Kautschuk Macht Geschichte

Teil I-1: Kampf ums Kautschukmonopol

Sie liest sich wie ein Roman, die Geschichte des Kautschuks, doch kommt sie gänzlich ohne Fiktionen aus. Den Anfang macht das Zeitalter der Entdeckungsreisen und Expeditionen, die europäische Seefahrernationen rund um den Globus unternahmen, um ihren Reichtum zu mehren und ihre Machtsphäre auszudehnen. Aus Entdeckern wurden Eroberer, die mit Kreuz und Schwert mal amerikanische, mal afrikanische Völker ungefragt „zivilisierten“, oft genug bloß wirtschaftlich ausbeuteten. Durch die, wie Historiker es ausdrücken, „Intensivierung von Fernkontakten“ entstand nach und nach ein weltumspannendes Netz von Handelsbeziehungen, das die Kontinente gleichsam zusammenrücken ließ. Eine Art „Globalisierung 1.0“, gekennzeichnet durch asymmetrische Machtverhältnisse zwischen kolonisierten Gebieten und deren selbst ernannten „Schutzmächten“. Der imperiale Gestus mag abstoßen, doch ist einzuräumen, dass Staaten eine wichtige Aufgabe wahrzunehmen hatten und haben: Als Ordnungsmächte des Marktes sorgen sie für Freihandel und fairen Wettbewerb. Ihnen mithin obliegt es, Konzentration von Marktmacht (Monopolbildung) zu verhindern (vgl. Topik/Wells 2012, 614 u. 811). Dass Staaten an dieser Aufgabe scheitern oder sie nur halbherzig wahrnehmen, lehrt die Geschichte. Mehr noch: Sie erliegen gelegentlich selbst der Versuchung, den Markt zu manipulieren und zu monopolisieren, sobald sie eigene ökonomische Interessen verfolgen (ebd., 812) – eben dies lehrt die Geschichte des Kautschuks. Von den damit verbundenen Scharmützeln handelt der folgende Text, der unsere Serie zur Geschichte des Kautschuks fortsetzt, die mit „Das große Gummi-ABC“ begann. Die am Profit partizipierenden Handlanger schreckten nicht davor zurück, die Kautschukzapfer brutal zu drangsalieren. Wildkautschuk war deshalb Anfang des 20. Jahrhunderts, als die Kautschukwirtschaft boomte, als Blutgummi („Red Rubber“) verschrien. Mit dem Triumph des Kulturkautschuks waren die Tage des Blutgummis dann gezählt – das Kautschukmonopol hingegen ging endgültig erst mit der Erfindung des synthetischen Kautschuks unter.

 
 

Jahrhundertelang hatte die Weltwirtschaft für Kautschuk keine Verwendung. Nach der Entdeckung Amerikas machte das elastische Baumharz in Europa lediglich als Kuriosum die Runde. Die schwarzen, federnden Fladen wurden ausgiebig bestaunt, aber als wertlos angesehen, weil man keine nutzbringende Anwendung für sie wusste. Und so verschwand das exotische Mitbringsel aus der Neuen Welt bald unter allerhand Gerümpel und geriet in Vergessenheit (vgl. Jünger 1942, 15). Aus seinem „Dornröschendasein“ (Fischer 1938, 10) wurde Kautschuk erst 1770 durch den Londoner Optiker Edward Nairne (1726-1806) erweckt, als dieser das Radiergummi erfand. 50 Jahre später machten sich britische Unternehmer die Eigenschaft des Kautschuks, Feuchtigkeit abzuweisen, zunutze und begannen, ähnlich wie einst die Indianer, wasserfeste Stiefel und Schuhe zu fertigen. Der schottische Chemiker Charles Macintosh (1766-1843) fand ein taugliches, 1823 patentiertes Verfahren zur Herstellung von Regenmänteln, die mit Kautschukbenzollösung imprägniert waren und ein Verkaufsschlager wurden – der Name „Mackintosh“ (mit „-ck-“!) wurde zum Synonym für Regenmäntel (Jünger 1942, 26). Trotzdem blieb Kautschuk vorerst das „Stiefkind der Weltwirtschaft“ (Fischer 1938, 10): Der gegen Hitze und Kälte wenig beständige Werkstoff taugte nicht zur Massenproduktion, seinem ökonomischen Potenzial schienen enge Grenzen gesetzt zu sein. Das änderte sich grundlegend, nachdem ein US-Amerikaner, der Mechaniker Charles Nelson Goodyear (1800-1860) aus Philadelphia, den Kautschuk vulkanisiert, d. h. durch Zugabe von Schwefel bei hoher Temperatur in gebrauchsfähiges, haltbares Gummi umgewandelt hatte: „Der Kautschuk ist jetzt verwendbar geworden. Niemand braucht sich mehr über ihn zu ärgern, und kein Geschäftsmann, der Galoschen oder Gummimäntel verkauft, hat mehr zu fürchten, daß seine Kunden ihn später verklagen.“ (Fischer 1938, 14)

 
 

Goodyear gibt Gummi

Nach der auf das Jahr 1839 datierten Entdeckung der Vulkanisation (siehe „Das große Gummi-ABC“) stieg die Nachfrage sprunghaft an: 1822 hatten noch 31 Tonnen Rohkautschuk ausgereicht, den weltweiten Bedarf zu decken, „und aus dem Hauptteil w(u)rden weder Gummischuhe noch Regenmäntel gemacht, sondern Radiergummi“ (Fischer 1938, 12). 1876 lag der weltweite Verbrauch schon bei 10.000 Tonnen (Butze 1954, 179; siehe Tabelle 1): Man „trägt […] Gummimäntel, Gummischuhe und verwendet Hartgummi für vielerlei Zwecke; die Elektroindustrie entdeckt die gute Isolationsfähigkeit des Kautschuks, und die teuren Kämme aus Metall, Horn oder Schildpatt machen dem Hartgummi Platz.“ (Fischer 1938, 24) Ein regelrechter Boom war das noch nicht: „Immer noch […] brauchen sich die Gummisammler […] nicht sonderlich anzustrengen […]. Kein Mensch in der Welt denkt daran, daß Kautschuk einmal knapp werden könnte.“ (Fischer 1937, 24) „(N)och ahnt niemand, daß ein paar Jahrzehnte später am Kautschuk Milliarden Mark verdient und Millionen Menschen ihr Leben verlieren werden.“ (Fischer 1938, 14; vgl. Klemm 1960, 16-17)

Der „Siegeszug des Kautschuks“ (Fischer 1938, 15) setzte ein, als die Automobilindustrie auf den Plan trat; Gummi wurde „aus einer Spielerei zum wichtigen Industrierohstoff“ neben Kohle und Stahl (Zischka 1936, 152; vgl. Hoppenhaus 2013, 36).

 
 

Tabelle 1: Rohkautschuk-Weltproduktion 1822-1939 (Angaben in Tonnen)

1822 | 31
1830 | 150
1850 | 5.000
1870 | 9.100
1890 | 28.900
1899 | 49.804
1907 | 60.000
1908 | 65.000
1909 | 69.600
1910 | 90.500
1912 | 98.500
1913 | 108.500
1914 | 120.400
1915 | 100.000
1917 | 265.000
1918 | 326.000
1920 | 370.000
1922 | 380.000
1924 | 421.500
1925 | 516.000
1926 | 615.000
1928 | 649.000
1930 | 816.000
1931 | 800.000
1932 | 707.000
1934 | 1.008.900
1936 | 942.000
1937 | 1.152.000
1938 | 916.000
1939 | 1.097.000
(Quelle: Fischer 1938, Jünger 1942, Butze 1954)

 
 

In den letzten Dezennien des 19. Jahrhunderts ereignete sich der Durchbruch: 1888 erfand der schottische Tierarzt John Boyd Dunlop (1840-1921) die Luftbereifung fürs Fahrrad (Link: Kleine Enzyklopädie des Luftreifens). 1898 liefen erstmals auch Kraftfahrzeuge auf luftgefüllten Gummireifen, sogenannten Pneumatiks des französischen Herstellers Michelin & Cie (Jünger 1942, 50, und Butze 1954, 176).

Kleine Enzyklopädie des Luftreifens
 
 

Unstillbarer Kautschukhunger

Automobilindustrie und Gummierzeugung waren fortan verschwistert: „Was an Gummireifen auf den Straßen der Städte und den Chausseen […] zerfahren wird, macht annähernd vier Fünftel der ganzen Weltgummierzeugung aus.“ (Fischer 1938, 26; vgl. ebd., 136) Die anfänglich dürftige Reifenqualität und das Fahren auf meist unbefestigten Straßen brachte es mit sich, dass ein Auto jedes Jahr durchschnittlich acht Reifen verschliss. Zwar gelang es der Industrie ziemlich bald, Reifen zu entwickeln, die sechsmal länger hielten, begünstigt auch durch den Ausbau asphaltierter Land- und Kommunalstraßen (vgl. Topik/Wells 2012, 679). Trotzdem nahm der Kautschukhunger der Automobilindustrie stetig zu: 1914 orderte die amerikanische Automobilindustrie neun Millionen Pneumatiks, zehn Jahre später waren es 50 Millionen (Fischer 1938, 131 u. 140). Und wies ein Kraftfahrzeug 1910 nur um die fünf Teile aus Gummi auf (Mäntel und Schläuche, Ventilatorriemen, Hupball, Dichtungen), waren es 25 Jahre später an die 130, neben zig Profilen und Dichtungen z. B. Hinterachslagerungen, Schwingungsdämpfer und Kupplung (Fischer 1938, 166).

Hinzu kam: Kautschuk war nicht allein für die Reifenhersteller „ein Rohstoff ersten Ranges“, er war „auch für die […] Elektrotechnik und Kabelindustrie […] als Isoliermaterial unersetzlich, und die neuen, mit Preßluft betriebenen Werkzeuge hingen ab vom Gummischlauch, der die Luft vom Kompressor heranführte, so wie der Chirurg abhing vom Gummihandschuh. Auf Hunderten von Gebieten beeinflußte der Gummi die technische Entwicklung. Er wurde unersetzlich – durch nichts anderes austauschbar.“ (Klemm 1960, 21, vgl. auch Zischka 1936, 145, und Topik/Wells 2012, 663-664)

Um den Hunger nach Kautschuk zu stillen, musste die Produktion massiv erhöht werden. 1850 waren weltweit etwa 5.000 Tonnen Kautschuk auf den Weltmarkt gelangt und hatten völlig ausgereicht, die Nachfrage zu decken. Mehrerzeugung hätte damals unweigerlich zu einem Überangebot geführt, lediglich die Lagerbestände vergrößert. 50 Jahre später wurde weltweit zehn Mal so viel des mittlerweile äußerst begehrten Kautschuks gewonnen und fand reißenden Absatz. Eine Situation relativer Knappheit, Angebot und Nachfrage hielten sich die Waage, und als der Kautschukverbrauch nach der Jahrhundertwende explodierte, wuchs auch die Erzeugung in schwindelnde Höhen: 1910 waren 100.000 Tonnen in Sicht, 1934 schaffte man erstmals über eine Million.

 
 

Mit dem Boom zogen auch die Preise an: 1910 mussten fürs Kilo Kautschuk 28 Reichsmark gezahlt werden, mehr als doppelt so viel wie zwanzig Jahre zuvor (siehe Tabelle 2). Der im Jahre 1909 gewonnene Kautschuk erzielte auf dem Weltmarkt einen Gegenwert von 1,9 Milliarden Mark, so viel wie nie.

 
 

Tabelle 2: Weltmarktpreis (in Reichsmark) pro Kilo Kautschuk

1890 | 13
1899 | 16
1906 | 20,75
1907 | 12
1909 | 26,50
1910 | 28
1912 | 20,50
1914 | 9,75
1915 | 9,36
1916 | 5
1917 | 5
1918 | 1,50
1920 | 1,80
1922 | 2,50
1923 | 4
1924 | 5
1925 | 6,50
1926 | 4,50
1928 | 1,38
1930 | 1,10
1932 | 0,32
1933 | 0,35
1934 | 0,59
1936 | 0,82
1937 | 0,95
1938 | 1,02
1939 | 1,21
(Quellen: Fischer 1938, Jünger 1942)

 
 

Geographische Karte Jünger 1942: Haupterzeugungsgebiete des Plantagen-Kautschuks in Asien

Wer aber profitierte vom Kautschukboom und machte das große Geschäft? Wer war imstande, durch seine Exporte die weltweite Kautschuknachfrage zu befriedigen? Die Antwort lautet: ausschließlich Länder in den Äquatorialzonen Südamerikas und Zentralafrikas. Hier nämlich, im Einzugsgebiet der großen Ströme Amazonas und Kongo, schufen Klima und Vegetation gleichsam ein natürliches Kautschukmonopol, denn nur im tropischen Regenwald waren jene Pflanzen beheimatet, die kautschukhaltiges Harz (Latex) spendeten, und allein hier waren die für sie idealen Wachstumsbedingungen gegeben. Im von Belgien wirtschaftlich ausgebeuteten Kongo, auf dem Papier zunächst Freistaat, später Kolonie, wurden Lianen der Gattung Landolphia sowie Gummibaum (Ficus elastica), Kickxia elastica und Wolfsmilchgewächse (Euphorbiaceae) gezapft (Jünger 1942, 95). Den qualitativ hochwertigeren Kautschuk lieferte in den Wäldern Amazoniens die Hevea brasiliensis (siehe „Das große Gummi-ABC“).

 
 

Das Verbreitungsgebiet des Baums umfasst fünf Millionen Quadratkilometer südamerikanischen Bodens und erstreckt sich von den Urwäldern südlich des Amazonas bis an die Westhänge der Anden. Drei Viertel dieses Gebietes gehören zu Brasilien, ein Viertel teilen sich Bolivien, Peru und Kolumbien (vgl. Jünger 1942, 71). Damit fiel Brasilien in Südamerika die Rolle des Haupterzeugerlands zu, so wie dem Kongo in Afrika (siehe Tabelle 3). Brasilien entwickelte sich bald zum Weltmarktführer; das Land vereinte zwischen 1900 und 1907 Jahr für Jahr 80 bis 90 Prozent der globalen Kautschukerzeugung auf sich. 1822 hatte Brasilien erst 31 Tonnen Rohgummi über den Atlantik verschifft (Fischer 1938, 62), 1910 sollten es über 50.000 werden. Der Kongostaat stellte keine ernsthafte Konkurrenz dar, ließ sich als kleiner Rivale dulden, der es auf maximal 6.500 Tonnen pro anno brachte – ein Quantum, das allerdings ausreichte, unter den afrikanischen Gummistaaten Platz eins einzunehmen (vgl. Fischer 1938, 107).

 
 

Tabelle 3: Die Haupterzeuger von Wildkautschuk (in Tonnen)

Südamerika gesamt Brasilien Afrika gesamt Belgisch-Kongo
1880 | 9.800 | 8.500 | 1.200 | 450
1890 | 25.100 | 16.000 | 3.800 | 850
1895 | 26.500 | 21.200 | 4.000 | 1.600
1900 | 36.200 | 28.500 | 15.500 | 5.800
1902 | 41.100 | 30.100 | 12.300 | 6.200
1904 | 46.000 | 33.200 | 18.500 | 6.500
1906 | 46.200 | 38.500 | 19.500 | 6.000
1908 | 52.000 | 39.300 | 15.600 | 5.200
1910 | 62.500 | 53.200 | 19.800 | 4.800
1912 | 52.500 | 42.100 | 17.500 | 4.200
1914 | 42.800 | 33.500 | 6.200 | 2.500
1916 | 44.200 | 31.900 | 9.800 | 3.000
1918 | 33.700 | 21.600 | 7.200 | 1.800
1920 | 32.500 | 18.500 | 6.500 | 1.000
1922 | 22.200 | 16.200 | 2.800 | 800
(Quelle: Jünger 1942, 198)

 
 

Am Amazonas verwandelte die „Gummihausse“ (Jünger 1942, 93) weltabgeschiedene Urwaldnester wie Iquitos oder Manaus bald in prosperierende Städte (siehe „Das große Gummi-ABC“), deren „Kautschukbarone“ dem Luxus frönten. Diese hatten „unter der Deckung europäischer Handelshäuser oder auf eigene Rechnung Großkonzessionen vom Staate erworben. Ein solches Ausbeutungsrecht wurde nicht selten als Spekulationswert angesehen und weiter verhandelt. Zur Zeit der Hochkonjunktur traten in diesem System noch Mittelspersonen auf.“ (Jünger 1942, 75). So gab im Gebiet des Putumayo, einem Nebenfluss des Amazonas, die Peruvian Amazon Company den Ton an, von der in dieser Serie noch ausführlich die Rede sein wird.

 
 

Brasilien macht Kasse

Je mehr Automobile gebaut wurden, desto stärker gerieten die Hersteller in den USA und Europa in Abhängigkeit von Kautschukimporten aus Brasilien: „Kautschuk ist praktisch ein Monopol Brasiliens […], und dieses Monopol muß die Welt bezahlen.“ (Jünger 1942, 57) Die Briten ereiferten sich über willkürlich erhobene Ausfuhrzölle, mit denen sich die brasilianische Zentralregierung und die Provinzen ihr Stück vom Kuchen abschnitten: „Die kaiserliche Regierung erhob 1875 einen Wertzoll von 9 %; diesem fügte die Provinz Amazonas einen Zuschlag von 12 %, die Provinz Par(á) einen solchen von 13 % hinzu.“ (Jünger 1942, 57, Fn. 1) Dies verteuerte den Kautschuk noch mehr, für den ohnehin immer höhere Preise zu zahlen waren, weil das Angebot mit der rasant wachsenden Nachfrage immer schlechter Schritt zu halten vermochte. Die Schwierigkeiten waren allerdings hausgemacht:

 
 

● „Die brasilianische Kautschukgewinnung zeichnete sich durch den unnachsichtigen Raubbau an der Stammpflanze aus. Sehr oft verschmähte man die langwierige Zapfmethode. Das Umschlagen der kostbaren Bäume beschleunigte den Milchfluß; es war die einzige Möglichkeit, den gesamten Saft in kürzester Zeit zu gewinnen. […] Bereits um die Jahrhundertwende hatte man die Wälder an ihren leicht zugänglichen Stellen so weit ausgeraubt, daß sie für eine regelmäßige Bearbeitung nicht mehr in Betracht gezogen werden konnten. Als die Preise immer weiter anzogen, eine natürliche Folge dieses Verschwendungssystems, griff man zu rigoroseren Mitteln. Expeditionen kampflustiger Seringueiros drangen heimlich in die ergiebigen Gebiete Boliviens ein und begannen in dem kautschukreichen Acregebiet (siehe „Das große Gummi-ABC“, Red.) ihren Bedarf zu decken.“ (Jünger 1942, 77-78; vgl. Fischer 1938, 100 u. 113)
● „Im brasilianischen und peruanischen Zapfgebiet herrschte seit jeher ein fühlbarer Mangel an geeigneten Arbeitskräften. […] Malaria und die ganze Landstriche entvölkernden Gelbfieberepidemien vernichteten mehr Menschen, als das volkarme Gebiet zu ersetzen imstande war. Aus diesen Gründen versuchte man immer wieder, Eingeborenenstämme des weiteren Stromgebietes zum Einsammeln der kostbaren Milch heranzuziehen. Ihre Dienstbarmachung gehörte zu den größten Geschäften, die in den südamerikanischen Kautschukgebieten unternehmenden Abenteurern geboten wurden. Schon das leiseste Gerücht von dem Vorhandensein eines unbekannten Indianerstammes genügte, um kostspielige Expedition auf die Suche zu schicken.“ (Jünger 1942, 92; vgl. Zischka 1936, 148, und Olden 1977, 140) Trotzdem wurde am Amazonas wie am Kongo die einheimische Bevölkerung mit brutalsten Mitteln zu unbezahlter Arbeit gezwungen. Körperliche Züchtigung mit der Peitsche und diverse Foltermethoden waren an der Tagesordnung, um die Kautschukausbeute zu steigern. Selbst vor Verstümmelung und Mord schreckten die Aufseher nicht zurück (Näheres im nächsten Teil dieser Serie) – und dezimierten so widersinnigerweise die per se raren Arbeitskräfte.

 
 

Die anhaltende Kautschukknappheit, bedingt durch die hohe Nachfrage wie durch den Raubbau an Mensch und Natur, verbürgte einen hohen Preis, der viel Geld in die Kassen der Anbieter spülte, das Geschäft aber alsbald verderben sollte. Die Abnehmer, die sich übervorteilt und in der Preisspirale gefangen sahen, hielten nach Alternativen Ausschau und setzten alles daran, das brasilianische Kautschukmonopol zu brechen.

 
 

Angriff auf das Monopol

Die Briten waren so vorausschauend, schon zu einer Zeit entsprechende Pläne zu schmieden, als Kautschuk für die Wirtschaft noch geringe Bedeutung hatte, lediglich Regenmäntel, Gummischuhe oder Isoliermaterial aus ihm hergestellt wurden (Fischer 1938, 75) – und es noch gar keinen „Blutgummi“ gab. Anders als die USA besaß Großbritannien mit Indien, Ceylon und Britisch-Malaya Kolonien in tropischen Gefilden, wo der Kautschukbaum, die Hevea brasiliensis, theoretisch prächtig gedeihen musste – auch wenn er hier nicht nativ war. Gleiches galt für Niederländisch-Ostindien (Java, Sumatra, halb Borneo), das heutige Indonesien (siehe Karte). Joseph Dalton Hooker (1817-1911), Direktor der der königlichen botanischen Gärten von London („Kew Gardens“), trug deshalb im Januar 1876 dem damaligen britischen Premierminister Benjamin Disraeli (1804-1881) die Idee vor, die „Hevea brasiliensis in das gleichgeartete Klima unserer Asienkolonien“ zu verpflanzen (Jünger 1942, 58) und dort auf Plantagen zu kultivieren. Eine solche Unternehmung angeregt hatte bereits der britische Chemiker Thomas Hancock (1786-1865), der 1855 auf taube Ohren gestoßen war – „die wildwachsenden Bestände an Kautschukbäumen seien völlig ausreichend, um den Weltbedarf auf lange Zeit hinaus zu decken“ (Künne 1961, 172). Clements Markham (1830-1916), Leiter der geographischen Abteilung des „British India Office“, war es 1870 nicht anders ergangen.

 
 

Dabei ließ sich auf viele erfolgreiche Versuche verweisen, endemischen Wildvorkommen durch Kulturpflanzungen ein riesiges Verbreitungsgebiet zu verschaffen: „Der Kaffee, der einst nur in Abessinien wuchs, hat in fast allen tropischen Ländern eine neue Heimat gefunden. Zimt wurde nur von wildwachsenden Bäumen gewonnen, bis der Holländer De Koke die Kultur im Jahre 1770 in Ceylon versuchte und so glänzende Erfolge damit erzielte, daß der Anbau in kurzer Zeit eine Ausdehnung gewann, die die Insel heute instand setzt, 400.000 Pfund Zimt auf den Markt zu bringen. Ähnliche Ergebnisse wurden bei der Verpflanzung des Gewürznelkenbaumes und der Muskatnuß erreicht, aber das lehrreichste Beispiel im Vergleich zum Kautschuk zeigt(e) vielleicht die Chinarinde“ (Jünger 1942, 60): Nach Anpflanzungen auf Java, in Indien und auf Ceylon (Sri Lanka) gehörte hier „(d)ie Abhängigkeit von Südamerika so vollständig der Vergangenheit an, daß diese Bezugsquelle erlöschen könnte, ohne den Handel dadurch zu beeinflussen“ (ebd.).

 
 

Beim Kautschuk gab es allerdings eine Schwierigkeit: „(D)ie brasilianische Regierung hatte Schutzmaßnahmen zur Erhaltung ihres Monopols getroffen. Die Ausfuhr von jungen Pflanzen und Samen wurde mit schweren Freiheitsstrafen bedroht, und zur Durchführung der Bestimmung fand eine genaue Kontrolle aller Schiffe in den Kautschukhäfen statt.“ (Jünger 1942, 58) Blieb nur übrig, offiziell eine Ausfuhrgenehmigung zu ersuchen und darauf zu hoffen, dass Rio sie ausnahmsweise erteilte. Eine entsprechende Anfrage beschied die brasilianische Regierung „brüsk ablehnend“ (Fischer 1938, 75) und witterte ein Ablenkungsmanöver: Man glaubte, die Briten kaschierten im Geheimen längst vorbereitete Aktivitäten, Heveasamen zu stehlen und nach England zu bringen. Die brasilianischen Zollbeamten bekamen deshalb die Anweisung, „britische Schiffe besonders scharf unter die Lupe zu nehmen“ (Fischer 1938, 75).

 
 

Mit der „Amazonas“ über den Atlantik

Tatsächlich kannten die Briten keine Skrupel, sich durch „Biopiraterie“ (Hoppenhaus 2013, 37) der Hevea brasiliensis zu bemächtigen. Dem Botaniker und Großwildjäger John Farris war es bereits 1873 gelungen, mehr als 5.000 Heveasamen vom Amazonas nach England zu schmuggeln. In den Gewächshäusern der Kew Gardens keimte allerdings nur ein Dutzend aus, und als die jungen Pflänzchen nach Indien verschifft wurden, gingen sie allesamt auf See ein (Künne 1961, 173; siehe auch Zischka 1936, 153, Fischer 1938, 68-74, Kropf 1949, 22, und Klemm 1960, 34-35). Nun, drei Jahre später, schlug Hooker Disraeli vor, den an einem Nebenfluss des Amazonas, dem Rio Tapajós, ansässigen britischen Pflanzer Henry Wickham (1846-1928) damit zu beauftragen, „Samenkapseln der Hevea brasiliensis in unbegrenzter Anzahl nach England zu verfrachten“ (Jünger 1942, 64; siehe auch ebd., 62). Hooker rechtfertigte seinen Vorschlag damit, es müsse gehandelt werden, bevor „der Raubbau in den Wäldern Südamerikas schließlich zur Ausrottung der […] Hevea brasiliensis führen werde“ (Künne 1961, 172-173) und die sprunghaft steigende Nachfrage auf dem Weltmarkt von Brasilien nicht mehr gedeckt werden könne. Disraeli willigte ein, deklarierte Wickhams Mission aber als inoffiziell, damit, falls sie auffliegen sollte, die britische Regierung ihre Hände würde in Unschuld waschen können (Jünger 1942, 62). Im Mai 1876 schmuggelte Wickham 70.000 Kautschukbaumsamen, die er mithilfe von Indios gesammelt hatte, an Bord eines auf den Namen „Amazonas“ getauften englischen Schiffes über den Atlantik. Nach erfolgreicher Anzucht in den Kew Gardens überstanden diesmal an die 2.000 Kautschukbäumchen die Seepassage ins südliche Asien. 1.900 wurden im Botanischen Garten von Heneratgoda auf Ceylon (Sri Lanka) ausgepflanzt, 18 gelangten nach Buitenzorg auf Java (siehe „Das große Gummi-ABC“) und 50 nach Singapur (siehe www.irrdb.com/irrdb/about/henry.html; vgl. Künne 1961, 234).

 
 

Die Tragweite von Wickhams Coup war 1876 noch nicht zu ermessen. Erst der Kautschukboom nach der Jahrhundertwende ließ ahnen, welchen Schatz die Briten gehoben hatten: „Es sind nicht nur siebzigtausend Heveasamen, die die ‚Amazonas‘ entführt, es sind ungezählte Milliarden Mark, […] die die ‚Amazonas‘ nach England bringt“, heißt es bei Fischer 1938, 79. Es sollte bis 1907 dauern, bis mit 6.000 Tonnen erstmals ein bemerkbares Quantum Plantagenkautschuk auf den Weltmarkt gelangte (Zischka 1936, 155-156 und Butze 1954, 180). Zwar dümpelte der Marktanteil des Kulturkautschuks vorerst nur zwischen einem und zwei Prozent (siehe Tabelle 4), „(d)ieser aber genügt, daß die Männer um den ‚wilden Kautschuk‘ in höchste Bestürzung geraten“ (Butze 1954, 180). Die „Waffen“ waren nämlich „sehr ungleich, mit denen 1907 der Wildkautschuk und der Plantagenkautschuk zum Duell antraten“ (Fischer 1938, 113); es gab mit anderen Worten gute Gründe, den neuen Konkurrenten zu fürchten:

 
 

● Im unwegsamen tropischen Regenwald wachsen auf einem Hektar durchschnittlich nur acht Kautschukbäume (Jünger 1942, 78). Dicht bepflanzte Plantagen ermöglichten selbstredend eine deutlich größere Ausbeute auf wesentlich kleinerem Raum.
● „Auf sechs Mark muß man allein die Kosten für die Ernährung eines Arbeiters am oberen Amazonas am Tag veranschlagen. Der Kuli auf Ceylon dagegen ist mit einem Tageslohn von einer Mark rein reicher Mann.“ (Fischer 1938, 113)
● „Wenn man […] geglaubt hatte, daß Brasilkautschuk höhere Preise als Plantagenkautschuk erzielen würde, so mußte man sich auch hierin enttäuscht sehen. Der reinere asiatische ‚best crepe‘ erreichte oft sogar höhere Notierungen als (brasilianischer, Red.) ‚Par(á) fine hard‘.“ (Jünger 1942, 116; vgl. Zischka 1936, 156)

 
 

Auch wenn das Aufkommen des Kulturkautschuks den Anbietern des Wildkautschuks einen Schock versetzte, griffe es zu kurz, ihn allein für den „Gummicrash“ (Zischka 1936, 156: „Gummikrach“) verantwortlich zu machen, der sich kurz darauf ereignete: „1907 fällt der Kautschukpreis auf die Hälfte. […] Die Unternehmer am Amazonas kommen in Schwierigkeiten; Dividendenzahlungen werden eingestellt, und viele Firmen brechen zusammen.“ (Fischer 1938, 114; vgl. Zischka 1936, 156) Schwerer ins Gewicht als die neue Konkurrenz aus Asien fällt der Konjunktureinbruch in den USA: „Ein Bankerott (sic) jagt den anderen, eine Fabrik nach der anderen muß ihre Tore schließen. Darunter befinden sich 70 Gummifabriken, die jetzt plötzlich nicht nur die wunderbaren Vorschüsse auf die Löhne nicht mehr bezahlen können, sondern auch unfähig sind, den letzten bestellten Kautschuk abzunehmen.“ (Fischer 1938, 112-113) Hinzu kam, dass Wildkautschuk zunehmend boykottiert wurde, nachdem er als Blutgummi in Verruf geraten war (Fischer 1938, 120).

 
 

Wirtschaftsexperten mahnten gleichwohl zur Gelassenheit – sie errechneten, „daß der Ferne Osten allergünstigstenfalls im Jahre 1915 eine Menge von 5.000 Tonnen Kulturkautschuk auf den Weltmarkt werfen könnte“ (Fischer 1938, 113). Und tatsächlich schienen die Sterne günstig zu stehen:

 
 

„Der Kautschukmarkt erholt sich im Sommer 1908 von seiner ersten Erschütterung, und die Kautschukunternehmer gehen mit verstärktem Eifer an die Arbeit, den Verlust von 1907 auszugleichen. Brasilien vor allen reißt sich zusammen und erhöht seine Produktion von 36.000 Tonnen auf 39.000 Tonnen im Jahre 1908 und auf 42.000 Tonnen im Jahre 1909. – Noch nicht einmal den zehnten Teil liefern damals sämtliche Kautschukplantagen der Welt. Es sieht so aus, als ob alles wieder beim alten ist […]. Dann aber ist es aus. In der Scheinblüte des Jahres 1907 bis 1910 vollzieht sich das Schicksal des Blutgummis. Hatte man 1907 noch ausgerechnet, daß die ostasiatischen Plantagen acht Jahre brauchen würden, um ihre Erzeugung […] auf 5.000 Tonnen zu erhöhen, so kommen 1910 bereits 8.200 Tonnen, ein Jahr später beinahe 15.000 und 1912 sogar schon an die 30.000 Tonnen Plantagenkautschuk auf den Markt. Noch vermögen diese Mengen den Wildkautschuk nicht zu verdrängen. Aber die Preise, die Preise diktieren sie“ (Fischer 1938, 115).

 
 

Erlebte die Welt 1909 noch „ihren größten Gummirausch“ (Fischer 1938, 156), von dem auch Brasilien und der Kongo profitierten, herrschte bald wieder Katzenjammer (Jünger 1942, 109): Immer mehr Plantagenkautschuk drängte auf den Markt – und drückte den Preis. „Aber die Welt hat jetzt einen unersättlichen Heißhunger nach Kautschuk, die Nachfrage ist sehr viel größer als das Angebot. Die Preise erholen sich wieder, gehen rasend in die Höhe“ (Butze 1954, 180-181). Weil „innerhalb weniger Monate […] die Kautschukpreise um 300 bis 400 Prozent geschwankt“ hatten (Fischer 1938, 137), sah Brasilien „einen Hauptquell seines Reichstums bedroht“ (Fischer 1938, 115) und ergriff Gegenmaßnahmen: Die Ausfuhr wurde beschränkt, um das Angebot zu verknappen und die Preise zu stabilisieren (vgl. Fischer 1938, 115-116). Zugleich unternahm man Anstrengungen, aus den Wäldern am Amazonas deutlich mehr Wildkautschuk herauszuholen und effizienter zu wirtschaften:

 
 

„Man warf die Flinte keineswegs in Korn. Geschickte Zahlenkünstler hatten errechnet, daß Brasilien sich im ungefähren Besitz von 300 Millionen Kautschukbäumen befand. Wenn es gelang, innerhalb einiger Jahre auch nur die Hälfte dieser Bäume zu zapfen, so entsprach das einer Kautschukmenge von rund 500.000 Tonnen. Dieses Quantum reichte aus, um den gesamten Verbrauch der Welt zu befriedigen. Leider mußte man bald die Feststellung machen, daß diese kühne Rechnung nicht ganz fehlerfrei war. Von den 300 Millionen Kautschukbäumen, die im brasilianischen Waldgebiet wuchsen, befand sich der größte Teil in so schwer zugänglichen Gebieten, daß man sie getrost aus den Statistiken streichen konnte. Zudem vermochte ein verschwenderisches Handelssystem, wie es in Brasilien üblich war, mit den rationellen Betrieben der Plantagen niemals ernstlich in Konkurrenz zu treten.“ (Jünger 1942, 113-114) „In seinen letzten Auswirkungen zeigte sich dieses System im Verhältnis der Produktionskosten, die in Brasilien im Jahre 1913 für 100 Kilogramm Kautschuk 600 Mark, in den asiatischen Zapfgebieten dagegen zwischen 250 und 300 Mark betrugen. Alle Maßnahmen der brasilianischen Regierung schlugen an den schnell wachsenden Produktionsmengen der Plantagen fehl. […] Die gewaltigen Mengen an Kautschuk, die von den Plantagen auf den Markt geworfen wurden, befriedigten den gesamten Weltverbrauch. Dazu machte der Preissturz, der mit der Produktionserhöhung Schritt hielt, das Zapfen wilder Bäume kaum noch lohnend.“ (Jünger 1942, 115-116)

 
 

1913 hatte der Plantagenkautschuk erstmalig den brasilianischen Markt überholt. 1914 betrug der Anteil des Plantagenkautschuks an der weltweiten Kautschukerzeugung bereits 59 Prozent. (Jünger 1942, 111) 1915 lieferten die Plantagen in Süd- und Südostasien bereits dreimal so viel Kautschuk wie ganz Brasilien; der Wildkautschuk war „zur Bedeutungslosigkeit verurteilt“ (Fischer 1938, 113). Von über 80 Prozent fiel der Anteil des Brasilienkautschuks auf 60 Prozent (1909), 50 Prozent (1910) und schließlich magere 1,6 Prozent (1939) (siehe Zischka 1936, 156, Jünger 1942, 202-203, und Butze 1954, 180). Bei Zischka 1936, 181, heißt es tröstlich: „Aber die Welt steht nicht still, und als Brasilien sein Gummimonopol verlor, da ging es deswegen nicht zugrunde. […] (W)as man am Gummi verlor, gewann man am Kaffee.“ Ähnliches gilt für den Kongo: „Von seinen 11 % im Jahre 1900 sank der Anteil des Kongostaates an der Weltproduktion bis auf 2 % im Jahre 1914 ab. Danach verlor er mit seinen mittleren und minderen Sorten jede Bedeutung. Man kann wohl sagen, daß dieser Wandel von günstigem Einfluß auf das Land gewesen ist, denn er lenkte die Aufmerksamkeit auf die Erschließung anderer Quellen des Reichtums, deren Ausbeutung eine weniger grausame Behandlung der Eingeborenen mit sich brachte. Heute sind Palmöl, Kopal, Farbholz, Elfenbein, Kakao und die Produkte des Bergbaus an die Stelle des Kautschuks getreten, des einstigen wertvollsten Handelsgutes, das die Dörfer und Ortschaften am Kongo völlig zu entvölkern drohte.“ (Jünger 1942, 109)

 
 

Wende in der Weltwirtschaft

Eine Wende in der Weltwirtschaft war vollzogen: Der Kulturkautschuk hatte den Wildkautschuk unwiderruflich entthront (Zischka 1936, 155; siehe Tabelle 4). Großbritannien war es gelungen, Brasiliens Kautschukmonopol zu unterlaufen – nun schickte es sich an, selbst zum Weltmarktführer zu werden: „1914 gewinnen die Engländer schon einundsiebzigtausend Tonnen, 1920 dreihundertsiebzehntausend, 1929 achthundertfünfzigtausend“ Tonnen Kulturkautschuk (Butze 1954, 180). „Vier Fünftel der gesamten Welterzeugung sind englisch ohne Einschränkung.“ (Butze 1954, 181; siehe auch Zischka 1936, 157 und Fischer 1938, 127 u. 139) „Englisch“ muss allerdings korrigiert werden: Gemeint war „asiatisch“, denn die Briten mussten sich den Kuchen mit den Niederländern teilen, die, wie erwähnt, in ihren ostindischen Kolonien ebenfalls im großen Stil Kautschukplantagen betrieben. Heute stammen übrigens über neunzig Prozent allen Kautschuks aus Asien (Hoppenhaus 2013, 37).

 
 

Tabelle 4: Entwicklung des Anteils Wildkautschuk – Kulturkautschuk an der Rohkautschuk-Weltproduktion 1900-1922 (Angaben in Prozent)

Jahr Wildkautschuk Kulturkautschuk
1900 | 100,0 | 0,0
1904 | 99,9 | 0,1
1906 | 99,2 | 0,8
1907 | 98,6 | 1,4
1908 | 97,4 | 2,6
1910 | 90,9 | 9,1
1912 | 71,1 | 28,9
1914 | 40,7 | 59,3
1916 | 25,8 | 74,2
1918 | 13,7 | 86,3
1920 | 11,3 | 88,7
1922 | 6,6 | 93,4
(Quelle: Jünger 1942, 68 u. 198)

 
 

Das Ende der Ära des Wildkautschuks bedeutete nicht nur in ökonomischer Hinsicht eine Zäsur: Das Monopol des Blutgummis war gebrochen, ein Ende des Quälens und Mordens an Amazonas und Kongo in Sicht. Für die indigene Bevölkerung und für alle Philanthropen weltweit, die von den Gräueln durch engagierte Publizisten und Politiker Kunde bekommen hatten, war damit „ein großer Schritt vorwärts getan“ (Zischka 1936, 156). Wickhams Tat wurde entsprechend gewürdigt – nur dass weder der inzwischen Geadelte noch die britische Regierung anno 1876 intendiert haben konnten, dem Blutgummi ein Ende zu machen, denn damals ließ das Messer im tropischen Regenwald nur Bäume, noch keine Menschen bluten.

 
 

Kein Zweifel: „Es war […] die maßvolle und besonnene […] Wirtschaft, die einen Strich unter die Ausbeutung von Mensch und Natur zog – der Plantagengummi.“ (Fischer 1938, 17-18) Doch Kapitalismuskritiker von links wie von rechts gossen Wasser in den Wein: „Allerdings brach auch die Plantagenwirtschaft die Diktatur der Gummiherren und Gummiländer noch nicht, und wenn es nun auch keinen Kampf um Blutgummi mehr gab, und niemand mehr Gesundheit und Leben zu verlieren brauchte, so dauerte doch die Monopolherrschaft der Gummiherren und der Tropen fort – nur daß an die Stelle der Peitsche der Kurszettel trat.“ (Fischer 1938, 18) Ebd. ist die Rede von „der kaum weniger gefährliche(n) Peitsche des liberalistischen Kapitalismus“. Der „große( ) Schritt vorwärts“ wurde als de facto „nur ein halber“ empfunden (Zischka 1936, 156): „Ein Monopol löste das andere ab! Der Kampf um das Riesengeschäft ging […] weiter!“ (Kropf 1949, 23) Großbritannien habe nahtlos an die von Brasilien ausgeübte „Kautschukdiktatur“ (Fischer 1938, 79) angeknüpft und „seine Sonderstellung zu rücksichtslosen Preistreibereien“ missbraucht (Zischka 1936, 157). Doch wie berechtigt waren die Vorwürfe? Betrieb die britische Regierung tatsächlich eine Politik, die den Rest der Welt wirtschaftlich auspresste? Und vor welche Probleme stellte der Kautschukmarkt die „Monopolisten“ selbst, also Großbritannien und die Niederlande?

Autoren
Dr. M. Weber / Dipl.-Ing. G. Deußing
Redaktionsbüro GDeußing
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E-Mail: guido.deussing@pressetextkom.de
(Fortsetzung im nächsten „Thema des Monats“)

 
 

Benutzte Literatur

Nutze, Herbert (1954): Im Zwielicht der tropischen Wälder. Landschaft, Mensch und Wirtschaft. Leipzig: F. A. Brockhaus, 446 S.
Fischer, Karl (1938): Blutgummi. Roman eines Rohstoffes. Berlin: Kommodore (Killisch-Horn & Co.), 176 S.
Helbig, Karl (1949): Der Kautschukrummel. In: K. H.: Paradies in Licht und Schatten. Erlebtes und Erlauschtes in Inselindien. Braunschweig: Vieweg, S. 260-268
Hoppenhaus, Kerstin (2013): Die Kautschuk-Apokalypse. Autoreifen, OP-Handschuhe, Schnuller – unser Alltag ist voller Dinge, die aus dem Saft des Kautschukbaums hergestellt werden, bis heute. Denn die elastischen Fähigkeiten von Naturgummi sind unerreicht. Ein mikroskopisch kleiner Pilz aber bedroht die Weltproduktion. In: Die Zeit, Nr. 45, 31. Oktober, S. 36-37
Jünger, Wolfgang (1942): Kampf um Kautschuk. Leipzig: Wilhelm Goldmann, 4. Aufl., 241 S.
Klemm, Peter (1960): Blutgummi und Buna. In: P. K.: Entthronte Götter. Geschichten um Rohstoffe. Berlin: Neues Leben, S. 7-62
Kropf, Johannes (1949): Vom Blutgummi zum Buna. Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag (= Werner und Peter auf Entdeckungsfahrten, 9), 40 S.
Künne, Manfred (1961): Kautschuk. Roman eines Rohstoffes. Leipzig: Paul List 1961, 5. Aufl., 476 S.
Lamparter, Dietmar H.: Löwenzahn. In: Die Zeit, Nr. 13, 20. 3. 2014, S. 23
Olden, Balder (1977): Paradiese des Teufels. Das Leben Sir Roger Casements. In: B. O.: Paradiese des Teufels. Biographisches und Autobiographisches. Schriften und Briefe aus dem Exil. Berlin: Rütten & Loening, S. 81-215
Topik, Steven C. und Wells, Allen (2012): Warenketten in einer globalen Wirtschaft. In: Emily S. Rosenberg (Hg.): Geschichte der Welt. 1870-1945: Weltmärkte und Weltkriege. München: C. H. Beck, S. 589-814
Lischka, Anton (1936): Kautschuk aus Kalk und Kohle gegen „Kautschuk aus Blut“. Der Kampf um den lebenswichtigen Rohstoff der Kraftwagen- und Elektroindustrie. In: A. Z.: Wissenschaft bricht Monopole. Bern, Leipzig und Wien: Wilhelm Goldmann, S. 139-186