09.04.2013

Universität Stuttgart

Elektromobilität wird zur Breitentechnologie

An Elektroautos im Individualverkehr beginnt man sich zumindest in Großstädten allmählich zu gewöhnen. Doch wie kann die klimafreundliche Technologie in Bussen, Taxen oder in der Fläche rentabel eingesetzt werden, welche Geschäftsmodelle funktionieren und wie können die Bürger eingebunden werden? Diese und weitere Fragen untersuchen mehrere Institute der Universität Stuttgart im Rahmen der Verbünde „Schaufenster Elektromobilität LivingLab BWe mobil sowie „Modellregion Elektromobilität“. Die Projekte unterstreichen die Bedeutung der Themen „Nachhaltige Energieversorgung und Umwelt“ wie auch „Mobilität“ innerhalb der Forschungsschwerpunkte der Universität Stuttgart.

Im baden-württembergischen Schaufenster „LivingLab BWe mobil“ erforschen mehr als 100 Partner aus Wirtschaft, Wissenschaft und öffentlicher Hand Elektromobilität in der Praxis. Koordiniert wird die Initiative durch die Landesagentur für Elektromobilität und Brennstoffzellentechnologie e-mobil BW GmbH und die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH (WRS).

Projekt „e-Bürgerbus“
Im ländlichen Raum ist eine engmaschige Versorgung durch den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) oftmals nicht rentabel. Insbesondere in kleinen Gemeinden kann das Angebot partnerschaftlich durch Bürgerbusse ergänzt werden, die durch einen Bürgerbusverein koordiniert und von ehrenamtlichen Fahrerinnen und Fahrern des Vereins chauffiert werden. In der Regel bedienen die Bürgerbusse eine feste Linie mit dichtem Haltestellennetz bei einer typischen Fahrleistung von 80 bis 140 Kilometern pro Tag. Diese Charakteristika machen den Linienverkehr auf dem Land zu einem vielversprechenden Einsatzgebiet für Elektrofahrzeuge. Wie die technologische Umorientierung und bürgerschaftliches Engagement optimal ineinandergreifen, untersucht das Projekt „e-Bürgerbus“, in dem sich der Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik II der Universität Stuttgart, der Gemeindeverwaltungsverband Raum Bad Boll sowie weitere Institutionen zusammengetan haben.
Die Partner untersuchen auf bisher nicht bedienten Strecken abseits des konzessionierten Linienbetriebs im Voralbgebiet den Einsatz elektrisch betriebener Minibusse und testen die e-Bürgerbusse im Feld. Die Wirtschaftswissenschaftler der Uni Stuttgart unterstützen das Projekt mit ihrem Know-how in informationstechnischen und ökonomischen Fragen, insbesondere bei der Konzeption des Betreibermodells sowie bei der Erhebung der Anforderungen an das System und die Anpassung der Software. Da die Busse in hohem Maße auch von älteren Menschen genutzt werden, gilt der Bedienbarkeit und Benutzerfreundlichkeit der Software besonderes Augenmerk. Im Zuge des Mobilitätskonzepts wurde bereits eine Web 2.0-Wissensplattform für interessierte Bürgerinnen und Bürger eingerichtet, das so genannte e-Bürgerbus-Wiki. Es stellt Informationen rund um Bürgerbusse und Bürgerbusvereine bereit und lädt zum Mitmachen ein.
Die Forschungsvorhaben im Rahmen des Schaufensters Elektromobilität werden durch das Land Baden-Württemberg und die Region Stuttgart gefördert und haben ein Volumen von 800.000 Euro.
Kontakt: Benedikt Krams, Tel. 0711/685-82386, krams (at) wi.uni-stuttgart.de.

Projekt „Elektrotaxis in Stuttgart“
Mit dem geplanten Forschungsvorhaben „Gemeinschaftsprojekt Nutzungsuntersuchungen von Elektrotaxis in Stuttgart“ (GuEST) sollen ein Geschäftsmodell für den Einsatz von Elektrofahrzeugen im Taxiverkehr entwickelt und die Akzeptanz der Technologie bei Fahrern und Passagieren erhöht werden. Beteiligt sind das Zentrum für interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung (ZIRIUS) der Universität Stuttgart, das Forschungsinstitut für Kraftfahrwesen und Fahrzeugmotoren Stuttgart (FKFS), die Taxi-Auto-Zentrale, die DEKRA sowie die Firma Robert Bosch.
Taxen legen in Großstädten viele Kilometer innerstädtisch zurück und sind daher prinzipiell ein Einsatzfeld, in dem Elektromobilität eine Reihe an Vorteilen mit sich bringt. Allerdings sind die Anschaffungskosten von E-Fahrzeugen deutlich höher als die konventioneller Fahrzeuge. Zudem gelten im Taxiverkehr besonders hohe Ansprüche in punkto Qualität, Zuverlässigkeit, Reichweite und Sicherheit. Um zu erforschen, wie wirtschaftlich Elektromobilität in diesem Bereich ist, setzen die Wissenschaftler zunächst herkömmliche, nicht für den Taxibetrieb ausgestattete Elektrofahrzeuge ein. Diese sind mit spezieller Messtechnik ausgestattet, die Bewegungsdaten, Energieflüsse und -verbrauch, Fahrgewohnheiten sowie andere Nutzungsdaten erhebt. Aus diesen Daten lassen sich Rückschlüsse auf die erforderliche technische Fahrzeugausstattung und die notwendige Ladeinfrastruktur ziehen. Zudem wird untersucht, wie sich verschiedene Strecken mit anspruchsvollem Höhenprofil auf die Reichweite und damit die Einsatzfähigkeit der Taxis auswirken. Stuttgart ist dafür aufgrund der hohen Taxidichte von 700 Fahrzeugen und der herausfordernden Topographie besonders geeignet.
Darüber hinaus werden Fahrer für den Einsatz der E-Fahrzeuge geschult. Ziel ist es, den Einsatz der Fahrzeuge so zu optimieren, dass die höheren Anschaffungskosten durch intelligenten Einsatz mit entsprechend hoher Fahrleistung relativiert werden. Zudem sollen die Taxifahrer zu Botschaftern der E-Mobilität werden: Immerhin lassen sich mit fünf E-Taxen und zehn Fahrten pro Tag aufs Jahr gerechnet über 25.000 Fahrerlebnisse in einem Elektrofahrzeug erzeugen.
Das Forschungsvorhaben im Rahmen des Schaufensters Elektromobilität wird durch die Bundesministerien für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS, federführend), für Wirtschaft und Technologie (BMWi), für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) sowie für Bildung und Forschung (BMBF) mit einem Volumen von rund 1,25 Millionen Euro gefördert.
Kontakt: Prof. Hans-Christian Reuss, Tel. 0711/685-68500, hans-christian.reuss (at) fkfs.de

Stadtstruktur und Elektromobilität
Welchen Beitrag leistet die Elektromobilität zu städtischen Entwicklungs- und Klimaschutzzielen und welche Wechselwirkungen gibt es dabei? Diese Fragen stellen die Städte Göppingen und Schwäbisch Gmünd, das Städtebau Institut der Universität Stuttgart sowie sechs weitere Partner in dem vom Bundeministerium für Bau, Verkehr und Stadtentwicklung geförderten Projekt „Elektromobilität im Stauferland“ (EMiS). Die Auswirkungen einer technischen Neuerung für städtische Zielsetzungen und insbesondere für die Klimaziele sind oft zunächst kaum abschätzbar. Sie hängt sowohl von den städtischen Gegebenheiten, als auch vom Verhalten der Menschen als Nutzer von Mobilitätsdienstleistungen ab. Um diese Zusammenhänge zu untersuchen, werden im Projekt EMiS Elektrofahrzeuge sowohl mit GPS- als auch mit CAN-Daten-Loggern ausgerüstet. Somit kann analysiert werden, wie sich die Energieverbräuche im Kontext der Stadtstruktur und im Vergleich zu konventionellen Fahrzeugen oder auch zu anderen Formen der nachhaltigen Mobilität darstellt. Daher werden in EMiS die Nutzer der Elektrofahrzeuge nach ihren Mobilitätsgewohnheiten befragt. In unterschiedlichsten Fallstudien wird die Nutzung von Elektromobilität praxisnah getestet: So erproben die Partner zum Beispiel ein wohnortnahes eCarSharing System, bei dem die Fahrzeuge mit dem in einem neuen Wohnbauprojekt dezentral produzierten Strom (Kraft-Wärme-Kopplung) betankt werden. Um die energetischen Einsparmöglichkeiten bei kommunalen Nutzfahrzeugen zu untersuchen, wird ein Hybrid-Abfallsammler eingesetzt, der zudem leiser ist und deshalb schon Frühmorgens unterwegs sein kann.
Die Daten aller Partner beziehungsweise Fallstudien binden die Wissenschaftler des Städtebau Instituts der Universität Stuttgart in eine Gesamtmodellierung ein. Ziel ist es, eine auf andere deutsche Mittelstädte übertragbare Typologie zu entwerfen, die die Potentiale und Grenzen der Elektromobilität hinsichtlich der Stadt- und Klimaziele in der Stadtstruktur verankert. Das Städtebau Institut wurde zudem durch das Bundesministerien für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVB) mit der überregionalen Begleitforschung für das Themenfeld „Stadt & Verkehr“ beauftragt, um die konkreten stadtplanerischen und städtebauliche Belange hinsichtlich der Umsetzung der Elektromobilität in den Kommunen zu analysieren. In diesem Rahmen finden in den Modellregionen Stuttgart, Düsseldorf, Bremen und Leipzig Workshops statt. Schwerpunkte sind die Themen „Wohnen und eCar-Sharing“, „kommunales eFuhrparkmanagement“, „Wohnen und regionale Energien/gewerbliches eCar-Sharing“ sowie „Verwaltungsstrukturen und ÖPNV“. Die Ergebnisse werden Ende 2013 in Form eines Leitfadens für die Städte und Kommunen veröffentlicht.
Kontakt: Prof. Wolfgang Rid, Tel. 0711/685-83352, wolfgang.rid (at) si.uni-stuttgart.de

Weitere Projekte im Schaufenster Elektromobilität LivingLab BW mobil mit Beteiligung der Universität Stuttgart:
• Umweltfreundliche Kommunalfahrzeuge (Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement, IAT)
• M87 Case Study House for the Future (Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren, ILEK)
• Ludwigsburg Intermodal (Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement, IAT, und Städtebau Institut)
• eCarPark Sindelfingen (Städtebau Institut)
• Integriertes Flottenladen (Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement, IAT)
• Elektromobilität am Arbeitsplatz - Charge @ work (IAT)

Quelle: