Ingenieurausbildung: Studie belegt mangelnde Praxiserfahrung vieler Absolventen

Eine Studie zum Thema "15 Jahre Bologna-Reform: Quo vadis Ingenieurausbildung?" von VDMA, VDI und Stiftung Mercator hat Studierende, Hochschullehrende, Absolventen und Unternehmensvertreter zum aktuellen Stand der Hochschhullehre in den Ingenieurwissenschaften befragt. Auf Basis der Ergebnisse fordert der VDMA einen stärkeren Ausbau der Praxisorientierung in den Ingenieurwissenschaften. Der VDI plädiert für einheitliche akademische Engineering-Grade.

Wie gut können die deutschen Hochschulen mit den Bologna-Anforderungen inzwischen umgehen? Wie gut vorbereitet sind die Studentinnen und Studenten auf die Ingenieurausbildung? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der Studie „15 Jahre Bologna-Reform – Quo vadis Ingenieurausbildung?“, die der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) gestern zusammen mit dem VDI Verein Deutscher Ingenieure und der Stiftung Mercator in Berlin präsentiert hat.

Die wichtigsten Ergebnisse daraus lauten:
  • Deutschland besitzt eine zukunftsfähige Ingenieurausbildung. Die Hochschulen „können“ Bologna. Auch in den Unternehmen ist Bologna angekommen und wird akzeptiert. Doch um die hohe Qualität der Ingenieursausbildung für die Zukunft zu sichern, müssen Herausforderungen gemeistert werden.
  • Verbesserungsbedarf in der Berufsvorbereitung: Bei 43 Prozent der Bachelor- und 37 Prozent der Master-Studierenden vermissen Arbeitgeber Praxiskenntnisse stark bis sehr stark. Genau diese Kenntnisse sind aber für Unternehmen zu 48 Prozent für eine Einstellung entscheidend. 81 Prozent der Unternehmen werten auch soziale Kompetenzen der Bewerber, ihr Auftreten und ihre Präsentation als wichtig. Laut Studie weisen jedoch Bachelor- und Master-Absolventen diese Kompetenzen nur zu 23 beziehungsweise 32 Prozent auf.
  • Erfolgsmodell duale Studiengänge. Die Hochschullehrenden beurteilen diese praxisnahe Ausbildungsform, bei der die Unternehmen beteiligt sind, zu 72 Prozent als gut bis sehr gut. 69 Prozent der befragten Führungskräfte von Unternehmen geben an, durch duale Studiengänge gute bis sehr gute Nachwuchskräfte gewonnen zu haben.
  • Starke Zersplitterung der Studienlandschaft. Fast jeder vierte der befragten Studierenden weiß nicht, ob er später die Berufsbezeichnung Ingenieur tragen darf. Dieser Missstand liegt am vielfältigen Angebot von spezialisierten Bachelor-Studiengängen und einem fehlenden einheitlichen akademischen Grad für Ingenieurstudiengänge.

Hartmut Rauen, stellvertretender VDMA-Hauptgeschäftsführer, sieht als Konsequenz dringenden Handlungsbedarf: „In der Ingenieurausbildung muss die Praxisorientierung weiter ausgebaut werden. Die Fachhochschulen zeigen, dass mehr Praxis im Studium möglich ist. Auch die Bedeutung des dualen Studiums ist bei Hochschullehrenden und Unternehmen unumstritten.“ Die Studie bewerte für den Berufseinstieg Praxissemester und -module der Fachhochschul-Studiengänge ebenso positiv wie die dualen Studiengänge, so Rauen. „Das zeigt: Nur eine stark anwendungsorientierte Ausbildung bereitet die Studierenden optimal auf eine Industrielaufbahn vor.“

Professor Dr.-Ing. Udo Ungeheuer, Präsident des VDI, fordert, unbedingt wieder Transparenz in die Abschlüsse zu bringen. „Der VDI fordert die Einführung der akademischen Grade Bachelor und Master of Engineering oder Master of Science in Engineering. Mit solchen einheitlichen Graden wird es gelingen, die Marke „German Engineering“ für die Zukunft weiter zu stärken.“

Weitere Ergebnisse der Studie:
  • Hochschulart spielt bei Einstellung geringe Rolle. 64 beziehungsweise 60 Prozent der Führungskräfte in Unternehmen geben an, bei der Suche nach neuen Kräften keine Präferenz für Bachelor- oder Masterabsolventen von Fachhochschulen oder Universitäten zu haben. Aus Sicht der Fach- und Führungskräfte werden aber zu 42 beziehungsweise 37 Prozent Absolventen mit breit angelegten Bachelor- oder Master-Studiengängen bevorzugt.
  • Mehr Bezug zur Forschung und mehr Auslandsaufenthalte. Die Studie offenbart hier weiteren Handlungsbedarf. Selbst bei den Lehrenden der Universitäten geben nur 41 Prozent an, in speziellen Lehrveranstaltungen Forschungsmethoden gut oder sehr gut zu vermitteln. Bei ihren Studierenden sind nur 25 Prozent der Meinung, hier gut bis sehr gut etwa auf eine Promotion vorbereitet zu sein. Eine forschungsorientierte Lehre kann aber ein bedeutendes Element der Praxisorientierung sein. Fast 80 Prozent der Bachelor- und Master-Studierenden antworten zudem, über keinerlei Auslandserfahrung zu verfügen. Und über die Hälfte aller Studierenden erhielt in ihrem Studium keine oder kaum die Förderung von Fremdsprachen.

Die Studie wurde vom Institut für Innovation und Technik (iit) in der VDI/VDE Innovation + Technik GmbH durchgeführt. Befragt wurden 1300 Studierende der Ingenieurwissenschaften, knapp 400 Hochschullehrende, mehr als 1400 Fach- und Führungskräfte in Unternehmen sowie gut 250 Absolventen, die kürzlich in den Beruf eingestiegen sind.

Quelle
Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V.