Thema des Monats November 2016

Es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung

Eine kleine Geschichte des Regenmantels

Unversehens ist der Herbst ins Land gezogen und hat den Sommer verdrängt. Vielgestaltig kommt sie daher, die dritte Jahreszeit und ebnet dem Winter den Weg. Golden und sommerlich kann sie sein und zu ausgedehnten Spaziergängen durch einen farbenfrohen Wald einladen. Ebenso aber kann der Herbst wild und stürmisch, eisigkalt und regnerisch sein, so dass die Aussicht auf ein heißes Getränk auf bequemer Couch in wohlig warmer Umgebung mehr behagt, als die Vorstellung, den Fuß vor die Tür setzen zu müssen. Indes, wie heißt es doch so schön: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falsche Bekleidung. Also, ihr Stubenhocker, aufgepasst: Wenn vom Himmel hoch der Regen herniederfällt, zieht euch den Regenmantel über und raus an die frische Luft. Trockenen Fußes, bildlich gesprochen, Dank des britischen Chemikers Charles Macintosh (1766-1843), der die wasserabweisenden Vorzüge von Polymermaterialien im Bekleidungswesen wirksam und gewinnbringend einzusetzen wusste.

Macintosh – der Name steht für Qualität. Gemeint ist ausnahmsweise einmal nicht der gleichnamige „Mac“-Computer des US-amerikanischen Unternehmens Apple, sondern ein geradezu klassisch britisches, genauer gesagt schottisches Produkt. Die Rede ist vom ersten „Regenmantel“ in der Textilgeschichte. Zugeschrieben wird dessen Erfindung, schenkt man den Quellen Glauben, dem aus Schottland stammenden Chemiker Charles Macintosh (1766-1843).

Wie alles begann

Charles Macintosh.(Quelle: Wikipedia)

Die Geschichte des Regenmantels beginnt indes, so zumindest scheint es, nicht bei Charles Macintosh, sondern bei Sir James Syme (1799-1870), einem schottischen Arzt, der sich insbesondere als Anatom und Chirurg einen Namen gemacht hat; nach Sir Syme ist zum Beispiel eine Methode der Amputation des Fußes bei Fersendefekten benannt.

Sir Syme war ein offenkundig hochgradig interessierter Mensch. Er bewegte sich nicht nur in der Medizin, in der er auch ohne offiziellen Studienabschluss eine beachtliche Karriere hinlegte, sondern auch auf naturwissenschaftlichen Themengebieten wie der Chemie, wo er sich unter anderem mit der Herstellung wasserfester Textilfarben beschäftigte. Charles Macintosh erkannte das Potenzial dessen, was Sir Syme in seinem Labor entwickelte und erwarb dessen Patent.

Seinerzeit experimentiert der Macintosh mit einem Abfallprodukt der Steinkohlevergasung, aus dem er Ammoniak extrahierte, das er für die Herstellung eines violett-roten Farbstoffs benötigte. Bei diesem Prozess fiel als Nebenprodukt ein Steinkohleteer (Coal-Tar-Naphtha) eine Art Lösemittel an, das sich interessanter Weise nicht mit Wasser mischen ließ. Macintosh dachte kurz nach und schritt zur Tat. Er beschichtete beziehungsweise imprägnierte dünne Lagen Baumwolle mit der Flüssigkeit und erhielt letzten Endes ein gummiartiges wasserundurchlässiges Gewebe.

Eine gute Idee

Seine Freude über die Entdeckung der Wasserdichtheit muss riesig gewesen sein, wurde allerdings durch kleine, nennen wir es bescheiden Schönheitsfehler, getrübt: Das Material klebte unsäglich und stank fürchterlich.

Macintosh machte aus der Not eine Tugend und griff zur Sandwich-Technik. Er überwand das Problem der Klebrigkeit, in dem er eine Textilbahn beschichtete und die Klebeschicht ihrer anhaftenden Eigenart folgen mit einer weiteren Textilbahn kaschierte. Hierdurch erhielt er ein wasserabweisendes, nicht mehr klebriges, gut handhabbares doppellagiges Material, das er 1823 zum Patent anmeldete.

Problematisch blieb der nach wie vor unsägliche gummiartige Geruch, den das Gewebe verströmte; noch heute neigen traditionelle Regenjacken dazu, sehr eigentümlich zu riechen. Ungeachtet dessen fand Macintoshs Entwicklung großen Zuspruch etwa bei den Streitkräften der britischen Armee, die offenkundig darin eine Chance sahen, ihre Soldaten besser gegen Regen zu schützen und die Moral und die Wehrfähigkeit der Truppe auch unter widrigen Wetterbedingungen aufrechterhalten zu können.

Starker Partner auf dem Weg zum Erfolg

Quelle: Ladies Home Journal (October, 1913)

Nicht lange, da erkannte Thomas Hancock (1786-1865), der Begründer der britischen Kautschukindustrie, das Potenzial der Erfindung und erwarb von Charles Macintosh eine Lizenz zur Herstellung doppellagiger wasserdichter Materialien. Hancock, dies sei randständig eingestreut, hatte herausgefunden, dass Kautschuk durch Walzen plastisch und verformbar wird, was die Verwendung von Gummi im industriellen Maßstab ermöglichte. Auf Grundlage der von Charles Goodyear (1800-1860), einem US-amerikanischen Chemiker und Erfinder unter anderem des Hartgummis (Ebonit), entwickelten Vulkanisation konzipierte und baute Hancock Maschinen zur Kautschukverarbeitung. Beide, Goodyear und Hancock, hatten, auch dies sei der Vollständigkeit halber erwähn, ein Patent zur Vulkanisation angemeldet. In einem späteren Patentstreit wurde Goodyear die Priorität zugesprochen.

Thomas Hancock nahm sich also der Erfindung Charles Macintoshs an, sprich der Imprägnierung von Textilien, und verbesserte sie durch sein 1843 zum Patent angemeldetes Vulkanisationsverfahren. Anfängliche Schwierigkeiten mit der Gummierung wie Geruchsintensität, Steifheit und schlechte Waschbarkeit in heißem Wasser wurden überwunden. Die echten Mackintosh-Regenmäntel wurden komplett handgefertigt und verfügten über geklebte statt genähte Säume. Apropos: Im Laufe der Zeit wurde die Namensschreibweise mit „ck“ üblicher, vermutlich mit dem Hintergrund, den Markennamen nicht nur in England, sondern weltweit bekannt zu machen beziehungsweise weil die Schreibweise mit „ck“ international geläufiger war.

Macintosh erkannte die Leistung seines Lizenznehmers Hancock und beteiligte ihn 1831 an seiner Firma Charles Macintosh & Co. Der Beginn einer langen und erfolgreichen Partnerschaft. Noch heute steht der Namen Macintosh (Mac) beziehungsweise Mackintosh (Mack) als Garant für ausgezeichnete Regenbekleidung, deren Ursprünge in das Jahr 1824 zurückreichen.

Was dann folgte

Klepper-Mantel. (Quelle: Keller)

Im weiteren Verlauf der Geschichte legten anderen Unternehmen in puncto Regenbekleidung nach. So zum Beispiel die im Jahr 1894 in South Shields (Nordostengland) von John Barbour (1849-1918) gegründete und nach ihm benannte Firma. John Barbour war, wie auch Charles Macintosh oder Sir James Syme, Schotte und vermutlich des vielen Regens in der Heimat überdrüssig. Anders lässt es sich kaum erklären, dass auch er sich mit der Herstellung von Regenzeug beschäftige.

Wachsjacken von Barbour sind hochpreisig und genießen weltweit einen guten Ruf – nicht nur bei Jägern und Anglern. Hergestellt werden die wetterfesten Wachsjacken aus Baumwoll- oder Baumwollmischgewebe, das mit einem Wachs-Öl-Gemisch oder ausschließlich mit Wachs imprägniert ist.

In Deutschland erweitert um 1920 der Schneidermeister Johann Klepper sein Sport-und Outdoor-Sortiment um Regenbekleidung. Der Erfinder des Klepper-Faltboots entwickelt nach Angaben des Unternehmens mit dem sogenannten Kleppermantel „einen Meilenstein deutscher Textilgeschichte“. Auf der Klepper-Homepage ist zu lesen: „Über Jahrzehnte begleitet dieser gummibeschichtete Baumwollmantel viele Menschen bei nassem Wetter. Der Kleppermantel verdiente seinerzeit als eines der ersten Kleidungsstücke das Prädikat: ‚absolut wasserdicht’. 

Allerdings war der Kleppermantel alles andere als atmungsaktiv, sprich: Man schwitze darunter wie die Sau: Dies ließ Johann Klepper keine Ruhe, wie das Unternehmen Klepper zu berichten weiß: „1949 optimierte er seine Erfindung und fügte ein ausgeklügeltes System von Lüftungskanälen hinzu: die ‚Rillo-Lüftung’. Diese Innovation sorgte fortan für erheblich verbesserte Luftzirkulation. Und so wurde der legendäre gummibeschichtete Kleppermantel noch bis 1969 in vielen Modellformen gefertigt.

Regenjacken aus PVC im Trend

Friesennerz. (Quelle:Wikipedia)

Ab 1950 wurden mehr und mehr Regenjacken unter Einsatz von Polyvinylchlorid (PVC) gefertigt, über das wir zu späterer Zeit ausführlich berichten werden. Eine der wohl namhaftesten Regenschutzbekleidungen war der sogenannte Friesennerz, der sich vor allem in den 1970er und 1980er-Jahren bei Berufsfischern und Segelsportlern größter Beliebtheit erfreute. Als textiles Trägermaterial diente der von DuPont entwickelte Polyester, der durch die PVC-Beschichtung seine Wasserdichtheit und – aufgrund der vor allem leuchten gelben Farbe – eine unübersehbare Sichtbarkeit erhielt.

Wasserdichte Kleidung wie der Friesennerz halten auch bei Starkregen ziemlich trocken – sofern man sich nicht bewegen muss. Denn eines ist offenkundig: Wer unter einer Plastikfolie sitzt, um ein einfaches Bild zu benutzen, wird zwar von außen nicht nass, muss aber auch mit dem Schweiß leben, der auf der Innenseite der Folie kondensiert. (Das erfuhr bereits Johann Klepper.) Dieser Makel wird aufgehoben, ist der Regenmantel „atmungsaktiv“, was viele der heute im Bereich der Sport-und Freizeitbekleidung verarbeiteten synthetischen Stoffe sind. Diese Polymermaterialien verfügen nicht über Lüftungsschlitze, sondern über eine sogenannte Klimamembran (Goretex, Sympatex etc.), die mehr oder minder semipermeabel ist, was bedeutet: Der Schweiß wird über Poren im Material von innen nach außen abtransportiert. Regenwasser indes dringt nicht durch diese Poren hindurch nach innen.

Polymere Alleskönner

Es kommt nicht nur auf das Material an, sondern auch darauf zu wissen, wie man sinnvoll damit umgeht. Die Kunststoff- und Kautschukbranche arbeitet nicht nur mit den wohl innovativsten Materialien, sie beschäftigt obendrein vermutlich auch die pfiffigsten und kreativsten Materialexperten. Gute Aussichten für die Zukunft ...

Guido Deußing (guido.deussing@pressetextkom.de)