31.05.2013

Europäische Kunststoffindustrie – vorsichtig optimistisch trotz schwieriger Herausforderungen

Im Vorfeld der K 2013 kämpft die europäische Kunststoffindustrie gleich an mehreren Fronten mit zahlreichen Herausforderungen, die zum großen Teil auf die unsichere gesamtwirtschaftliche Situation in der Region zurückzuführen sind. Strenge Sparmaßnahmen in zahlreichen Ländern haben sich auf Investitionen in Bauprojekte ausgewirkt; die Verbraucher kaufen weniger Neufahrzeuge als früher; kleinere, erschwinglichere Produkte, die sich nach wie vor gut verkaufen – z. B. Smartphones und Tablets – werden außerhalb Europas hergestellt.

Starkt bleibt Europa bei der Entwicklung, Produktion und Anwendung von Hochleistungskunststoffen. So kündigte beispielsweise Victrex kürzlich eine Kapazitätssteigerung um ca. 70 % für Polyaryletherketone(PAEK)-Polymere im Werk Thornton Cleveleys, England, an. PAEK-Polymere (bekannteste Vertreter: PEEK) kommen bei einer Vielzahl unterschiedlicher Anwendungen in Transportwesen, Industrie und Elektronik zum Einsatz.

Der Abschwung in der Automobilindustrie hat beträchtliche Auswirkungen auf die Lieferkette. 2013 könnte die Automobilproduktion in Westeuropa um bis zu 8,5 % sinken. Dies wird sich voraussichtlich auch negativ auf das Geschäft der Hersteller von Kunststoffteilen auswirken.

Eine Ausnahme von diesem Trend scheint Großbritannien zu bilden. „Die Automobilindustrie in Großbritannien hat von Investitionen in neue Fahrzeuggenerationen profitiert. Wir erleben derzeit eine Renaissance der industriellen Produktion für Zulieferer der Automobilindustrie“, so Philip Law, Public & Industrial Affairs Director beim britischen Kunststoffverband BPF. „Zahlreiche Unternehmen kehren derzeit mit ihrer Produktion nach Großbritannien zurück.“

Trotz des schwächelnden Automobilsektors liegt das Wachstum im Kunststoffverarbeitungssektor – zumindest in Deutschland – weiterhin mindestens gleichauf mit dem des BIP. Laut dem Gesamtverband der kunststoffverarbeitenden Industrie e.V. (GKV) erreichten die Umsätze 2012 Rekordhöhen, trotz Rückgangs des Wachstums auf BIP-Niveau.

GKV-Geschäftsführer Oliver Möllenstädt geht davon aus, dass sich die europäische Kunststoffverarbeitungsindustrie aufgrund höherer relativer Produktionskosten (Energie- und Arbeitskosten) gegenüber anderen Weltregionen auf Produkte mit höherem Mehrwert und Innovationen konzentrieren wird. „Die Umsätze der Verarbeitungsindustrie in Deutschland waren 2012 fast genauso hoch wie im Vorjahr, während der Rohstoffeinsatz zurückging“, so Möllenstädt.

Die Umsätze mit Kunststoffverpackungen und -folien in Deutschland sind laut der Industrievereinigung Kunststoffverpackungen e.V. (IK) 2012 um 0,4 % zurückgegangen. Die IK weist auch darauf hin, dass Verpackungshersteller nach wie vor mit steigenden Rohstoff- und Energiepreisen aufgrund des deutschen Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) konfrontiert sind. Man geht jedoch für dieses Jahr davon aus, dass der Markt wieder wachsen wird, und die Mitglieder zeigen sich „optimistisch“ für das zweite Quartal.

Frischer Wind
Biokunststoffe sind immer noch ein Nischensegment am europäischen Kunststoffmarkt, aber die Nische wächst, nicht zuletzt durch technologische Entwicklungen, die die Materialeigenschaften verbessern, und durch gesetzliche Änderungen. In Italien werden Taschen aus nicht biologisch abbaubaren Kunststoffen aufgrund eines Gesetzes nach und nach vom Markt verschwinden und durch Taschen aus biologisch abbaubaren Materialien wie Novamont’s MaterBi ersetzt. Andere europäische Länder könnten folgen. Die Europäische Kommission prüft derzeit Optionen zur Reduzierung von Einweg-Plastiktüten in der EU. Der europäische Biokunststoff-Verband (European Plastics e.V.) möchte sicherstellen, dass auf EU- und Mitgliedsstaatsebene günstige Rahmenbedingungen geschaffen werden, um Investitionen anzuziehen.
Gegenwärtig gibt es zahlreiche Initiativen zum Ausbau der Biokunststoffproduktion in Europa. Auf Sardinien hat beispielsweise das italienische Energieunternehmen Eni über seine Chemikalien-Tochter Versalis (ehemals Polimeri Europa) gemeinsam mit Novamont das Joint Venture Matrica gegründet, in dessen Rahmen Produktionsanlagen für biobasierte Monomere, Zwischenprodukte für Elastomere und Kunststoffe sowie Füllstoffe aufgebaut werden sollen.

Währenddessen hat sich die niederländische Regierung zum Ziel gesetzt, die Niederlande bis 2050 zum „Land der grünen Chemie“ und zu einer der weltweit größten biobasierten Volkswirtschaften zu machen. Denn in dem Land wachsen nicht nur Tulpen: Es verfügt über große landwirtschaftliche Flächen und ist ein großer Anbauer von Zuckerrüben, einem der Hauptrohstoffe für Biokunststoffe.

Europäische Maschinenbauer anhaltend positiv gestimmt
Große Maschinenhersteller investieren nach wie vor im gesamten europäischen Markt. So wird die Firma Engel in Österreich 12 Millionen Euro in ihren Hauptsitz Schwertberg investieren. Hier soll der Montage- und Versandbereich für Spritzgussmaschinen ausgebaut werden. Sumitomo Heavy Industries plant 20 Millionen Euro für die Modernisierung seiner Produktion im Werk Sumitomo (SHI) Demag in Schwaig und Wiehe, Deutschland, ein.

Deutschland bleibt die treibende Kraft am Markt für kunststoffverarbeitende Maschinen. Die Umsätze der deutschen Hersteller für kunststoff- und gummiverarbeitende Maschinen sind 2012 um 6 % auf ein neues Rekordniveau gestiegen. Mit 6,5 Mrd. EUR wurde der 2011er Rekordwert von 6 Mrd. EUR gebrochen. Davor war zuletzt 2008 ein Rekordwert erzielt worden. Die traditionellen Absatzmärkte erleben eine Renaissance – mit überdurchschnittlichen Zuwächsen der deutschen Hersteller in den USA und in der EU, wo Polen zum größten Absatzmarkt für deutsche Maschinen geworden ist.

Maschinenexporte aus Italien, Europas zweitgrößtem Produktionsland für Kunststoffmaschinen, nach Asien sind prozentual gesunken, erklärt Assocomaplast, der italienische Verband der Maschinenhersteller. Dabei wird jedoch betont, dass sich „Trends, die sich aus der regionalen Aufgliederung der Exporte ergeben (Steigerung der Umsätze in Europa und Nordamerika gegenüber einem Umsatzrückgang in Südamerika und noch stärker Asien) auch in anderen Ländern bemerkbar gemacht haben, die solche Maschinen herstellen.“