12.11.2013

Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS)

Energiewende vor neuen Herausforderungen

Der politische Konsens über die Ziele der Energiewende ist seit dem Fukushima-Unglück hergestellt, die dezentralen Technologien der Energieerzeugung haben den Mainstream erreicht – dennoch ist die Energiewende kein Selbstläufer. Einige der Gründe für die komplizierte Umsetzung des Projekts haben Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) in mehreren Forschungsprojekten zu akteurs- und raumbezogenen Aspekten der Energiewende identifiziert. Sie sehen große Herausforderungen auf lokaler Ebene, da die auf Technik und Ökologie fixierten zentralen Vorgaben die komplexe Realität der Entscheidungsfindung für Kommunen und Regionen nicht widerspiegeln.

Die Abteilung „Institutionenwandel und regionale Gemeinschaftsgüter“ des IRS forscht in mehreren Projekten zu raum- und sozialwissenschaftlichen Aspekten der Energiewende. Durch die gleichzeitige Analyse von Akteuren, Institutionen und Räumen haben die Wissenschaftler um Abteilungsleiter Dr. Timothy Moss eine einzigartige Perspektive auf die Umsetzung dieses komplexen Projekts. „Darüber hinaus ist die Sichtweise hilfreich, Energie als eines von vielen regionalen Gemeinschaftsgütern zu sehen“, so Moss. Er sieht die Schlüsselfragen der Energiewende nicht länger in technologischen Entwicklungen oder gesamtgesellschaftlichem Konsens über die Zielsetzungen, sondern im „interplay“ von Institutionen verschiedener Ebenen und der damit verbundenen Möglichkeit, auf lokaler Ebene tatsächlich die Energiewende mitgestalten zu können.

Wesentliches Element der deutschen Energiewende sind starke zentrale politische Vorgaben in Form von wirkkräftigen Anreiz- und Regulariensystemen wie etwa der Einspeisevergütung durch das EEG. Diverse regulative und marktwirtschaftliche Maßnahmen werden von EU, Bund und Bundesländern in die ländlichen Regionen gebracht, wo sie auf ein komplexes Arrangement von Gemeinwohlzielen treffen. „Lokale Akteure müssen Zielsetzungen von Ökologie, Energieversorgung, Landschaftsschutz, Tourismus, Regionalwirtschaft oder regionaler Identität integrieren“, erklärt Ludger Gailing, Mitarbeiter in Moss‘ Abteilung. „Dies stellt Kommunen vor große Herausforderungen und lässt es sinnvoll erscheinen, dass die Instrumente auf zentraler Ebene die Notwendigkeit integrierter lokaler Handlungskonzepte mitdenken.“ Es gebe aus diesen Gründen eine große Diskrepanz zwischen den regionalen Gestaltungsmöglichkeiten durch die Energiewende und der tatsächliche Situation vor Ort. Gestaltungshoheit auszuüben und die großen Entwicklungschancen zu nutzen, erfordert meist eine hohe Wirtschaftskraft, gute Vernetzung und zivilgesellschaftliches Engagement. „Das schöne Bild der Gestaltungsregion ist sehr brüchig und in Deutschland räumlich sehr differenziert anzutreffen“, bilanziert Moss. So würden viele regionale Akteure in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz oder Teile Schleswig-Holsteins von der Energiewende profitieren und selbst gestalterisch tätig werden, in manchen peripheren Regionen Brandenburgs oder Mecklenburg-Vorpommerns bestehen dagegen manchmal sogar Kolonialisierungswahrnehmungen und entsprechende neuartige Konflikte.

Einer der wichtigsten Gründe für diese ungleiche Entwicklung ist der generelle Widerspruch zwischen einem Mainstreaming von dezentralen Technologien der Energieerzeugung und einer nicht vorhandenen Dezentralität in der Institutionenlandschaft. Wenn zudem Windräder, Solaranlagen und Biomassekraftwerke zu Instrumenten der Big Player werden, bleiben positive lokale Effekte einer dezentralen Energieerzeugung vielerorts aus. „Welches Geld dann in der Gemeinde bleibt, welche lokalen Akteure von einer Installation profitieren oder wo die Produktionsanlagen hergestellt werden, sind essentielle Fragen für die Kommunen“, sagt Gailing. „Wir haben Extremfälle kennengelernt, in denen Investoren in großem Maßstab Agrarland pachten, um Mais für die Biogas-Produktion anzubauen oder in denen die lokale Bevölkerung vom Boom der Onshore-Windkraft nicht profitiert. Dies schürt lokale Konflikte, eine verantwortungsvolle Energiewende-Politik sollte sich mit diesen Realitäten der Umsetzung auseinandersetzen.“

Energiewendeforschung am IRS

Mit dem Forschungsprogramm 2012-2014 hat die Abteilung „Institutionenwandel und regionale Gemeinschaftsgüter“ des IRS die Transformation der Energieversorgungssysteme in Deutschland in den Fokus genommen. Entlang ihrer prägenden theoretisch-konzeptionellen Zugänge – der Analyse von institutionellen Systemen und Gemeinschaftsgütern im Wandel - erforschen sie, wie die Energiewende im Raum und in der Akteurslandschaft wirkt. Kern der Forschungen ist das haushaltsfinanzierte Leitprojekt „Gemeinschaftsgutaspekte und räumliche Dimensionen der Energiewende: Zwischen Materialität und Macht“ (Laufzeit drei Jahre, acht beteiligte Wissenschaftler), daneben wurden mehrere Drittmittelprojekte eingeworben, um Einzelaspekte genauer zu beleuchten. „EnerLOG“ sucht zu ergründen, wie die vielerorts auftretenden energiepolitischen Konflikte gelöst werden können, während eine Studie im Auftrag der RL-Stiftung den Begriff „Energiedemokratie“ inhaltlich fundieren soll. Im „ELaN“-Projekt suchen die Wissenschaftler nach Synergien von Energie- und Wasser/Abwasser-infrastrukturen.

Quelle: