27.05.2011

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Arabische Golfstaaten umwerben Kunststoffbetriebe

Rasant wachsende Petrochemie bietet kostengünstige Einsatzmittel - von Martin Böll

Der Nahe Osten ist die am schnellsten wachsende Region der Welt für die Produktion von Kunststoffgranulat und wird damit zunehmend interessant als Investitionsstandort für kunststoffverarbeitende Betriebe. Besonders in den arabischen Golfstaaten - allen voran Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) - weiten die großen petrochemischen Hersteller ihre Produktion von Basischemikalien kräftig aus und hoffen auf einen Zuzug von mittelständischen Unternehmen, welche die Vorprodukte weiterverarbeiten.

Die Golfstaaten - einschließlich Iran - werden 2015 etwa 46% mehr petrochemische Produkte herstellen als noch 2009, sagt die Gulf Petrochemicals and Chemicals Association (GPCA). Der Anteil der Region an der Weltproduktion werde im gleichen Zeitraum von 16 auf 20% steigen. Den entsprechenden Kapitaleinsatz beziffert der Verband auf 55 Mrd. US$. Hauptinvestor ist Saudi-Arabien.

Das Königreich ist schon jetzt das petrochemische Schwergewicht am Golf und stellt etwa die Hälfte der regionalen Produktion, gefolgt von Iran mit 27 und Katar mit 9%. Kuwait (5%), Oman (5%), die VAE (3%) und Bahrain (1%) sind bislang noch Leichtgewichte. Saudi-Arabien will seine Produktion bis 2015 von 53,2 Mio. auf etwa 70 Mio. jato steigern, der Iran von 28,4 Mio. auf 41,9 Mio. und die VAE von 3,4 Mio. auf 7,8 Mio. t. Die Produktion der Golfstaaten ist bislang wenig spezialisiert. So entfallen etwa 37% der chemischen Gesamtproduktion auf petrochemische Grundstoffe, 28% auf Düngemittel, 20% auf Polymere und 15% auf Zwischenprodukte.

Nach Angaben von Abdul Wahab Al Sadoun, Generalsekretär der GPCA, produzieren die Golfstaaten derzeit 25 Mio. jato Kunststoffgranulat, von denen bislang erst 3 Mio. t vor Ort zu Kunststoffprodukten und -zwischenprodukten weiterverarbeitet werden. Al Sadoun sieht die Staaten jedoch im geografischen Vorteil, wenn sie ihre Kunststoffproduktion ausweiten. Die Produzenten säßen unmittelbar neben den Ölquellen und die Hauptnachfrager der Zukunft - die VR China, Indien und die anderen fernöstlichen Staaten - seien gut zu erreichen. Schon jetzt gingen 55% der petrochemischen Golfexporte nach Fernost, sagt der Generalsekretär.

In Zukunft werden seiner Meinung nach mehr und mehr kunststoffverarbeitende Betriebe aus den Industrieländern eine Fertigung in den Staaten des Golfkooperationsrates aufbauen, weil sie die Nähe zu den Einsatzmitteln suchten. Als Beispiel nennt er die deutsche Bischof + Klein aus Lengerich in Westphalen, die im saudi-arabischen Al Khobar Kunststofffolien herstellt. Die Ansiedlung solcher mittelständischer Unternehmen soll durch spezialisierte Gewerbegebiete erleichtert werden, namentlich den Polymers Park in Abu Dhabi und gleich sechs vergleichbare Gelände in den neuen Industriestädten Saudi-Arabiens.

Nach Ansicht von Beobachtern können sich vor allem Saudi-Arabien und die VAE berechtigte Hoffnung auf einen Zuzug von internationalen kunststoffverarbeitenden Betrieben machen: Saudi-Arabien wegen seines enormen Wirtschaftspotenzials und die VAE wegen ihrer gut entwickelten Infrastruktur und ihrer vergleichsweise angenehmeren Lebensbedingungen. Von einem Rush oder einem Exodus zum Beispiel aus Europa kann allerdings keine Rede sein. In den GCC-Staaten Bahrain, Katar, Kuwait, Oman, Saudi-Arabien und den VAE gibt es bislang schätzungsweise 500 bis 600 nennenswerte kunststoffverarbeitende Betriebe (primary converter), in Europa dagegen sind es etwa 25.000.

Der Aufbau einer neuen Produktion in den Golfstaaten ist zudem oft leichter gewünscht als realisiert. Die Bürokratie ist groß und qualifiziertes Personal kaum zu bekommen. Die Anfangskosten sind hoch. Problematisch sind fehlende Doppelbesteuerungsabkommen, zum Beispiel mit Saudi-Arabien, oder sehr ungünstige, zum Beispiel mit den VAE (noch nicht in Kraft), was die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen gegenüber anderen EU-Mitgliedern beeinträchtigt. "Wer die Hürden aber genommen und es geschafft hat, will nicht mehr weg", sagt Andreas Hergenröther, Delegierter der Deutschen Wirtschaft für Saudi-Arabien. "Die Gewinnmargen sind deutlich höher, die Steuern gering, das Marktpotenzial ist noch längst nicht ausgeschöpft, und die Lebensbedingungen sind nach einer Eingewöhnungsphase deutlich besser, als man es sich anfangs vorgestellt hat."

Produktionskapazitäten der Golfstaaten und ihr Anteil an den weltweiten Kapazitäten (Kapazität in Mio. jato, Anteil in %)
[ *) Schätzung; Quelle: Gulf News]
[2;z]
Geografische Verschiebung der petrochemischen Produktion (%-Anteil an Weltproduktion)
[ *) Schätzung; Quelle: Gulf News]
[3;z]
Petrochemische Projekte *) der GCC-Staaten nach Status (in Mrd. US$)
[ *) Sub-, Mega- und Einzelvorhaben; Quelle: MEED Projects, Stand: 13.4.11]
[4;z]
Die größten aktiven petrochemischen Projekte der GCC-Staaten (Budget in Mio. US$)
[Quelle: MEED Projects, Stand 13.4.11]
[5;z]

Messehinweise:
Wichtigstes Branchenereignis ist die zweijährliche ArabPlast (Arab International Plastic & Rubber Trade Show) in Dubai, bei der es regelmäßig eine vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte Gemeinschaftsausstellung deutscher Firmen gibt. Angebotsschwerpunkte sind Kunststoffherstellungsanlagen, Kunststoffverarbeitungsmaschinen, Formmaschinen, Rohmaterial, Kunststoffe, Komponenten, Zubehör, Kunststofferzeugnisse, Kunststoffbeschichten, Kunststofftechnologie, Prüftechnik, Forschung und Entwicklung, Recycling, Umweltschutz, Werkzeuge, Rohstoffe, Hilfsstoffe, Fertigprodukte und Dienstleistungen. Die nächste Veranstaltung ist im Januar 2013. Parallel wird üblicherweise die Tekno/Tube Arabia veranstaltet. Internet: www.arabplast.info

In der saudi-arabischen Hauptstadt Riad findet ebenfalls alle zwei Jahre die Saudi Plastics statt, die sich an die gleiche Zielgruppe richtet wie die ArabPlast. Der nächste Termin ist der 28.11. bis 1.12.11 - zeitgleich mit der Saudi Pack/Saudi Print, der Saudi Sign & Graphic und der Saudi Petrochem. Internet: www.saudippp.com

Darüber hinaus gibt es einmal im Jahr in Riad die breiter aufgestellte MPT Arabia (Manufacturing & Plastics Technology). Angebotsschwerpunkte sind Kunststoffverarbeitungsmaschinen, Kunststoffherstellungsanlagen, Kunststofftechnologie, Herstellungsverfahren, Maschinen, Messtechnik, Prüftechnik, Chemische Grundstoffe, Zusatzstoffe, Metallverarbeitung, Formen, Gießereitechnik, CAD/CAM, Oberflächentechnik und Werkzeuge. Der nächste Termin ist der 1. bis 4.10.11. Internet: www.mpt-arabia.com

Anfang April 2011 wurde in Dubai zum zweiten Mal der GPCA Plastics Summit veranstaltet, eine Fachkonferenz des Verbandes, bei der es - wie bei vielen ähnlichen Veranstaltungen auch - weniger um die Qualität der Vorträge als um das in der Arabischen Welt so wichtige Networking ging.

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