Das Leben des Hermann Staudinger - Teil 3. Die Jahre 1933-1945

Das Leben des Hermann Staudinger - Teil 3

Die Jahre 1933-1945

Mit den 1930er-Jahren bricht für Hermann Staudinger eine neue Zeitrechnung an: Seiner anfangs heftig befehdeten Theorie des makromolekularen Aufbaus der Polymere ist endlich die verdiente Anerkennung beschieden. Während der Gegenwind aus der Wissenschaft nachlässt, zieht 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten eine neue Gewitterfront auf. Was hat Staudinger als Leiter des chemischen Instituts der Universität Freiburg vom „totalen Staat“ zu gewärtigen? Und wie bringt er sich politisch den braunen Machthabern gegenüber in Stellung, die bekanntlich die Losung ausgegeben haben: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“?

 
 

Mit den 1930er-Jahren bricht für Hermann Staudinger eine neue Zeitrechnung an: Seiner anfangs stark angefeindeten Theorie des makromolekularen Aufbaus der Polymere ist endlich die verdiente Anerkennung beschieden; aus dem argwöhnisch beäugten Außenseiter wird ein gefeierter Bilderstürmer von Weltruf. Immer mehr Kollegen in der organischen Chemie machen sich Staudingers Konzept der „Riesenmoleküle“ zu eigen. Das trifft auch auf Kurt Hans Meyer und Hermann Mark zu, von Staudinger im Prioritätenstreit zu Hauptwidersachern erkoren, weil deren Hauptvalenzketten seinen Makromolekülen Konkurrenz machten (siehe Teil 2 dieser Serie). Meyers und Marks „neue Micellarlehre“ wird schon bald Geschichte sein, die beiden physikalischen Chemiker geben sie in ihren weiteren Arbeiten Stück für Stück auf (siehe Staudinger 1961, 93 und Priesner 1980, 214 u. 380).

Während der Gegenwind aus der Wissenschaft abflaut, zieht jedoch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 eine neue Gewitterfront auf. Was hat Staudinger als Leiter des chemischen Instituts der Universität Freiburg vom „totalen Staat“ zu gewärtigen? Und wie bringt er sich politisch den braunen Machthabern gegenüber in Stellung, die bekanntlich die Losung ausgegeben haben: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“?

Vorwurf „undeutscher Gesinnung“

Krüll (1978a), 48 stellt Staudinger ohne sein Zutun als Profiteur der Naziherrschaft und der Rassenideologie hin: „Nach 1933 kam Staudinger unversehens die Tatsache zur Hilfe, daß Mark und Meyer Juden waren. Im Sinne einer ‚deutschen Naturwissenschaft‘ hatte Staudinger somit selbstverständlich a priori recht, zumindest innerhalb des Machtbereiches der NSDAP“. Diese Einschätzung ist dahingehend zu korrigieren, dass Staudinger hinsichtlich des wissenschaftlichen Prioritätenstreites weder auf Unterstützung durch irgendwelche Antisemiten angewiesen war noch offiziell eine solche erfuhr. Die Nazis waren weit davon entfernt, Staudinger gegen irgendjemanden in Schutz zu nehmen, hatten ihn vielmehr selbst im Visier, indem sie ihm „undeutsche Gesinnung“ vorwarfen und ihn zum Staatsfeind erklärten.

Einer der ersten, die Hermann Staudinger politisch durchleuchten, ist der Philosoph Martin Heidegger (1889-1976), frischgebackenes Mitglied der NSDAP und erster nationalsozialistischer Rektor der Universität Freiburg (Amtszeit: 23. April 1933 bis 23. April 1934). Heidegger schwärzt nicht allein Fachkollegen, vornehmlich solche jüdischer Provenienz, an, etwa den Philosophen Richard Hönigswald (1875-1947), der aufgrund eines Heidegger-Schlechtachtens (Heidegger 1933, 161: „besonders gefährlicher Scharfsinn“, „leerlaufende Dialektik“) seinen Lehrstuhl an der Universität München verliert. Von Heidegger denunziert werden außerdem als politische Gegner identifizierte Wissenschaftler aller Fakultäten und „Rassen“, vorrangig Kommunisten und Sozialdemokraten, aber auch Parteilose, die eine nationalsozialistisch-soldatische Haltung vermissen lassen. Ein Raster, das aus Heideggers Sicht auch auf Staudinger passt – die Recherchen des Rektors fördern so viel Belastendes zu Tage, dass er gegen den Freiburger Starchemiker ein Amtsenthebungsverfahren lostritt:

● Im Juli 1933 kontaktiert Rektor Heidegger den in Freiburg habilitierten, jetzt an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, Staudingers früherer Wirkungsstätte, lehrenden Physiker Alfons Bühl (1900-1988). Dieser soll vor Ort „verschiedene(n) Gerüchte(n)“ auf den Grund gehen (Ott 1992, 209), allen voran jenem, Staudinger sei während des Ersten Weltkrieges „für das feindliche Ausland beratend tätig“ gewesen, und zwar im Hinblick auf „die Herstellung kriegswichtiger Chemikalien, besonders […] Farbstoffen“ (ebd., 203). Das jedenfalls war seinerzeit von der deutschen Botschaft in Bern ventiliert worden. Bühl kann nichts Handfestes in Erfahrung bringen und wird von einem Mitarbeiter des Zürcher Generalkonsulats an das Badische Bezirksamt in Karlsruhe verwiesen, wo „Material über Herrn Staudinger aus dem Jahr 1919 vorhanden sei“ (ebd., 209). – Heidegger-Biograph Hugo Ott hebt in diesem Zusammenhang hervor, die Causa Staudinger habe eindeutig das Initiativwerden Heideggers zum Ursprung; die treibende Kraft sei nicht, wie vielfach behauptet, das Kultusministerium in Karlsruhe gewesen, das erst später hinzugezogen wird. Deichmann 2001, 398 schreibt: „Staudinger erfuhr nie, daß es Heidegger war, der ihn 1933 denunzierte; seine Frau Magda Staudinger erfuhr es 1982 durch einen Artikel von Hugo Ott in der Badischen Zeitung.“ (vgl. Ott 1992, 207)

● Am 29. September 1933 weilt der Leiter der Hochschulabteilung des badischen Kultusministeriums, Eugen Fehrle (1880-1957), in Freiburg und wird von Heidegger „über politisch belastendes Material betreffend Hermann Staudinger […] informiert“ (ebd., 202). Fehrle erstattet nur einen Tag später bei der Polizeidirektion Freiburg Anzeige – der 30. September ist Stichtag für die Einleitung von Verfahren aus politischen Gründen kraft des am 7. April 1933 erlassenen Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, das den Nazis ermöglichte, missliebige Staatsdiener willkürlich aus ihren Ämtern zu entfernen. Die Ermittlungen gegen Staudinger übernimmt daraufhin die Geheime Staatspolizei Karlsruhe unter dem Tarnnamen „Aktion Sternheim“ (vgl. Farías 1989, 177). Heidegger „habe […] der Gestapo keine sachdienlichen Angaben machen können“ (Ott 1992, 202), heißt es in den Akten, sondern lediglich Gerüchte kolportiert. Die Gestapo trägt deshalb in den darauffolgenden Monaten aus Unterlagen des Karlsruher Bezirksamts – Staudinger war bis 1912 an der Karlsruher Technischen Hochschule tätig –, des deutschen Generalkonsulates in Zürich und der deutschen Botschaft in Bern „(d)rei umfangreiche Aktenfaszikel“ (ebd., 202) zusammen. Farías 1989, 177-178 schreibt: „Das von der Gestapo besorgte Material […] genügte, um von Karlsruhe aus einen Prozeß gegen Staudinger anzustrengen.“

 
 

Heidegger fordert Entlassung
● Am 6. Februar 1934 wird Heidegger vom badischen Kultusministerium „unter Zusendung der Akten zu einer eilbedürftigen Stellungnahme aufgefordert“, weil „eine etwaige Anwendung des Paragraphen 4 des Gesetzes (zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, Red.) bis zum 31. März 1934 erfolgt sein muß“ (Ott 1992, 204). Der Freiburger Rektor antwortet am 10. Februar, also nur vier Tage später, und plädiert auf Entlassung Staudingers aus dem Beamtenverhältnis. In Heideggers Brief heißt es u. a.:

 
 

Martin Heidegger

"Alle Berichte des deutschen Generalkonsulats Zürich aus der Kriegszeit […] sprechen von Weitergabe deutscher chemischer Herstellungsverfahren durch St. ans (feindliche) Ausland. […] Staudinger hat […] ‚niemals ein Hehl daraus gemacht, daß er in scharfem Gegensatz zu der nationalen Strömung in Deutschland stünde und hat wiederholt erklärt, daß er sein Vaterland niemals mit der Waffe oder sonstigen Dienstleistungen unterstützen werde‘. […] Nicht weniger belastend sei die Tatsache, daß Staudinger 1917 von Zürich aus eine Bittschrift für den Pazifisten Dr. med. (Georg Friedrich, Red.) Nicolai (1874-1964, Red.) verfaßt habe, welcher sich geweigert hatte, den Fahneneid zu leisten. […] Diese Tatsachen erfordern schon aus sich die Anwendung des Paragraphen 4 zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Da sie seit den Erörterungen über die Berufung Staudingers1925/26 nach Freiburg weiten deutschen Kreisen bekannt geworden und seither bekannt geblieben sind, verlangt auch das Ansehen der Universität Freiburg ein Einschreiten […]. Es dürfte eher Entlassung als Pensionierung in Frage kommen. Heil Hitler! Heidegger“ (zitiert nach Ott 1992, 205)

Der badische Kultusminister Otto Wacker (1899-1940) schließt sich am 22. Februar 1934 der Forderung Heideggers an (siehe Farías 1989, 178, Ott 1992, 206 und Deichmann 2001, 397) und beantragt: „Das Staatsministerium wolle Herrn Reichsstatthalter vorschlagen, Professor Dr. Hermann Staudinger […] aus dem badischen Staatsdienst zu entlassen.“ (zitiert nach Ott 1992, 206) Staudinger komme „als Erzieher für die deutsche akademische Jugend nicht mehr in Betracht; ich erachte die Voraussetzungen für die Entfernung von der Universität Freiburg gemäß § 4 des Gesetzes (zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, Red.) als gegeben“ (ebd.).

Dass Staudinger eingefleischten Nazis ein Dorn im Auge war, hat mehr zum Grunde als bloße Gerüchte:

● Der familiäre Stallgeruch Staudingers ist politisch eindeutig links. Vater Franz (1849-1921) strebte als promovierter Philosoph nach Synthese der Lehren von Kant und Marx, publizierte in den „Sozialistischen Monatsheften“, engagierte sich in der genossenschaftlichen Bewegung und war mit führenden Sozialdemokraten wie Eduard Bernstein (1850-1932) persönlich befreundet. Staudingers erste Ehefrau Dora (1886-1964), geborene Förster, war ebenfalls in der Genossenschaftsbewegung aktiv und „eingebunden in die religiös-pazifistischen und religiös-sozialistischen Kreise um den (Schweizer, Red.) Pfarrer (Leonhard, Red.) Ragaz (1868-1945, Red.), der seines Pfarramtes dann verlustig ging“ (Ott 1992, 204). Staudingers Bruder Hans (1889-1980), Staatssekretär im preußischen Handelsministerium, gehörte der SPD an und war mit der Jüdin Else Maier (1889-1966) verheiratet. Er wurde 1933 sogleich aus dem Staatsdienst entlassen und inhaftiert. 1934 konnte er in die USA emigieren und wurde Professor für Ökonomie an der New School for Social Research in New York (siehe Deichmann 2001, 396-397). – Im NS-Staat wurden Kommunistische und Sozialdemokratische Partei bekanntlich von Anfang an als „staats- und volksfeindlich“ gebrandmarkt und ihre Mitglieder systematisch verfolgt. Auf Grundlage der sogenannten Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar 1933 wurden die 81 Reichstagssitze der KPD am 8. März annulliert, am 26. Mai wurde das Vermögen der Partei eingezogen. Die SPD betreffend, forderte Reichsinnenminister Wilhelm Frick (1877-1946) am 22. Juni die Landesregierungen zum Erlass eines Betätigungsverbots auf:

„Der Sozialdemokratie kann […] nicht die Möglichkeit gewährt werden, sich in irgendeiner Form propagandistisch zu betätigen. […] Das Vermögen […] wird, soweit es nicht bereits in Verbindung mit der Auflösung der Freien Gewerkschaften sichergestellt worden ist, beschlagnahmt. Mit dem landesverräterischen Charakter der Sozialdemokratischen Partei ist die weitere Zugehörigkeit von Beamten, Angestellten und Arbeitern, die aus öffentlichen Mitteln Gehalt, Lohn oder Ruhegeld beziehen, zu dieser Partei selbstverständlich unvereinbar.“ (zitiert nach http://library.fes.de/fulltext/bibliothek/chronik/band2/e235f1109.html)

Aus dem Reichsjustizministerium hieß es in diesem Zusammenhang: „Von denjenigen Bediensteten, die diesen Parteien früher angehört haben, ist eine schriftliche Erklärung zu fordern, dass sie keinerlei Beziehungen zu den beiden Parteien (SPD und KPD, Red.), ihren Hilfs- und Ersatzorganisationen und ihren Vertretern im Ausland mehr unterhalten. Sie sind darauf hinzuweisen, dass falsche Angaben mit Dienstentlassung bestraft werden“ (zitiert nach Minssen/Walgenbach 1985-I, 171).

● Der an Staudinger ergangene Vorwurf mangelnder „nationaler Gesinnung“ galt in erster Linie dessen Streben nach doppelter Staatsbürgerschaft während seiner Zürcher Jahre, also nach Erwerb des Schweizer Passes zusätzlich zum deutschen. Heidegger moniert in seinem auf Staudingers Entlassung dringenden Brief vom 10. Februar 1934: „Im Januar 1917, also in höchster Notzeit des Vaterlandes, bewarb sich St. ums schweizerische Bürgerrecht, ohne daß eine berufliche oder andere Notwendigkeit vorlag. Der Vollzug wurde durch das deutsche Generalkonsulat verhindert. […] Am 9. 1. 1919, also unmittelbar nach dem deutschen Niederbruch, erneuerte St. sein Gesuch um Erlaubnis zur Einbürgerung in der Schweiz […]. Die Einbürgerung erfolgte am 23. 1. 20, ohne daß die deutsche Genehmigung vorlag.“ (zitiert nach Ott 1992, 205) Damit einher ging der Vorwurf „antimilitärische(r) Gesinnung“ (Ott 1992, 204): Obwohl mit 23 Jahren als untauglich ausgemustert, wurde Staudinger während des Ersten Weltkriegs, mittlerweile 34-jährig, erneut militärärztlich untersucht und diesmal vom Dienst in der Wehrmacht lediglich zurückgestellt – vorläufig. Wohl um sich dem erwartbaren Einberufungsbefehl zu entziehen, beantragt Staudinger den Schweizer Pass (vgl. Ott 1992, 203). Gegen diese Lesart spricht allerdings, dass Staudinger sich damit fast zwei Jahre Zeit ließ; sein Bekenntnis zur Schweiz lässt sich von daher alternativ als Neutralitätsadresse an die kriegsführenden Parteien deuten, die er 1917 auffordert, alle Kampfhandlungen einzustellen und Friedensverhandlungen einzuleiten.

 
 

„Dolchstoß“ als Legende entlarvt
● Staudinger sah infolge des Kriegseintritts der USA Deutschlands Niederlage auf dem Schlachtfeld als besiegelt an, und zwar aufgrund rüstungstechnischer und ökonomischer Unterlegenheit (siehe ausführlich Teil 1 dieser Serie). Staudinger wird deswegen nach 1918 und erst recht nach 1933 von nationalistischen Kreisen als „Pazifist und Meuchler deutscher Wehrkraft“ (Jaenicke 2003, 604) geschmäht und muss als eine Art Kronzeuge herhalten für die sogenannte Dolchstoßlegende. Diese behauptet, die revoltierende „Heimatfront“ sei dem „im Felde unbesiegten“ deutschen Heer in den Rücken gefallen und habe die Niederlage verschuldet. Staudinger 1947, 42 hält dem entgegen, die politische Führung habe versagt, indem sie sich Illusionen über einen deutschen Sieg hingegeben habe, statt auf das Friedensangebot des US-Präsidenten Wilson einzugehen (vgl. ebd., 42). Die Fehleinschätzung der militärischen Lage habe den nicht mehr zu gewinnenden Krieg unnötig in die Länge gezogen und Deutschlands Niederlage besonders bitter werden lassen (vgl. Staudinger 1947, 41, 44 u. 53). Um von solch politischem Versagen abzulenken, entstand die Dolchstoßlegende: Sie „ließ das deutsche Volk die militärische Niederlage des ersten Weltkrieges vergessen, die […] militärische Führer im Bewußtsein ihrer Verantwortung zugegeben haben“, schreibt Staudinger 1947, 44. Als dessen Kronzeuge fungiert in diesem Zusammenhang General Erich Ludendorff (1865-1937), der in seinen 1919 erschienenen „Kriegserinnerungen“ bekennt: „Der 8. August (1918 = Beginn der Schlacht bei Amiens, Red.) stellt den Niedergang unserer Kampfkraft fest […]. Das Kriegführen nahm damit […] den Charakter eines unverantwortlichen Hasardspieles an, das ich immer für verderblich gehalten habe. Das Schicksal des deutschen Volkes war mir für ein Glücksspiel zu hoch. Der Krieg war zu beendigen.“ (zitiert nach Staudinger 1947, 42-43) Eine Auffassung, die auch Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg (1847-1934) unmissverständlich vertrat: „Unter diesen Umständen ist es geboten, den Kampf abzubrechen, um dem deutschen Volke und seinen Verbündeten nutzlose Opfer zu ersparen. Jeder versäumte Tag kostet Tausenden von tapferen Soldaten das Leben.“ (zitiert nach Staudinger 1947, 42-43) Mit diesem Zitat entlarvt Staudinger den behaupteten Dolchstoß als Legende – und den späteren Reichspräsidenten als Lügner, weil dieser dem eigenen Standpunkt bald untreu wurde. In Hindenburgs Aufruf an das deutsche Volk zum Weihnachtsfest 1918 heißt es nämlich: „Dies mächtige Kriegsinstrument (= das deutsche Volk in Waffen, Red.) ist nicht zusammengebrochen unter dem Ansturm der feindlichen Heere. Es hat einer Welt von Feinden bis zur letzten Stunde Stand gehalten, bis der Befehl, den Kampf zu beenden, es in die Heimat zurückrief. […] Auf allen Kriegsschauplätzen verläßt der deutsche Krieger unbesiegt das Schlachtfeld.“ (zitiert nach Staudinger 1947, 45)

Weil die „in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg entstandene Dolchstoßlegende […] später vor allem von der Nationalsozialistischen Partei aufgegriffen“ wurde (Staudinger 1947, 44), standen sich Staudinger und die braunen Machthaber auch in dieser Hinsicht unversönlich gegenüber. Entsprechend ergingen im Zuge der Vernehmungen anlässlich des Amtsenthebungsverfahrens „Vorwürfe undeutschen Verhaltens während des Ersten Weltkrieges“ an Staudinger (Deichmann 2001, 397).

 
 

Paul Hindenburg

Paul Hindenburg

General Erich Ludendorff

General Erich Ludendorff
 

„Freund der nationalen Erhebung“
Seinen Standpunkt zu verteidigen, wäre für Staudinger kein Blumentopf zu gewinnen gewesen. So entschied er sich, während seines Verhörs im badischen Kultusministerium am 17. Februar 1934 zu erklären, er habe „sich längst von seinen früheren politischen Anschauungen gelöst“ (siehe Ott 1992, 207). „Seit Beginn seiner Freiburger Tätigkeit könne ihn der Vorwurf ‚antinationaler Gesinnung‘ nicht mehr treffen, sondern er habe ‚den Ausbruch der nationalen Revolution mit Freude begrüßt.‘“ (Deichmann 2001, 397) Ein taktisches Manöver, dem die Nazis wenig Glauben schenkten – Heidegger etwa hat nur Spott dafür übrig, dass „sich Staudinger heute als 110prozentiger Freund der nationalen Erhebung ausgibt“ (zitiert nach Ott 1992, 205). Auch für Deichmann 2001, 397 steht fest: „Mit dieser Verteidigung konnte er […] die Vorwürfe undeutschen Verhaltens während des Ersten Weltkrieges nicht entkräften.“ (vgl. Ott 1992, 206) Staudinger legt also nach und widerspricht den Etikettierungen „undeutsch“ und „Pazifist“:

● Mit dem Vorwurf, Deutschland den Rücken gekehrt und beruflich „zu lange im Ausland gewesen zu sein“ (Minssen/Walgenbach 1985-I, 193), muss sich Staudinger bis Ende der 1930er-Jahre herumschlagen. Er versucht ihn dadurch zu entkräften, dass er auf das Fortbestehen enger Kontakte zur deutschen Industrie während seiner Zeit am Chemischen Institut der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich verweist:

„‚Ich habe während dieser Tätigkeit von 1912 bis 1926 ständig Beziehungen zur deutschen Industrie aufrechterhalten und eine Reihe großer Arbeiten mit derselben durchgeführt. […]‘ Staudinger nennt: 1. die Schädlingsbekämpfung, 2. die Pfeffersynthese, 3. Versuche zur Synthese eines künstlichen Kaffeearomas. Alle diese Arbeiten hingen mit der Ersatzproduktion des ersten Weltkriegs zusammen. […] ‚Ich bemerke noch, daß bei meiner Annahme des Rufes (nach Freiburg, Red.) 1926 nur der Wunsch der Rückkehr nach Deutschland bestimmend war, um hier meine Arbeiten über die makromolekulare Chemie fortzuführen, die ich für wichtig hielt und halte. Der schweizerische Schulrat hatte mir günstige Angebote gemacht, um mich zum Bleiben zu bewegen. Das Laboratorium in Zürich wurde von mir während meiner dortigen Amtszeit auf das Doppelte erweitert, während das Freiburger Laboratorium damals in jeder Hinsicht weit ungünstigere Arbeitsbedingungen bot, – ein Zustand, der sich erst jetzt grundlegend geändert hat.‘“
(Brief Staudingers vom 7. November 1938, zitiert nach Minssen/Walgenbach 1985-I, 193)

● Dem Pazifismus-Verdikt der Nazis versucht Staudinger sich zu entziehen, indem er sich von fundamentalistischen Positionen abgrenzt: „Er sei nicht Pazifist in dem streng religiösen Sinn der Quäker oder Kriegsdienstverweigerer gewesen, sondern Pazifist ‚aufgrund meiner Kriegsvorstellungen über die Bedeutung der Technik.‘“ (Ott 1992, 207) An diese damaligen, von Staudinger als streng wissenschaftlich apostrophierten, soll heißen: unpolitischen Überlegungen knüpft er zur Abwehr der gegen ihn betriebenen Demontage nun in einem für die Düsseldorfer „Völkische Zeitung“ verfassten Beitrag an, der unter dem Titel „Die Bedeutung der Chemie für das deutsche Volk“ am 25. Februar 1934 erscheint. Sonderdrucke dieses Zeitungsartikels lässt er dem badischen Kultusminister Otto Wacker und dem Freiburger NS-Oberbürgermeister Franz Kerber (1901-1945) zukommen (siehe Otto 1992, 207 und Deichmann 2001, 398). Staudinger führt darin u. a. aus:

Es „bleiben dem deutschen Volk nur zwei Wege offen, um sich zu erhalten. Es müssen einmal aus dem gegebenen Boden durch sorgsame Pflege möglichst viele Produkte herausgeholt werden. Ferner muß versucht werden, die Einfuhr zurückzudrängen. […] Wenn […] in den nächsten Jahren der Ausbau der deutschen Technik vollzogen werden kann, wird damit Wesentliches erreicht, um Deutschland eine unabhängige Stellung in der Welt zu erwerben.“ (zitiert nach Minssen/Walgenbach 1985-I, 182)

Kein Kniefall vor den Nationalsozialisten, aber, wie Ott 1992, 207 befindet, „eine ‚Goodwill‘-Aktion“, mit der Staudinger sich zur Autarkiepolitik der NS-Regierung bekennt und sich vermöge seines wissenschaftlichen Know-hows als Zuarbeiter zu empfehlen versucht. So „könne er jetzt ‚im nationalsozialistischen Staat eine außerordentlich weitgehende Betätigungsmöglichkeit‘ haben“ (ebd.).

Sensationelle Wendung
Staudingers Klimmzüge, die Angriffe der Nazis abzuwehren, erscheinen alles in allem wenig geeignet, seine Entlassung aus dem Staatsdienst abzuwenden. Fallen gelassen wird immerhin „der Vorwurf des Verrates von Fabrikationsgeheimnissen“ ans feindliche Ausland (Ott 1992, 205, vgl. Deichmann 2001, 397). Den Kopf gänzlich aus der Schlinge zu ziehen, hat Staudinger aber nicht in der Hand. Was ihm schließlich zu Hilfe kommt, ist seine fachliche Reputation. Heidegger höchstselbst rät am 5. März 1934 zähneknirschend dazu, „Rücksicht auf die Stellung, die der Genannte in seiner Wissenschaft im Ausland genießt“, zu nehmen, nicht ohne hervorzuheben, „daß in der Sache sich natürlich nichts ändern kann. Es handelt sich lediglich darum, eine neue außenpolitische Belastung nach Möglichkeit zu vermeiden“ (zitiert nach Ott 1992, 208). Ein Rückzieher, der allerdings weiter darauf besteht, über Staudinger sei eine Sanktion zu verhängen, und diese lediglich mildert: Staudinger solle, so Heidegger, nicht mehr ohne Bezüge entlassen, sondern in den Ruhestand versetzt werden (vgl. Farías 1989, 178 und Ott 1992, 209). Für Staudingers Karriere in Deutschland hätte natürlich auch dieser „Gnadenakt“ (Ott 1992, 209) das Aus bedeutet. Doch das letzte Wort ist nicht gesprochen, die Schmach wird noch abgewendet: „Verschiedene Interventionen – u. a. setzte sich der Freiburger NS-Oberbürgermeister Dr. Kerber für Staudinger ein, vermutlich auch die chemische Industrie – führten dazu, daß das (badische, Red.) Kultusministerium den Antrag (vom 22. Februar 1934, Red.) zurückzog.“ (Deichmann 2001, 397; vgl. Ott 1992, 207)

Eine sensationelle Wendung, nicht ohne dass die Nazibehörde, um das Gesicht zu wahren, Staudinger nochmals demütigt: Er selbst „mußte den förmlichen Antrag auf Entlassung aus dem badischen Staatsdienst stellen, der dann für sechs Monate zu den Akten genommen wurde. Da die Vorwürfe sich auf einen längere Zeit zurückliegenden Tatbestand stützten, werde der Entlassungsantrag nur dann ‚verbeschieden, wenn neuerliche Bedenken auftauchten.‘ Solche tauchten nicht auf, […] und vereinbarungsgemäß durfte Staudinger im Oktober 1934 seinen Antrag zurückziehen. Der Fall war abgeschlossen, glimpflich für Staudinger ausgegangen.“ (Ott 1992, 208; vgl. Farías 1989, 178 und Deichmann 2001, 398)

Die Ressentiments gegen ihn bestehen gleichwohl unvermindert fort, da sich, wie Heidegger formuliert hatte, „in der Sache […] natürlich nichts ändern kann“. Staudinger konnte ermessen, auf welch dünnem Eis er nach wie vor agierte. Die spannende Frage ist, wie er sich dazu verhielt und welche Strategie er wählte, sich möglichst unangreifbar zu machen. Das Weite sucht er jedenfalls nicht, bleibt taub für den Ruf der Berliner Technischen Hochschule, die den freien Lehrstuhl daraufhin mit Franz Bachér (1894-1987) besetzt, „einem aktiven Nationalsozialisten und unbedeutenden Chemiker“ (Deichmann 2001, 183). Von den Nazis beargwöhnt, musste auf Staudinger die Reichshauptstadt wirken wie die Höhle des Löwen, also sah er sich trotz der gerade durchlittenen Krise lieber weiter in Freiburg. Die Situation dort entspannte sich allerdings nicht, das Arbeiten wurde ihm eher schwerer gemacht: „Staudinger unternahm von Juni 1933 bis Oktober 1936 fünf Auslandsreisen in verschiedene Länder Europas, wurde aber vom REM (= Reichserziehungsministerium, Red.) mit Hinweis auf seine politische Vergangenheit aufgefordert, Einladungen nach Zürich (1937), Riga (1937) und Rom (zum Internationalen Chemiker-Kongreß 1938) abzusagen.“ (Deichmann 2001, 399) In einem Brief des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Bernhard Rust (1883-1945), an den Rektor der Universität Freiburg, Otto Mangold (1891-1962), heißt es dazu unter dem Datum des 2. November 1938:

„Die Entscheidung über Anträge des Professors Dr. H. Staudinger, Direktors des Chemischen Laboratoriums der Universität Freiburg i. B., auf Genehmigung von wissenschaftlichen Auslandsreisen behalte ich mir in Zukunft selbst vor. Ich ersuche, Professor Staudinger in geeigneter Weise davon in Kenntnis zu setzen, dass mir eine wissenschaftliche Auslandstätigkeit des Professors Staudinger mit Rücksicht auf seine politische Vergangenheit bis auf weiteres noch nicht erwünscht erscheint.“ (zitiert nach Minssen/Walgenbach 1985-I, 192)

Staudinger fürchtet, wegen der Daumenschrauben, die man ihm anlegt, auf internationalem Terrain ins Abseits zu geraten, sodass andere Wissenschaftler sich mit den ihm zustehenden Lorbeeren schmücken könnten: „In der amerikanischen Literatur wird die Lage heute schon häufig so hingestellt, als ob Carothers die Chemie der Hochmolekularen geschaffen habe“, klagt er am 23. November 1934 in einem Brief an Georg Kränzlein (1881-1943; zitiert nach Deichmann 2001, 404), „eine(n) der Direktoren der I.G. Farben, der […] die Alizarin-Abteilung des Werkes Hoechst leitete“ (ebd., 399). Nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ wird Staudinger den Nazis in einer im Juli 1945 vorgelegten Denkschrift ankreiden, sie hätten Deutschland als Wissenschaftsstandort geschwächt und im internationalen Wettbewerb ins Hintertreffen gebracht:

„Parteiliche Rücksichten haben […] verhindert, dass ein wichtiges neues Gebiet deutscher Forschung (= die makromolekulare Chemie, Red.) […] im Ausland genügend vertreten war; dies ist gerade deshalb zu bedauern, weil dieses Gebiet bei seiner technischen und wissenschaftlichen Bedeutung in England und Amerika besonders gefördert wurde.“ (Staudinger 1945, 11)

 
 

Antisemitische Pose
Um als Wissenschaftler unbehelligt forschen zu können, versucht Staudinger, den Machthabern keine neuen Angriffsflächen für politische Attacken zu bieten, ja diese ins Leere laufen zu lassen. Er entwickelt die Strategie, sich bei den Nazis lieb Kind zu machen, und zieht dazu die verschiedensten Register. So stellt er sich wegen der Ablehnung, die seinem Makromolekülkonzept anfänglich entgegenschlug, als „Opfer von Juden“ (Deichmann 2001, 404) hin, beklagt deren angebliche Dominanz in der Wissenschaft und scheut dabei nicht vor antisemitischen Klischees und Parolen zurück.

In einem Brief vom 9. Juni 1941 an den Kölner Unternehmer Helmut Wolfgang Klever (1881-1970), einen Duzfreund und früheren Schüler, fabuliert Staudinger von „einer vollkommen geschlossenen Clique […], die sich früher vor 1933 herausgebildet hat und die heute noch zusammenhält. Gegen diese Juden im Ausland und diese Judengenossen im Inland, ist sehr schwer aufzukommen.“ (zitiert nach Priesner 1980, 329) Staudinger unterschlägt hier zum einen, dass es ein Chemie-Nobelpreisträger mosaischen Glaubens, Richard Willstätter (1872-1942), war, der als Erster seiner Makromolekültheorie beipflichtete. Zum anderen schwingt er das – eigentlich seit Jahren begrabene – Kriegsbeil gegen seine ehemaligen Opponenten Kurt Hans Meyer und Hermann Mark (siehe Folge 2 dieser Serie), denn ihnen gilt die Verbalinjurie. Jaenicke 2003, 604 spricht diesbezüglich von „Feind-Popanze(n)“. Es kann keine Rede davon sein, dass die beiden Chemiker sich jemals gegen Staudinger verschworen hatten, und seit ihrer Emigration geht erst recht keine Bedrohung von ihnen aus: Meyer lehrt seit 1932 an der Universität Genf, nachdem seine so gut wie sichere Berufung an die Berliner Technische Hochschule durch Staudinger höchstpersönlich vereitelt worden war (siehe Priesner 1980, 306-307, und Deichmann 2001, 255). Mark entkam den Nazis nach Entzug der Lehrerlaubnis an der Universität Wien und zeitweiliger Inhaftierung 1938 in die USA und wirkt seit 1940 am Polytechnic Institute of New York in Brooklyn (vgl. Priesner 1980, 327 und Deichmann 2001, 183). Trotzdem lässt Staudinger nicht nach, sich als Opfer zu inszenieren. So schreibt er im Juni 1938, „Tatsachen entstellend“ (Deichmann 2001, 406), folgenden Brief an das Reicherziehungsministerium, nachdem dieses ihm untersagt hatte, am Internationalen Chemikerkongress in Rom teilzunehmen:

„Meine Stellung in der deutschen Chemie wird sehr ungünstig beeinflußt durch einen wissenschaftlichen Kampf, den ich […] mit vornehmlich jüdischen Kreisen zu führen hatte. Das Gebiet der hochmolekularen Stoffe (Kautschuk, Cellulose, Kunststoffe), um das es sich dabei handelt, ist wissenschaftlich und technisch gleich bedeutungsvoll. Meine Ergebnisse wurden 1926 auf dem Naturforschertag in Düsseldorf abgelehnt, da viele jüdische Wissenschaftler damals ganz andere Auffassungen hatten. Von 1928 suchten dann diese, vor allem K. H. Meyer, wesentliche Ergebnisse meiner Arbeiten zu übernehmen, ohne mich zu nennen, wie das sonst in der Wissenschaft üblich ist. Da ich mir dies nicht gefallen lassen konnte, entspann sich eine Polemik, die sich jahrelang hinzog und die sich in persönlicher Hinsicht sehr nachteilig für mich auswirkte, da K. H. Meyer als Vorstandsmitglied der I. G. Farben-Industrie und Direktor des Werkes in Ludwigshafen eine sehr einflußreiche Stellung in der deutschen Chemie innehatte. Der Erfolg, den jüdische Kreise in der Wissenschaft haben, beruht auf derselben Methode, die sie auch auf anderen Gebieten anwenden: Hervorheben eigener Leistungen und zersetzende Kritik gegenüber anderen. […] Ihr Einfluß macht sich auf in- und ausländischen Kongressen sehr unangenehm bemerkbar, so hauptsächlich auf dem Internationalen Chemikerkongreß in Madrid 1934. Diesen Kreisen, denen ich in Madrid entgegengetreten bin, wird mein Fernbleiben vom Romkongreß eine besondere Freude bereiten. Ich bedaure nur, daß so mein jahrzehntelanger Kampf um die Brechung des jüdischen Einflusses auf diesem wichtigen Gebiet der Chemie im Grunde ein vergeblicher war.“ (zitiert nach Deichmann 2001, 406-407)

Ein Schuss, der nach hinten losgeht: Das Reichserziehungsministerium konfrontiert die I. G. Farben mit den Inhalten des Briefs und bittet den schon erwähnten Georg Kränzlein vom Werk Hoechst um Stellungnahme. Kränzlein ist „empört über die Kritik, die Staudinger durch die Vorwürfe an Meyer auch an der I. G. übte“, und „lehnt( ) Staudingers Darstellung, Opfer jüdischer Machenschaften geworden zu sein, als haltlos ab“ (Deichmann 2001, 407). Was aber reißt Staudinger, wie erwähnt, drei Jahre später erneut zu antisemitischen Ausfällen („geschlossene jüdische Clique“) gegen Meyer und Mark hin? Anlass ist das Erscheinen des von beiden verfassten Lehrbuchs „Hochpolymere Chemie“, „das trotz der Tatsache, daß beide der NS-Terminologie nach Juden waren, 1940 in Leipzig veröffentlicht wurde, sowie eine positive Rezension“ in der Zeitschrift „Die Naturwissenschaften“ (Deichmann 2001, 408-409). Darin heißt es „in Anspielung auf Staudinger: ‚Man lese den Abschnitt über Viskosität. Obwohl, und zwar mit überzeugender Begründung, eine unmittelbare und einfache Beziehung zwischen Molekülgröße und Größe der Kettenlänge abgelehnt wird, betont der Verfasser ausdrücklich die Brauchbarkeit der Viskositätsmessung für die Beurteilung der Lösungen hochmolekularer Stoffe. Denen, die so weit gehen, Kettenlängen oder Polymerisationsgrad und aus der Viskosität abgeleitete Größen geradezu zu verwechseln, wird dieses Kapitel besonders lehrreich sein.‘“ (ebd., 409)

Priesner 1980, 331 wertet das Ganze als „ein untrügliches Indiz für Staudingers intaktes ‚Feindbild‘“ und fügt hinzu: „Es ist erschreckend, wenn das bißchen geistige Freiheit, das 1941 in Deutschland noch vorhanden war, als Machenschaft einer Verschwörerclique diffamiert wurde“ (ebd., 330). Jaenicke 2003, 604 geißelt Staudingers „Rundum- und Tiefschläge( ) gegen die jüdische Einfesselung der deutschen Makromoleküle durch undeutsche Polymerketten“ und „die typische […] unoriginelle Aneignung fremden Gedanken- und Kulturguts zu kommerziellen Zwecken“ als „peinlich, […] anbiedernd und anpasserisch“ und befindet: „Genie schützt vor Torheit nicht“ (ebd.). Auch bei den Nationalsozialisten macht sich Staudinger mit seiner antisemitischen Pose nicht unbedingt Freunde. I.G.-Direktor Georg Kränzlein, späterer „Gauamtsleiter des Amtes für Technik der NSDAP in Hessen-Nassau und SS-Hauptsturmführer“ (Deichmann 2001, 406), kanzelt ihn ab:

„Sie begehen m. E. den Fehler, daß Sie sich dauernd mit Juden herumstreiten. [...] Sie haben es nicht nötig, sich mit Juden in Polemiken einzulassen, denn dadurch erweisen Sie ihnen viel zu viel Ehre. Meiden und ignorieren Sie diese Gesellschaft, denn sonst geben Sie ihr immer wieder das letzte Wort und das richtet sich immer wieder gegen Sie. Wir distanzieren uns systematisch von den Juden, das beweisen die Nürnberger Gesetze. Dadurch bringen wir sie wieder dahin, woher sie gekommen sind. Warum distanzieren Sie sich in der Wissenschaft nicht? Auch hier müssen sie wieder zurück in ihr geistiges Ghetto, woher sie gekommen sind, zurück zu ihrem Talmud, von dem sie ja doch nicht loskommen. […] Statt dessen putschen Sie das Zusammenhalten der Juden gegen Sie immer weiter auf und das schadet Ihnen auf die Dauer. […] Heute ist es Ihre Pflicht, die Juden überhaupt nicht mehr zu erwähnen, geschweige sich weiter in eine Polemik mit ihnen einzulassen.“
(Brief Kränzleins ans Staudinger vom 3. Juni 1936, zitiert nach Priesner 1980, 318; vgl. ebd., 317 und Deichmann 2001, 405)

Staudinger gibt sich trotzdem auch weiterhin alle Mühe, für einen Antisemiten zu gelten: Er „hatte sich schon 1936 darum gesorgt, daß zu viele ‚Nichtarier‘ an seinem Institut studieren könnten; und im Mai 1942 äußerte er erneut schriftlich beim Rektor Bedenken – nunmehr, als es keine Juden an deutschen Hochschulen mehr gab – über zu viele ‚Mischlinge‘ unter den Studierenden der Chemie“ (Martin 1994, 11, Fn. 32).

 
 

Keine Chance aufs Parteibuch
Zweifel an seiner Linientreue endgültig beseitigen soll „sein Antrag auf Aufnahme in die NSDAP“ (Schnabel 1991, 230), doch dieser wird abschlägig beschieden, offiziell „wegen früherer Zugehörigkeit zu einer Freimaurerloge“ (ebd.). Eine Familientradition – Staudingers Vater war „Großmeister der ‚Großloge zur Eintracht‘“ (Krüll 1978b, 225). Als Fördermitglied der SS wird Staudinger übrigens bloß deshalb geführt, weil diese ihn „von Zeit zu Zeit zu Schutzgeld-Zahlungen […] erpresst“ hat (Jaenicke 2003, 604).

Auch wenn Staudinger, wie gezeigt, alles daran setzt, den Eindruck zu erwecken, er stehe politisch mit beiden Beinen im braunen Lager, attestiert Krüll 1978a, 48, ihm, „kein Nazi“ gewesen zu sein. Mit Recht, denn als Institutsleiter schert sich Staudinger meist keinen Deut um die NS-Ideologie und agiert politisch höchst inkorrekt, indem er Studenten und Assistenten protegiert, die den Nazis ein Dorn im Auge sind:

● Staudinger stellt sich schützend vor Ernst Trommsdorff (1905-1996), „eine(n) meiner besten Assistenten und Mitarbeiter“ (zitiert nach Minssen/Walgenbach 1985-I, 176), der 1932 bei ihm promoviert hat und dem nun aufgrund „jüdischer Abstammung“ die Entlassung aus dem Beamtenverhältnis droht. Am 1. August 1933, kurz bevor er selbst zur Zielscheibe wird, wendet sich Staudinger brieflich an Rektor Martin Heidegger:

„In meinem Laboratorium ist durch die gemeinsame Arbeit ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen den Angehörigen des Laboratoriums, den Dozenten, Assistenten und Studierenden, vorhanden. In diese Arbeitsgemeinschaft gehörte Herr Dr. Trommsdorff voll und ganz hinein. So war er voriges Jahr mit sieben anderen Assistenten mir bei der Abfassung eines Buches über Kautschuk und Cellulose behilflich. Dieses Gefühl der Gemeinschaft wird gestört, wenn ein Mitglied derselben unter diesen Bedingungen ausscheiden muß.“ (zitiert nach Minssen/Walgenbach 1985-I, 175)

In einem Parallelstrang der Argumentation legt Staudinger es darauf an, Trommsdorff einen Anstrich als Symapthisanten der Nazibewegung zu verpassen, um jenen, die ihm übel wollen, den Wind aus den Segeln zu nehmen:

„Herr Dr. Trommsdorff steht mit seinen ganzen Anschauungen dem heutigen Staat durchaus bejahend gegenüber. Ein Bruder von ihm gehört der Hitlerjugend an. Die Stellung, die Herr Dr. Trommsdorff unter seinen Kameraden einnimmt, wird am besten dadurch gekennzeichnet, daß er bei den Wehrsport-Übungen als Gruppenführer fungierte. Ich habe diese Angelegenheit auch mit Herrn Dr. (Ernst Otto, Red.) Leupold (geb. 1903, Red.) als dem Vertreter der Assistentenschaft des mir unterstellten Laboratoriums besprochen; derselbe stimmt meiner Ansicht zu, daß dem Empfinden der Assistenten und Studierenden nach Herr Dr. Trommsdorff nicht unter das […] Gesetz (zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, Red.) fallen solle. Diese Stellungnahme war mir wichtig, da Herr Dr. Leupold seit langem der SA angehört und sich mit den Fragen des Nationalsozialismus intensiv befaßt hat.“ (zitiert nach Minssen/Walgenbach 1985-I, 174)


Staudingers „Übernahme oder Benutzung von Wertvorstellungen der Mächtigen“ (Minssen/Walgenbach 1985-I, 183) mag ein nicht ungeschickter Schachzug sein, „um die eigene Sache voranzubringen“ (ebd., 191). Einer Fehleinschätzung unterliegt jedoch, wer glaubt, „man verändere sich dabei gar nicht“ (ebd., 191) – nolens volens nimmt die Deformation des eigenen Selbst ihren Lauf.

Staudinger gelingt es nicht, Trommsdorffs Entlassung abzuwenden, und die reguläre wissenschaftliche Laufbahn ist diesem im NS-Staat verbaut. „Ich hätte ihn gerne sich hier habilitieren lassen, aber leider ist dies heute nicht möglich“, bedauert Staudinger in einem Empfehlungsschreiben an den britischen Chemiker Sir Robert Mond (1867-1938), mit dem er seinem Assistenten zu einer Karriere in England verhelfen möchte (zitiert nach Minssen/Walgenbach 1985-I, 176). Trommsdorff tritt stattdessen 1933 in die Röhm und Haas AG, Esslingen und Philadelphia, ein und wird dort 1939 Forschungsleiter.

● „Nicht nur Staudinger wird der Vorwurf gemacht, zu lange im Ausland gewesen zu sein, sondern unter anderem auch einem seiner Mitarbeiter. Der politische Druck hat sich inzwischen verschärft. Es braucht jemand kein ‚Staatsfeind‘ mehr zu sein […], damit er berufliche Schwierigkeiten bekommt. Es reicht, wenn einer nicht aktiv genug für den Nationalsozialismus eintritt, ‚keine Einsatzfreudigkeit für den nat. soz. Staat gezeigt‘ hat“, heißt es bei Minssen/Walgenbach 1985-I, 193-194. Im Juni 1941 trifft es mit Dr. Rolf Mohr (geb. 1910) einen Mitarbeiter Staudingers, den dieser zu seinem wissenschaftlichen Assistenten machen möchte. Der diesbezügliche Antrag wird zunächst vom Dekan der naturwissenschaftlich-mathematischen Fakultät bewilligt, doch Freiburgs nationalsozialistischer Dozentenführer (Eduard, Red.) Steinke (1899-1963, Red.) meldet „aus politischen Gründen Bedenken“ an (ebd., 195):

„Mohr hat bekanntlich seine ganze Ausbildung ausserhalb Deutschlands (= in der Schweiz; Red.) erfahren. Er hat während seiner langjährigen hiesigen Tätigkeit (= seit 1933, Red.) keine Einsatzfreudigkeit für den nat.soz. Staat gezeigt […]. Erst in neuester Zeit ist er in eine NS-Formation eingetreten und seit dem Frühjahr dieses Jahres befindet er sich bei der Wehrmacht. Da Mohr nach Auffassung der Dozentenführung wegen seiner ganzen Einstellung und Haltung für einen akademischen Nachwuchs nicht in Frage kommt, halte ich die Ernennung zum wissenschaftlichen Assistenten nicht für gerechtfertigt, sondern bitte, es bei seiner Verwaltung einer solchen Stelle zunächst bewenden zu lassen.“
(parteiamtliches Schreiben Steinkes an das Rektorat der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg vom 10. Juni 1941; zitiert nach Missen/Walgenbach 1985-I, 196)

Rektor Wilhelm Süss (1895-1958) schließt sich dem Urteil Steinkes an:

„Eine Ernennung des Dr. Rolf Mohr zum wissenschaftlichen Assistenten kann jetzt noch nicht stattfinden. Dr. Mohr ist früher politisch ungünstig beurteilt worden. Da er erst in neuester Zeit einer NS-Formation beigetreten ist, muss vor einer Abänderung des bisherigen politischen Urteils erst noch eine längere Bewährungsfrist verstreichen. Ich bitte Dr. Mohr bei der bisherigen Verwaltung einer Assistentenstelle zu belassen.“
(Schreiben des Rektors an Staudinger vom 30. Juni 1941; zitiert nach Missen/Walgenbach 1985-I, 196)

Daraufhin droht Staudinger am 5. Juli dem Rektor, „Herrn Dr. Mohr vom Inhalt Ihres Schreibens Kenntnis zu geben, da derselbe günstige Stellen in der Technik ausgeschlagen hat in der Hoffnung, sich hier habilitieren zu können“ (zitiert nach Missen/Walgenbach 1985-I, 197). Mohr schriftlich über die Gründe zu informieren, die gegen seine Ernennung zum Assistenten sprechen, wird Staudinger untersagt; er „wird verpflichtet, mit dem Dozentenführer ‚Fühlung‘ aufzunehmen, ‚ehe er weitere Schritte tut‘“ (ebd., 198). Wie die Causa Mohr im „Dritten Reich“ ausgeht, verliert sich im geschichtlichen Dunkel. Fest steht: Habilitiert werden wird Mohr in Freiburg erst 1946 mit einer Arbeit „Über die Stabilisierung von Cellulosenitraten“.

● Im Juni 1942 wird Staudingers „halbjüdischem“ Studenten Gerhard Bier (1917-2003) – dessen Mutter ist mosaischen Glaubens – verboten, sein Chemiestudium zu Ende zu führen, nachdem er 1939 andernorts bereits das Medizinstudium hatte aufgeben müssen. Doch der Freiburger „Rektor Süß und Prof. Staudinger ermöglich(en) es ihm, noch einige Monate zu bleiben, um sein Diplom abzulegen.“ (Deichmann 2001, 86) Bier erinnert sich:

„Es gab außer mir eine Reihe anderer ‚Halbjuden‘, die Chemie studierten. Nach dem Diplomexamen sagte Staudinger mir, wenn Sie wollen, kann ich mich erkundigen, ob Sie hier arbeiten können. Er rief bei der zuständigen militärischen Forschungsbehörde an und erhielt die Genehmigung, mich als wissenschaftliche Fachkraft für kriegswichtige Arbeiten im makromolekularen Forschungsinstitut einzusetzen. Ich wurde als wissenschaftliche Hilfskraft bezahlt, d. h. mit 100 RM pro Monat.“ (zitiert nach Deichmann 2001, 86)

1942 schafft Bier sein Diplom (siehe Deichmann 2001, 412), 1944 wird es ihm dann aber in Deutschland zu heiß und er flieht in die Schweiz (ebd., 86). Dort wird er 1946 an der Universität Bern promovieren.

 
 

Politisch ein Janusgesicht
Staudingers Verhalten in politisch aufgeladenen Kontexten lässt sich nach all dem nur als schillernd bezeichnen. Mal Konformist, mal Querulant, bleibt er prinzipiell unberechenbar, vermag sowohl penetrant mit den Wölfen zu heulen als auch subversiv aus der Reihe zu tanzen. Damit taugt er ebenso wenig als Vorzeigenazi wie als Identifikationsfigur für Antifaschisten. Schlussendlich wirft das NS-Regime trotzdem die starken Vorbehalte gegen ihn über Bord und arrangiert sich mit dem anfänglich noch als „Vaterlandsverräter“ Geschmähten.

Die Wende markiert das Jahr 1940: Im Januar wird an Staudingers Institut eigens eine Forschungabteilung für makromolekulare Chemie gegründet und dem chemischen Universitätslaboratorium angegliedert, nachdem 1933 und 1937 bereits zweimal das Institut aufgestockt worden war, „um zusätzliche Kapazitäten für die […] expandierende makromolekulare Chemie zu schaffen“ (Heimlich 1998, 84). Staudinger wird diese europaweit erste Abteilung, die exklusiv dem neuen Forschungsfeld der Polymerwissenschaften gewidmet ist, leiten, und zwar bis zu seiner Emeritierung 1951 und danach noch fünf Jahre ehrenamtlich. Ebenfalls 1940 wird das Reiseverbot ins Ausland aufgehoben und Staudinger „völlig politisch rehabilitiert“ (Deichmann 2001, 399). Reichserziehungsminister Rust erhält am 26. Januar 1940 folgendes Schreiben des Chefs des Amtes Wissenschaft im REM, vertreten durch Otto Wacker:

„Wie mir der Kreisleiter in Freiburg mitgeteilt hat, hat er sich mit Rücksicht auf die einwandfreie Haltung von Professor Staudinger in den letzten Jahren dazu entschlossen, auch Professor Staudinger im bestimmten Rahmen politisch einzusetzen. Er wird infolgedessen in den nächsten Tagen seinen ersten Vortrag vor einer Auswahl politischer Führer halten. Damit sieht der Kreisleiter den Fall Staudinger als endgültig erledigt an. Indem ich von dieser Tatsache Mitteilung mache, glaube ich gleichzeitig die Auffassung vertreten zu dürfen, daß in Zukunft wohl gegen eine wissenschaftliche Auslandstätigkeit von Professor Staudinger Bedenken grundsätzlicher Art nicht mehr geltend gemacht werden sollten.“ (zitiert nach Deichmann 2001, 399)

Von 1942 bis 1944 wurde Staudinger zwecks Kulturpropaganda „im vom Deutschland besetzten bzw. annektierten Ausland“ eingesetzt und unternahm in dieser Zeit insgesamt acht Vortragsreisen, unter anderem nach Prag, Mülhausen und Straßburg: „Staudinger hatte sich das Vertrauen der NS-Machthaber erworben.“ (Deichmann 2001, 399; vgl. Schnabel 1991, 230)

Im Dienste der Wehrchemie
Die Gründe für den plötzlichen Sinneswandel der Nazis sind weniger in einer grundsätzlichen Neubewertung Staudingers als Person zu vermuten als in der gestiegenen Wertschätzung dessen, was er als „naturwissenschaftliches Aushängeschild der Freiburger Universität“ (Martin 1994, 11) fachlich in die Waagschale zu werfen hat. Die von ihm repräsentierte organische und Polymerchemie gilt anno 1940 nämlich als kriegswichtig, wovon, wie gezeigt, schon Staudingers Schüler Gerhard Bier profitierte. Staudinger nutzt die Gunst der Stunde und wird nicht müde zu betonen, dass er Deutschland im Kriege nützlich sein kann – und will. Im Geiste nationalsozialistischer Autarkiepolitik versucht er „mit chemischer Aufrüstung um Kunst- und Ersatzstoffe“ zu punkten (Jaenicke 2003, 604; vgl. Deichmann 2001, 397 und Westermann 2007, 115). Außerdem ist er bereit, sein Laboratorium in den Dienst der sogenannten Wehrchemie zu stellen. Schon am 5. September 1939, vier Tage nach dem Angriff auf Polen, schreibt er an den Freiburger Rektor Mangold:

„Im hiesigen chemischen Institut sind schon seit Jahren eine Reihe kriegswichtiger Arbeiten durchgeführt worden, so z. B. in Verbindung mit der Gasschutzabteilung des Kriegsministeriums wie mit den Draeger-Werken in Lübeck. Auf Anregung der letzteren wurde über Lost-Schutz gearbeitet (Lost ist der Name des chemischen Kampfstoffes Gelbkreuz […]), und ich bin damit beschäftigt, eine Nachweis-Reaktion für Lost-Spuren auszuarbeiten. Die Untersuchungen über Zellulose und Nitrozellulose gaben Anlaß zum Besuch von Sprengstoffabriken, und ich wurde so mit Problemen der Sprengstoffindustrie bekannt.“ (zitiert nach Schnabel 1991, 222)

 
 

Rudolf Mentzel

Am 19. Oktober 1939 unterstreicht Staudinger in einem Brief an Rudolf Mentzel (1900-1987), Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und seit 1925 NSDAP-Mitglied, die „Kriegs- und Staatswichtigkeit“ seiner Arbeiten: „Er betonte, daß die Erkenntnisse über den Aufbau der Cellulose, z. B. das Auffinden von Fehlerstellen im Molekül, Bedeutung für die Herstellung von Schießbaumwolle und Nitratpulvern habe, und hob die generelle Bedeutung seiner Arbeiten zur Konstitution von Buna und den als Rostschutzmittel verwendeten Chlorkautschuk hervor. Als speziell kriegswichtige Arbeiten seines Institutes gab er Untersuchungen über ein Schutzmittel gegen Kampfstoffe und eine neue Gasmaske an. Darüber hinaus sei die Produktion synthetischen Pfeffers, der im Ersten Weltkrieg in Deutschland auf den Markt kam, wieder aufgenommen worden. Mit der Begründung, daß Staudingers Forschung, wenn auch nicht unmittelbar kriegswichtig, doch für die Rohstofflage von erheblicher Bedeutung sei, da sie jederzeit praktische Folgerungen für die zellstoffverarbeitende Industrie, das Kunststoffgebiet usw. ergeben könne, erkannte (Peter Adolf, Red.) Thiessen (1899-1990, Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie und NSDAP-Mitglied seit 1925; Red.) Staudingers Arbeiten als kriegs- und staatswichtig an.“ (Deichmann 2001, 411-412)

„Staudinger führte darüber hinaus einen Forschungsauftrag des Reichsministeriums der Luftfahrt und Oberbefehlshabers der Luftwaffe aus mit dem Thema ‚Untersuchungen über Nitrocellulosen‘“ (Deichmann 2001, 412), nach Einschätzung seines damaligen Schülers Gerhard Bier das mit Blick auf den Krieg relevanteste Betätigungsfeld:

„Nitrocellulose war ein industrielles Produkt, Ausgangsstoff für Zelluloid […] und für zivile und militärische Sprengstoffe, sowie für zivile und militärische Munitionstreibstoffe. Bei der Großherstellung von Nitrocellulose im Krieg ergaben sich Probleme der Lagerstabilität. Aus unbekannten Gründen zersetzte sich ab und zu Nitrocellulose oder ein nitrocellulosehaltiges Gemisch beim Lagern, wodurch u. a. vorzeitige Explosionen entstehen konnten. Mitarbeiter von Staudinger fanden durch systematische Untersuchungen heraus, daß Reste von Schwefelsäure in der Nitrocellulose Ursache der Lagerinstabilität der Nitrocellulose waren. Voraussetzung einer guten Lagerstabilität war gründliches Auswaschen der Nitrocellulose, wobei auch die Schwefelsäureestergruppen hydrolysiert werden mußten. Die Schwefelsäure war eine notwendige Komponente des Nitriergemisches. Über Details dieser Arbeiten bin ich nicht informiert. […] Andere Arbeiten im Krieg betrafen den Kunststoffsektor und den Synthesefaktorsektor, z. B. Polyamide.“
(Brief Gerhard Biers an Ute Deichmann vom 2. 9. 1996, zitiert nach Deichmann 2001, 412)

Fördergelder aus der Industrie
Es steht außer Zweifel: Zwischen 1939 und 1945 ist an der Universität Freiburg das chemische Institut neben dem Institut für Physik das für die Zwecke der Kriegsführung bedeutsamste (vgl. ausführlich Schnabel 1991, 223 und Martin 1994, 11, Fn. 32) und wird entsprechend gefördert. Finanzielle Zuwendungen sprudeln aus vielerlei Quellen, wobei „die Industrie (Staudingers, Red.) Forschungen in weit höherem Maße als die Notgemeinschaft/DFG“ bezuschusst hat (Deichmann 2001, 401):
● „Staudinger erhielt von 1927 bis 1937 als auswärtiger Mitarbeiter der I. G. Farben pro Jahr 10.000 RM für die Untersuchung von Kautschuk und hochmolekularen Natur- und Kunststoffen. […] 1943 wurde Staudinger wieder auswärtiger Mitarbeiter der I. G., die ihn 1943 und 1944 mit je 10.000 RM unterstützte.“ (Deichmann 2001, 400-401; vgl. ebd., 241) Westermann 2007, 68 bemerkt in diesem Zusammenhang: „Damit verfügte er über zusätzliche Forschungsmittel, die sich auf weit mehr als die Hälfte seines Jahreseinkommens als Professor beliefen. Staudinger verdiente zwischen 1930 und 1932 1166,66 RM monatlich, mit allen Zuschlägen 1350,66 RM.“
● „Seit 1936 wurde Staudingers Forschung über Cellulose und andere Fasern von der Notgemeinschaft/DFG gefördert. Er erhielt bis 1943 eine regelmäßige Unterstützung, die zwischen 3000 RM und 12.000 RM pro Jahr lag.“ (Deichmann 2001, 401) Die durch Deutsche Forschungsgemeinschaft und Reichsforschungsrat zur Verfügung gestellten Mittel im Zeitraum 1934-1945 werden ebd., 232 auf insgesamt 66.160 RM beziffert.
● „Staudingers Arbeiten […] wurden außerdem seit 1941 vom Reichsamt für Wirtschaftsausbau finanziert, in welcher Höhe ist unbekannt.“ (Deichmann 2001, 412)

Diese Aufstellung kontrastiert merkwürdig mit Staudingers eigenen Angaben nach dem Kriege: „Für die Forschungstätigkeit des Unterzeichneten kam erschwerend seine ungünstige Beurteilung von Seiten der Partei hinzu […]. Durch diese Stellungnahme der Partei wurden wichtige andere Ämter, wie z.B. der Reichforschungsrat, das Reichsamt für Wirtschaftsaufbau, usw. dahingehend beeinflusst, Forschungsmittel für die Arbeiten des hiesigen Institutes entweder zu verweigern oder nur in geringem Umfang zu bewilligen.“ (Staudinger 1945, 11)

Im Übrigen erwähnt Staudinger in dem „Bericht über den Einfluss des Nationalsozialismus auf die Unterrichtstätigkeit des chemischen Institutes“, aus dem soeben zitiert wurde, seine kriegswichtigen Forschungen, die er im NS-Staat als Trumpfkarte ausgespielt hatte, mit keinem Wort, wie Schnabel 1991, 230 moniert. Kritik übt Staudinger in seiner Bilanz des „Dritten Reiches“ an parteipolitischer Vetternwirtschaft bei der Besetzung von Stellen in Wissenschaftsbetrieb und Universitätsverwaltung sowie mangelnder Förderung des akademischen Nachwuchses:

„In der nationalsozialistischen Zeit machte ich mehrfach die Erfahrung, dass befähigte Assistenten einen Vorschlag, die akademische Laufbahn zu ergreifen, geringschätzig ablehnten und es vorzogen, eine Stellung in der Technik zu übernehmen, und zwar nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern vor allem wegen der Unsicherheit der akademischen Laufbahn durch Eingriffe des Nationalsozialismus; denn in dieser Zeit konnte der Institutsdirektor auch dem befähigsten Chemiker einen Erfolg in der akademischen Laufbahn nicht zusichern, da dafür die Studenten- und Dozentenführer und weiter der Leiter der Ausbildungslager einen viel massgeblicheren Einfluss hatten, als die Leistung des Bewerbers. Es war also für den Erfolg der akademischen Laufbahn nicht so sehr die wissenschaftliche Leistung, als eine Betätigung in der Partei massgebend.“ (Staudinger 1945, 7)

Mantel des Schweigens
Nicht wenige Chemiker breiteten nach 1945 den Mantel des Schweigens über ihr Verstricktsein in die Verbrechen des nationalsozialistischen Staates. Den Finger in die Wunde legt Deichmann 2001, 414: „Anders als führende deutsche Physiker, die nach dem Krieg vorgaben, die Produktion der Atombombe aus moralischen Gründen nicht gewollt zu haben, behaupteten weder Staudinger noch andere Chemiker, daß ihnen die Synthese einer Kunstfaser, eines Sprengstoffes, Giftgases oder Gegenmittels nicht gelungen sei, weil sie aus moralischen Gründen nicht gewollt hätten. Darin waren sie ehrlich. Aber Staudinger (und alle seine Kollegen der Chemie) nahmen keine Stellung zu den größten Verbrechen, die unter Beteiligung von Chemikern begangen wurden. […] (D)ie Vernichtung deutscher Geisteskranker durch Kohlenmonoxyd und die der europäischen Juden durch Zyklon B (wird, Red.) nicht erwähnt.“

 
 

Friedrich Georg Nicolai

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Bernhard Rust

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Wilhelm Süß

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Adolf Peter Thiessen

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Otto Wacker

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