21.07.2010

www.plasticker.de

Hanser: Fachtagung 'Kunststoffe medical Swiss - Plastics in Cardiovascular'

Anfang Juni fand in Luzern die zweite interdisziplinäre Fachtagung "Kunststoffe medical Swiss" statt. Im Fokus der Tagung standen Anwendungen in der kardiovaskulären Medizin und der In-vitro Diagnostik. Fachvorträge von Medizinern und Ingenieuren zeigten große Potenziale der Kunststoffe auf und gaben einen eindrucksvollen Einblick in zukünftige Trends der Wachstumsbranche.

Die Anforderungen an Kunststoffe für den Einsatz in kardiovaskulären Anwendungen und in der In-vitro Diagnostik seien sehr vielseitig, so Prof. Dr. Gilberto Bestetti, VR Präsident und Gründungspartner der NOVO Business Consultant AG, der die Tagung leitete.

Biokompatibilität und Nanotechnologie
Der Einsatz von Kunststoffen in der kardiovaskulären Medizin reicht vom Einmalgebrauch über Schlauchsysteme bis hin zu Implantaten. Die Biokompatibilität gilt hierbei als grundlegende Anforderung für alle eingesetzten Polymere. Herr Dr. Arie Bruinink, Leiter der Gruppe Materialien und Gewebe für die Medizin (MaTismed) der Empa St. Gallen erläuterte diesbezüglich auftretende Problematiken in der Anwendung der EN ISO 10993-5/12 zur biologischen Evaluierung von Medizinprodukten. Der Interpretationsspielraum bei der Probenvorbereitung für In-vitro Zytotoxizitätstests stellt die Brauchbarkeit solcher Tests vor allem in Hinblick auf die Vergleichbarkeit der Ergebnisse in Frage. Ein neues, von Herrn Dr. Bruinink vorgestelltes, Konzept aus einer sequentiellen Testreihe für Biomaterialien soll hier wirksame Abhilfe schaffen.

Die Freisetzung von Nanopartikeln bei Implantaten, welche zum Teil oder gänzlich aus degradierbaren Werkstoffen bestehen, ist für die Biokompatibilität eines Produktes ebenfalls von großer Bedeutung. Die im menschlichen Organismus frei werdenden Nanopartikel könnten Einfluss auf die Zellfunktionen haben, weshalb deren intensive Untersuchung gegenwärtiger Stand der Forschung ist. Andererseits ist der Einsatz von Nanotechnologie in der Medizin von großem Nutzen, da sich hiermit ganz neue Möglichkeiten sowohl in der Diagnostik als auch in der Therapie ergeben. Herr Prof. Dr. André Bernard, Leiter des Instituts für Mikro- und Nanotechnologie an der Interstaatlichen Hochschule für Technik Buchs NTB, veranschaulichte dies in seinem Vortrag anhand aktueller Trends in der Forschung und Entwicklung sowie interessanter Projektbeispiele aus dem Labor.

Miniaturisierung
Insgesamt stellte die Thematik der Miniaturisierung einen Schwerpunkt der Tagung dar. Bei Systemen für Herzersatz und Herzunterstützung wird durch die Miniaturisierung und der sich daraus ergebenden reduzierten Schlauchsysteme, die Interaktionen von Kunststoffen mit Blut verringert und somit eine verbesserte Biokompatibilität sichergestellt. Bei Ballonkathetern, welche für die Behandlung von Stenosen eingesetzt werden, sollen möglichst kleine Eintrittsstellen in den Körper zu einer Minimierung des Traumas beitragen. Auch in der Diagnostik ist die Miniaturisierung ein wichtiger Trend für die Zukunft. So können beispielweise Lab-on-a-Chip Lösungen für den Point-of-Care Einsatz entwickelt werden. Die Mikrofluidik, das heißt Mikrosysteme die Transport, Kontrolle und Analyse kleinster Flüssigkeitsmengen ermöglichen, zeigt ebenfalls ein großes Potential für Miniaturisierung auf, wurde allerdings in der, die Fachtagung abschließenden, hochkarätigen Podiumsdiskussion über die Herausforderungen in der In-vitro Diagnostik kontrovers diskutiert.

Herausforderungen in der In-vitro Diagnostik (IVD)
Matthew Robin, Leiter der Abteilung Liquid Handling Systeme und Robotik der Tecan Group, bezeichnete die Oberflächenchemie als eine der Schlüsseltechnologien für den Erfolg in der In-vitro Diagnostik. Zudem sei es wichtig, Produkte mittels validierten und stabilen Prozessen herzustellen und damit eine konstante Qualität gewährleisten zu können. Den beiden hier genannten Punkten zustimmend ergänzte Kurt Eggmann, Marketing und Vertrieb-Verantwortlicher der Medical Devision der Weidmann Plastics Technology AG, die Integration von mehr Funktionalität in polymere Einmalprodukte als Erfolgsfaktor der In-vitro Diagnostik.

Nach einer anregenden Diskussion fasste Bart van de Vyver, Ph.D., Gründer der Firma SpinX Technologies SA, zusammen, dass eine der größten Herausforderungen darin liege, dass IVD‘s zahlreiche Disziplinen einschließe und dass die vielfältigen, sich daraus ergebenden Anforderungen in einen medizinischen und wirtschaftlichen Kontext eingepasst werden müssen. Herr Prof. Dr. med. Dr.-Ing. habil. Erich Wintermantel, Ordinarius für Medizintechnik an der Technischen Universität München rief in seinem Schlusswort dazu auf, In-vitro Diagnostik wesentlich bekannter zu machen, um diese wie eine Art Präventivmedizin einsetzen zu können.