Brief Hermann Marks an Hermann Staudinger vom 2. November 1928

Ich habe Ihrem Brief mit Bedauern entnommen, daß Sie durch die Ausführungen von Herrn Professor Meyer sich in Ihrer Priorität verletzt fühlen. Ich bin überzeugt, daß Herrn Professor Meyer nichts ferner gelegen hat als dieses und ich selbst habe auch sowohl in unseren Arbeiten als insbesondere in meinem Vortrag in Hamburg mich besonders bemüht die Wichtigkeit Ihrer schönen Arbeiten entsprechend zu betonen.

Die Einführung des Wortes ‚Hauptvalenzkette‘ halte ich allerdings für zweckmässig, denn sie bezieht sich auf Gebilde, die nicht genau mit dem identisch sind, was man bisher ein Molekül nannte. Mit dem Wort ‚Molekül‘ verbinde ich immer den Begriff einer grossen Menge miteinander völlig gleichartiger Gebilde, während der Begriff der Hauptvalenzkette eben gerade die Tatsache mitumfassen soll, dass in demselben Präparat durch chemische Methoden nicht voneinander zu trennende, einander sehr ähnliche vorliegen, die sich aber in ihrer Grösse voneinander ein wenig unterscheiden, sodass man nicht ein scharfes Molekulargewicht, wohl aber eine mittlere Länge der Hauptvalenzkette angeben kann. Wenn man bei Ihrem Makromolekül diese Tatsache noch besonders hinzusagt, dann werden die beiden Begriffe, soviel ich sehe, identisch und es bleibt eine Zweckmässigkeitsfrage, ob man ‚Hauptvalenzketten‘ sagt oder ‚Makromoleküle von schwankender Größe‘.

Aus diesem Grunde möchte ich diesen Unterschied nicht so stark herausstreichen; ich glaube es ist viel zweckmäßiger und dem Stand der Dinge viel angemessener, wenn wir auf dem Standpunkt stehen, dass wir im wesentlichen dasselbe meinen, nämlich, dass den chemischen Hauptvalenzen beim Aufbau der hochpolymeren Stoffe eine wesentliche Rolle zukommt. Dass wir die vorhandenen Zwischengrössen verschieden benennen, halte ich für weniger wesentlich. Es wird doch in der nächsten Zeit die Hauptfrage die sein, ob sich die von Ihnen und uns wie auch von Freudenberg, Willstätter und anderen vertretenen Standpunkte durchsetzen oder ob diejenigen rechtbehalten, welche meinen, dass man in den hochpolymeren Substanzen neuartige, bisher in der Chemie noch nicht aufgefundene Assoziationskräfte annehmen muss, um der Summe unserer Erfahrungen gerecht zu werden. Ich glaube, dass wir bei der Stellungnahme zu dieser Frage gemeinsam vorgehen und nicht gewisse, meiner Meinung nach geringe Differenzen zwischen unseren eigenen Anschauungen betonen sollten, sonst könnte das hochpolymere Lager leicht in den Fehler verfallen, der aus der Politik nur allzu bekannt ist; dass wegen kleiner Differenzen benachbarter Meinungen ein grosser Gesichtspunkt nicht genügend Beachtung und nicht nachhaltigen Ausdruck fand.

Ich werde mich bemühen möglichst bald einmal nach Freiburg kommen zu können, denn ich möchte sehr gerne ausführlich mit Ihnen über diese Frage sprechen.

Bis dahin bin ich mit den besten Empfehlungen stets
Ihr ganz ergebener
H. Mark