn dafür wird wertvolles Erdöl verschwendet. Leider sind wir bei biologisch, also etwa durch Bakterien erzeugten Kunststoffen noch nicht weit gekommen. Und die biologisch abbaubaren, sogenannten grünen Kunststoffe weisen noch gewaltige Nachteile auf. Sie sind z. B. nicht formstabil gegenüber Feuchtigkeit und lassen sich nur im Innenbereich sinnvoll einsetzen. Richtungsweisend, aber auch noch nicht reif für die Praxis, ist aus meiner Sicht das Cradle-to-Cradle-Konzept. Hier geht es um geschlossene Kreisläufe ohne Abfall im Sinne einer Eins-zu-eins-Wiederverwertung, also ohne Downgrading.

Sie haben vorhin gesagt, das Image von Kunststoff werde wesentlich von Moden und Konsumtrends bestimmt, also letztlich von gesellschaftlichen Faktoren. Was sind denn aus Ihrer Sicht die sozialen Voraussetzungen für ein Pro-Kunststoff-Klima?
Jörg Gätjens: Nehmen Sie die „kunststofffeindlichen“ 80er-Jahre mit dem Slogan „Jute statt Plastik“: Das war weitgehend eine Ära des Hinterfragens, des Konsumverzichts. Kunststoff hingegen steht nicht für Innehalten, sondern für industrielle wie gesellschaftliche Machbarkeit, für absolute Formbarkeit – auch des Menschen! Kunststoff, das ist Exzess, das genaue Gegenteil von Verzicht. Als wir in den 90ern wieder Party gefeiert haben, hatte auch der Kunststoff sein Comeback. Den Link stiftet aus meiner Sicht der Satz: „Ich kann alles machen, was ich will“ – mit dem Kunststoff und als Individuum. Beide haben multiple Identitäten, jedenfalls gab und gibt es dieses „Wer bin ich und wenn ja viele?“-Lebensgefühl. Das kann einhergehen mit Unsicherheit oder aber mit einem exorbitanten Freiheitsgefühl, genährt auch über den Konsum. Die Warenwelt ist heute so pluralistisch, dass jeder sich dort wiederfindet; man kann Produkte kaufen, die dem eigenen Ego schmeicheln, und erlebt das als Selbstbestätigung. Von Freiheit kann dabei allerdings nur sehr eingeschränkt die Rede sein, weil das Marketing alles beherrscht: Die Identifikationsangebote, mit denen es die Produkte auflädt, wirken auf das Individuum zurück und beeinflussen dessen Identitätsmanagement.

Welche Zukunft geben Sie unserer „Plastikkultur“?
Jörg Gätjens: Wir leben in einer Zeit des Umbruchs und grundlegender neuer Weichenstellungen. 2009 und 2010 stehen für die Weltfinanz- und -wirtschaftskrise, 2011 für Fukushima – aber auch für den Ausstieg aus der Kernenergie, jedenfalls in Deutschland. Die Wiederbefeuerung der ökologischen Bewegung wird über kurz oder lang auch zu einer Abkehr von fossilen Energieträgern und damit zur Abkehr von erdölbasierten Kunststoffen führen. Ein „Weiter so“ darf es nicht geben – und wird es meines Erachtens auch nicht. In den Hochtechnologiebereichen wird Kunststoff seinen Rang wohl behaupten, übrigens auch aus ökologischen Gründen: Autos mit hohem Kunststoffanteil sind leichter und verbrauchen weniger Sprit. Im Produktdesign aber wird Kunststoff wohl massiv an Boden verlieren, als Modeerscheinung zumindest und auch bei regelrechten Verbrauchsgütern. Trotzdem muss man sich um die Zukunft des Kunststoffs auch in meiner Branche wohl nicht wirklich Sorgen machen, wenn es BASF, Bayer und Co. beizeiten gelingt, große Mengen Kunststoff biologisch zu erzeugen. Die Revolution auf der Materialseite wird, da bin ich sicher, wieder einen Boom nach sich ziehen.