03.03.2011

Karneval, Kamelle, Kondome

Apropos K: Karneval und Katzenjammer liegen nah beieinander – nach zu viel Alkohol brummt am Aschermittwoch gehörig der Schädel. Obendrein plagt viele die Erinnerung, beschwipst und entsprechend enthemmt die neueste Kneipenbekanntschaft abgeschleppt und sich mit ihr oder ihm ungeschützt der Fleischeslust hingegeben zu haben. Empfängnisverhütung ist das eine, da verlässt man sich gern auf die Pille. Doch das Kontrazeptivum bewahrt Männlein wie Weiblein nicht vor sexuell übertragbaren Krankheiten: Gegen die Erreger von Aids, Tripper, Syphilis, Hepatitis B und C kann allein der Gebrauch von Kondomen schützen.

Während der „fünften Jahreszeit“ gilt deshalb mehr denn je: Nur Narren sind nachlässig in Sachen „Safer Sex“! Das Problem: Seit es Medikamente gibt, die den Ausbruch von Aids um viele Jahre hinausschieben können, wird die Infektion mit dem Humanen Immundefizienz-Virus (HIV) speziell von Männern unter 25 Jahren nicht mehr als Katastrophe empfunden. Sie gehören einer „Generation Sorglos“ an, die zu einer Zeit aufgewachsen ist, als bereits eine spezifische Therapie gegen das Aidsvirus existierte und die Krankheit nicht mehr gleichbedeutend mit baldigem Tod war. In der sexuell aktiven Gruppe der 16- bis 44-jährigen Singles lag der Anteil derer, die nie ein Kondom benutzen, zuletzt bei 26 Prozent – und ist damit zum Glück im Schwinden begriffen. Gleichwohl ist das Risikobewusstsein nicht gleichmäßig ausgeprägt, wie die wieder steigende Anzahl der HIV-Neuinfektionen vor Augen führt. Allein im vergangenen Jahr haben sich rund 3000 Bundesbürger mit dem Aidsvirus infiziert, meldete das Berliner Robert-Koch-Institut, vor zehn Jahren waren es noch 1443. Damit leben in Deutschland derzeit rund 70.000 HIV-Infizierte und Aidskranke, das entspricht einem Betroffenen auf 1167 Einwohner. Trotz unkalkulierbarer Dunkelziffer nimmt sich das im internationalen Vergleich glimpflich aus – in Brasilien kommt bereits auf 292 Einwohner ein HIV-Positiver (Stand 2007). Doch wer mit dem Herzen urteilt, weiß: Jede Infektion ist eine zu viel, denn sie zieht individuelles Leid nach sich, das auch den Partnern und Angehörigen besser erspart bliebe.

In den vergangenen Jahren haben die Aidshilfen gerade in den Karnevalshochburgen ihre Präventionsarbeit verstärkt. So wurden etwa in Düsseldorf während der närrischen Zeit 10.000 Präservative verteilt. Die Aidshilfe Münster und das städtische Gesundheitsamt kreierten 1000 Karnevalskondome mit dem Aufdruck Kappe auf - sicher durch die tollen Tage. Und die Kölner Firma Condomi brachte ihre Gummis in einer mit Clowns bedruckten Verpackung in den Handel , um zum Kondomgebrauch an Karneval zu ermuntern.

Das Ausland macht vor, wie’s geht: Die Gesundheitsverwaltung der Kanarischen Inseln, wo Tripper und Syphilis doppelt so häufig auftreten wie im restlichen Spanien, stellte zur Karnevalszeit 300.000 Kondome kostenlos zur Verfügung. Sage und schreibe 84 Millionen Kondome bringt die brasilianische Regierung dieses Jahr unters Volk. Und im dortigen Straßenkarneval, etwa in Salvador da Bahia, werden Kondome sogar anstelle von „Kamelle“ geworfen ...

Übrigens: Woher das Kondom seinen Namen hat, ist umstritten. Eine Theorie beruft sich auf einen am Hofe des englischen Königs Charles II. wirkenden Arzt. Der Medicus soll Condom, Contom oder Conton geheißen, dem König die Verwendung von Hammeldärmen zur Infektions- und Empfängnisverhütung empfohlen und entsprechende „Schutzhüllen“ selbst hergestellt haben, wofür er zum Ritter geschlagen wurde. Da ein Dr. Condom allerdings für die Regierungszeit Charles’ II. (1660-1685) nicht historisch verbürgt ist, stellt das Ganze womöglich nur eine nette Anekdote dar. In der englischen Literatur wird unser Gegenstand, „Condum“, jedenfalls erst in einem Gedicht aus dem Jahre 1706 erwähnt (Zeitreise). Eine andere Theorie führt den Begriff „Kondom“ auf das altpersische Wort „kendü“ oder „kondü“ zurück, das sich zum lateinischen „condus“ (im Akkusativ: „condum“) weiterentwickelte und ein „Behältnis“ bezeichnet – in den historischen Kulturen handelte es sich dabei meist um einen Sack aus Tiereingeweiden zur Aufbewahrung von Pflanzensamen (!). Fest steht wohl nur, dass das Kondom nichts mit der Stadt Condom, der Hauptstadt des Armagnac im südfranzösischen Département Gers verbindet, wo das Kondom „capote“ oder schlicht „préservatif“ heißt. Trotzdem pilgern viele Interessierte dorthin, woraufhin hier anno 2005 ein kleines Kondommuseum eröffnete (Musée du préservatif, 4, Rue du Sénéchal, geöffnet von Mitte Juni bis Mitte September).

Tatsächlich haben Präservative etwas Museales an sich, ihre Geschichte reicht nämlich zurück bis ins alte Ägypten (Zeitreise). Der Prototyp des heutigen Latexkondoms wurde erst 1855 von dem US-amerikanischen Chemiker Charles Nelson Goodyear geschaffen, der die Vulkanisierung von Kautschuk mittels Hitze und Schwefel erfunden und das Material damit widerstandsfähig gemacht hatte. Zuvor behalf sich die Menschheit mit Blinddärmen, Harn- und Gallenblasen tierischer Herkunft oder verwendete Penisfutterale aus Leder, Leinen, Ölpapier. Allein schon aus Kostengründen wurden diese Urversionen mehrfach verwendet und bei Bedarf repariert. Naturdarmkondome behaupten bis heute auf dem Weltmarkt eine kleine Nische. Ihre Bedeutung nimmt allerdings infolge BSE weiter ab, da sie meist aus der Kälber- oder Lämmerschlacht stammen. Hinzu kommt, dass sie nicht als Barriere gegen die Erreger von Aids und anderer Krankheiten taugen, also auch in dieser Hinsicht Latexkondomen unterlegen sind.

Begeben Sie sich auf eine kleine Reise durch die Zeit

Heute im Karneval kann man Präservative sogar auf den Kopf setzen – als Kondommütze aus 100 Prozent Polyester – oder sie als Kostüm anlegen, sogar über den ganzen Körper stülpen. Keine Frage, damit zu verhüten oder sich vor Aids zu schützen, würde auch dem größten Narren nicht einfallen. Doch gemahnt die Maskerade unzweideutig daran, dass Karneval und Kondomgebrauch zusammengehören. Bevor’s auf die Rolle geht, sollte sich jeder „Jeck“ zur Maxime machen: Lieber ein Gummi dabeihaben und keins brauchen als eins brauchen und keins dabeihaben ...