12.07.2010

www.gak.de

Deutscher Verpackungskongress 2010

Potenziale, Projekte, Perspektiven
Ein Anlass für das Thema war das 20-jährige Bestehen des Deutschen Verpackungsinstituts e. V., das mit der Eintragung unter der Nummer 646 in das Vereinsregister beim Kreisgericht Leipzig am 27. September 1990 rechtsfähig wurde. Das Tagungsthema versprach einen Überblick über wichtige Fortschritte und einen Ausblick auf mögliche und vor allem wahrscheinliche Entwicklungen. Vortragsschwerpunkte waren dabei die Potenziale, die für das Abschätzen künftiger Entwicklungsmöglichkeiten wichtig sind, Projekte, die auf neuen Insights beruhen und die Nutzung neuer Lösungen ermöglichen, sowie die Ziele, für die man bereits verfügbare Strategien und Analysen sowie bekannte Trends erfolgreich nutzen kann.
Erster Beratungsschwerpunkt waren die Potenziale, die sich aus Erkenntnissen und Erfahrungen des Deutschen Verpackungsinstituts e. V., des International Panel for Sustainable Resource Management sowie der Organisation GS1 Germany GmbH und des Onlineportals LOHAS anbieten. Als Vortragende kamen dabei Dipl.-Ing. Thomas Reiner, Vorsitzender des Vorstandes des Deutschen Verpackungsinstituts e. V., der international agierende Hochschullehrer und Forscher Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, Diplom-Kaufmann Jörg Pretzel, der Geschäftsführer der GS1 Germany GmbH, und der Initiator und Betreiber des Onlineportals www.lohas.de, Peter Parwan, zu Wort.
Die Vortagsfolge wurde von Dipl.-Ing. Thomas Reiner mit Ausführungen zum Thema "20 Jahre dvi - Impulse für die Zukunft" eröffnet. Eingangs wies Thomas Reiner darauf hin, dass die Bedeutung eines Verpackungsinstituts in Deutschland bereits durch eine Tatsache unterstrichen wird: In Deutschland sind 400 000 Menschen in 5 000 Unternehmen mit der Herstellung von Packstoffen, Packmitteln und Packhilfsmitteln beschäftigt. Die Produktion an Verpackungsmaterialien erreicht im Land einen Wert von 24 Mrd. EUR im Jahr, wobei 30 % der Produktion exportiert werden. Jährlich werden in Deutschland 180 Mrd. Packungen ausgeliefert. Bemerkenswert ist in Deutschland der Verpackungsmaschinenbau mit einer Jahresproduktion von 5 Mrd. EUR. Mehr als 80 % der Maschinen und Anlagen dieses Produktionszweiges werden exportiert. Die Bedeutung der Verpackungen für das Warenangebot auf dem Binnenmarkt und für den Export lässt sich durch viele Beispiele belegen.
Mit dem Blick auf die Globalisierung sowie auf die Entwicklung des Internet und wichtige technische Fortschritte berichtete der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Verpackungsinstituts e. V. über einige Ergebnisse, die das Institut in den 20 Jahren seines Bestehens erzielt hat. Als das Deutsche Verpackungsinstitut e. V. gegründet wurde, ist bereits das Ziel formuliert worden, die Entwicklung auf dem Gebiet der Verpackung und dabei speziell die Forschung und die Lehre zu fördern und die Öffentlichkeit über neue Entwicklungen auf dem Gebiet der Verpackung zu informieren. Inzwischen hat das Deutsche Verpackungsinstitut e. V. ein Netzwerk für die Verpackungswirtschaft aufgebaut und Voraussetzungen für den Knowhow-Transfer und für den Dialog zwischen Unternehmen, Instituten und anderen Partnern geschaffen. Das Institut bietet laufend Informationen über wichtige Fortschritte, speziell über Innovationen sowie über neue Erkenntnisse und Initiativen, ferner auch aktuelle Nachrichten aus der Branche sowie aus der Politik, der Gesetzgebung und der Normung. Das Institut vermittelt ferner Impulse durch Wettbewerbe sowie durch Tagungen und Kongresse.
Die Bedeutung einer Kenntnis der Faktoren, die für die langfristigen Entwicklungen maßgebend sind, unterstrich Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, der als Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie im Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen über die Fachkreise hinaus bekannt geworden ist, in einem Vortrag zum Thema "Langfristige Entwicklungen gestalten". Als Mitglied des International Panel for Resource Management sieht er die Rolle der Verpackung vor allem in der Schutzfunktion, d. h. im Schutz der verpackten Güter vor Beschädigungen und Qualitätsverlust und im Schutz der Umwelt vor Einwirkungen der verpackten Güter. Prof. Dr. von Weizsäcker erinnerte anhand von Beispielen an die industrielle Entwicklung seit 1850, an einen Zeitraum, in dem eine Verzehnfachung der Arbeitsproduktivität und eine bedeutende Verringerung der Kosten erreicht wurden. Die verringerten Kosten waren die Voraussetzung für einen zunehmenden Verbrauch und einen wachsenden Wohlstand mit den bekannten Nebenwirkungen wie dem erhöhten Abfallaufkommen und einer Zunahme der Umweltverschmutzung. Von den Fortschritten, die für die nachhaltige Wirtschaftsführung bemerkenswert sind, nannte er die Verfünffachung der Material- und der Energieeffektivität. Dabei wies er auf eigene Erfahrungen mit einem Passivhaus hin, das eine Verzehnfachung der Energieeffektivität ermöglicht. Gleichzeitig machte er darauf aufmerksam, dass mit einer effizienten Bereitstellung von Energie neue Anwendungen und ein erhöhter Verbrauch möglich werden.
Mit der zunehmenden Produktion hat sich in der letzten Zeit eine bedenkliche Verknappung der Ressourcen mit steigenden Rohstoffpreisen abgezeichnet. Diesen Erscheinungen ist durch Materialeinsparungen, eine umfassende Wiederverwendung und durch den Stoffkreislauf zu begegnen. Der Vortragende charakterisierte diese Handlungsoptionen mit den Stichworten Reduce, Reuse und Recycling. Gleichzeitig machte er auf die Möglichkeiten einer Kaskadennutzung von Stoffen und Energien aufmerksam. Darüber hinaus gab er zu bedenken, dass billige Energieträger und Rohstoffe kein Anreiz für material- und energiesparende Innovationen sind.
Aus zahlreichen Beispielen geht hervor, dass Verpackungen, die den Anforderungen der langfristigen Entwicklung entsprechen, nachhaltig sind. Die Dringlichkeit einer Beachtung der Forderungen der Nachhaltigkeit ergibt sich aus der Erkenntnis, dass die Ressourcen der Erde früher erschöpft sein werden, als man heute erwartet, und aus der Tatsache, dass die Industrienationen mit 20 % der Erdbevölkerung 80 % der Ressourcen verbrauchen.


Anforderungen aus der Sicht des Handels
In einem Vortrag zum Thema "Value Chain 2016 - Entwicklungsziele des Handels und Auswirkungen auf die Verpackungsindustrie" erläuterte Diplom-Kaufmann Jörg Pretzel, Geschäftsführer der Organisation GS1 Germany GmbH, wichtige Rationierungsziele des Handels. GS1 Germany GmbH ist die offizielle Vertretung der Organisation GS1 global in Deutschland sowie Lizenznehmer der internationalen GS1 global, die vor allem durch Warennummerungssysteme sowie durch einschlägige Standards und Empfehlungen zur Barcode-Anwendung bekannt geworden ist.
Weltweit werden die Barcodes von 5 Mio. Unternehmen als Hilfsmittel für die Rationalisierung genutzt. Die Bedeutung, die Überlegungen zur Rationalisierung im Handel haben, geht bereits aus der Tatsache hervor, dass in den Unternehmen des Handels 95 % der Rechnungen auf Papier ausgestellt werden. Viele Anregungen für die Rationalisierung bieten Untersuchungen über den Warenfluss und über den Informationsfluss.
Wichtige Handlungsfelder sind dabei die Organisation, die Prozesse, die Technik sowie der Datenschutz und die Unternehmenskultur. Besonders notwendig sind gegenwärtig umweltfreundliche Logistikkonzepte. Wichtige Anregungen liefern dabei ökonomische und ökologische Überlegungen. Ein Beispiel für die Bedeutung einer Verbesserung der Logistikkonzepte ist die Tatsache, dass es im Einzelhandel noch Verkaufseinrichtungen gibt, die 95 % ihrer Produkte direkt vom Hersteller erhalten. Mit Hilfe von Kennzahlensystemen können viele Rationalisierungsreserven aufgedeckt werden, auch bei Mehrweg- und Recyclingkonzepten. Die Rolle der Verpackung lässt sich an vielen Beispielen belegen.
Wenn die Forderung gestellt wird, dass die Verpackungen den Anforderungen der Filialen entsprechen sollen, so muss man beachten, dass es heute noch viele Verkaufseinrichtungen gibt, in denen 70 % der angelieferten Verpackungen von Hand geöffnet werden müssen - ein hoher Arbeitsaufwand, der nicht selten mit Verletzungen verbunden ist. Neben der Möglichkeit des leichten Öffnens sind auch die Eignung für das Verkaufsregal, speziell für eine vorteilhafte Platzierung, ebenso zu beachten wie die Eignung für automatisierte Lager.
In den Pausengesprächen zu diesem Thema wurden die neuesten Entwicklungen in der Informationsverarbeitung und der Informationsspeicherung erörtert, und dies speziell vor dem Hintergrund der Entwicklungen im Media Lab des MIT Massachusetts, die unter den Namen "Bokode" bekannt geworden sind. Es handelt sich hierbei um Verfahren, die die Barcodes ablösen könnten. Die am MIT entwickelten 3 mm großen Labels sind in der Lage, Tausende von Bits zu speichern. Die Daten werden auf spezielle Weise optisch codiert. Das Auslesen kann mit Hilfe einer unscharf gestellten Kamera erfolgen. Die Information wird durch Abgabe von Licht in verschiedenen Winkeln codiert. Mit den handelsüblichen Kameras können bereits Details von 2,5 µm aus einer Entfernung von 4 m erkannt werden. Das Wort "Bokode" stammt aus der japanischen Fotografie, in der ein runder Fleck, der bei einem unscharfen Bild einer Lichtquelle entsteht, als "bokeh" bezeichnet wird.
Für die Entwicklung des Warenangebotes des Handels haben die Anforderungen der Nachhaltigkeit eine zunehmende Bedeutung. Dies unterstrich der Vortrag des Internetexperten Peter Parwan zum Thema "LOHAS - Lebensstil für Gesundheit und Nachhaltigkeit verändert Wirtschaft und Gesellschaft". LOHAS steht für "Lifestyle of Health and Sustainability", d. h. für einen Lebensstil für Gesundheit und Nachhaltigkeit. Die Onlineportale www.lohas.de und www.lohasguide.de, die Peter Parwan betreibt, bieten Informationen für ein bewusstes Kaufverhalten und für einen Konsum im Sinne einer gesunden Lebensführung mit Hinweisen auf nachhaltige Hersteller und Produkte. Nach Untersuchungen an der Universität Hohenheim werden gegenwärtig LOHAS-Erzeugnisse in einem Wert von 200 Mrd. EUR in der Welt hergestellt. LOHAS hat dabei zu einem Wertewandel bei der Beurteilung und Bewertung der Lebensqualität geführt, und dies nicht nur in Ländern wie den USA, Deutschland, Japan und Australien, sondern auch in Ländern wie Südkorea, Taiwan und der Volksrepublik China. In Peking ist das LOHAS FORUM bereits ein Regierungsprojekt auf dem Wege zu einer grünen Wirtschaft. Die vom Vortragenden betriebenen Portale sind Drehscheiben für Informationen zur Nachhaltigkeit.


Design, Nachhaltigkeit und Absatz
Im weiteren Verlauf des Kongresses wurden Probleme des Verpackungsdesigns sowie der Bewertung des Designs aus der Sicht der Umweltfreundlichkeit und der Absatzförderung erörtert, außerdem auch aktuelle Fragen der Umweltpolitik und der strategischen Orientierung der Verpackungsentwicklung. Dabei befassten sich drei der Vorträge mit Erkenntnissen und Erfahrungen aus dem Verpackungsdesign.
Direktor Frank Sasse von der Ball Packaging Europe GmbH & Co KG wies zunächst auf die Vorteile hin, die die Metalldosen als Getränkeverpackung haben: die hervorragende Eignung für das Recycling, die Einsparung von 95 % der Prozessenergie bei Nutzung der gebrauchten Dosen, und dies ohne nachteilige Einflüsse auf die Dosenqualität. In einem Vortrag zum Thema "Wie Verpackung eine moderne Marke kreiert - mit nachhaltigem Erfolg" hob er zugleich den gegenüber PET- und Glasflaschen verringerten Kohlendioxid-Fußabdruck sowie die Möglichkeit hervor, mit der Anwendung thermochromer Druckfarben die Anzeige der optimalen Trinktemperatur zu bieten.
Dass Metalldosen bei geeignetem Design selbst bei einem Getränk mit konservativem Image zur Belebung des Absatzes beitragen können, zeigten anschließend die Geschäftsführer der Firma Bembel-With-Care GbR aus Heppenheim Kjetil Dahlhaus und Benedikt Kuhn am Beispiel von Apfelwein. Der Firma ist es gelungen für Apfelweinliebhaber mit einer Dose ein Markenerzeugnis einzuführen und damit den Absatz wesentlich zu steigern.
Die Bedeutung einer individuell gestalteten Bierflasche für ein Markenerzeugnis demonstrierte ein Vertreter der Bitburger Braugruppe GmbH. In dem Unternehmen wurde das Ziel verfolgt, eine neue Flasche für ihr Premiumbier einzuführen, mit der sich das Bitburger im Getränkeangebot herausstellen lässt. Das Ergebnis einer umfassenden Prüfung von 250 unterschiedlichen Flaschenformen ist nunmehr eine leichte elegant wirkende Flasche mit Taille, die die Marke unverwechselbar repräsentiert und auch den Absatz belebt.
Die Bedeutung des Designs für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum hob die Designerin Marjolein de Wilde vom Unternehmen PARK advanced design management GmbH Hamburg in einem Vortrag zum Thema "Erfolgreich innovieren - Verpackungsdesign strategisch managen" hervor. Wichtige Ausgangspunkte für strategische Gestaltungen sind die gesellschaftlichen Anforderungen und die Anforderungen der Technik. Nach Ansicht der Vortragenden resultieren zurzeit 70 % der innovativen Verpackungsgestaltungen aus dem sozialen Bereich und 30 % aus dem Bereich der Technologie.


Ziele und Strategien
Die Vortragsfolge fand mit zwei Vorträgen zu Analysen, Trends und Strategien ihren Abschluss. Zum Thema "Insight Politik - Impulse für den Mittelstand" sprach der Stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, Dr. Michael Fuchs. Dr. Fuchs konzentrierte sich in seinen Ausführungen auf Fragen der Verpackung und der Abfallwirtschaft und auf die Anforderungen der nachhaltigen Wirtschaftsführung. Er stützte sich dabei auf seine Arbeit als Vorsitzender der Parlamentskreise Mittelstand der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und auf seine Erfahrungen als Inhaber der Firma Impex Elektronic.
Die Probleme des Verpackungseinsatzes erläuterte er am Dosenpfand, dessen Einführung lediglich dazu geführt hat, dass Dosen kaum noch achtlos weggeworfen werden. Die beabsichtigte Hauptwirkung - die Stabilisierung des Mehrwegsystems - wurde jedoch nicht erreicht. Das zurzeit gültige Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz wird noch in diesem Jahr durch ein Kreislaufgesetz auf der Grundlage der novellierten europäischen Abfallrahmenrichtlinie abgelöst. Ziel des Gesetzes ist die umweltfreundliche Bewirtschaftung der Abfälle. Nach den Forderungen der EU-Kommission ist die novellierte Richtlinie bis Dezember 2010 in das Recht der Mitgliedsstaaten aufzunehmen. Die Richtlinie fordert von den Mitgliedsstaaten der EU, bis 2020 50 % der Abfälle von Papier, Karton und Pappe sowie von Metallen, Kunststoffen und Glas der Verwertung zuzuführen.
Den Schlusspunkt setzte der für die Wirtschaftssoziologie an der Leibniz-Universität Hannover zuständige Prof. Dr. Holger Rust mit dem Thema "Strategische Orientierungen jenseits von Kennzahlenformalismus und Trend-Visionen". Das Thema deutet bereits an, dass der Vortragende mit Ökonomen und Zukunftsforschern sehr kritisch umgeht. So übte er Kritik an weltfernen ökonomischen und speziell betriebswirtschaftlichen Darstellungen und an den Angeboten der Zukunftsforscher, ebenso an den Praktiken wenig seriöser Unternehmensberater. Dabei kritisierte er die Tatsache, dass sich in Deutschland jeder, der will, Berater nennen darf. In Österreich ist für Unternehmensberater eine Zertifizierung eingeführt worden, mit der die Qualität des Beraters bestätigt wird.
Weitere Kritiken von Prof. Dr. Rust betrafen die "Erfolgsliteratur" und die Praxis auf dem Gebiet der Innovation. So wies er darauf hin, dass gegenwärtig zahlreiche Anleitungen für den wirtschaftlichen Erfolg angeboten werden - meist von Autoren, denen - wie die Biographien zeigen - der Erfolg versagt geblieben ist. Schließlich ist zu beachten, dass heute die Anzahl der angebotenen Innovationen sehr groß ist, die sich gegenüber gleichartigen Erzeugnissen nur durch den Namen unterscheiden.
Die künftigen Aufgaben erfordern deshalb eine kritische Betrachtung der Entwicklung - beginnend bei den Strategien und den sich abzeichnenden Trends. Besonders dringend sind wissenschaftlich fundierte Kriterien für Erfolgskontrollen. Zu fordern sind ferner Kriterien für die Bewertung der Berater und der Innovationen und die Einführung einer Zertifizierung der Berater.

www.gak.de