24.02.2011

Kunst und Künstlichkeit

Ein Allgemeinplatz traditioneller Ästhetik lautet, Kunstschaffen sei Nachahmung der Natur. Nicht selten wird dieser Satz normativ ausgelegt, doch auch wenn man der Kunst die Nachahmung nicht zur Pflicht macht, ist die These kaum zu halten. Sie wird von der Kunstpraxis widerlegt beziehungsweise richtiggestellt: Kunst ahmt nicht nach, sondern geht auf Distanz; sie sprengt das Korsett, in dem das Bestehende (Natur, Gesellschaft) uns festhält, indem sie das, was ist, durchstreicht und überbietet. Man hat der Kunst deshalb Künstlichkeit vorgeworfen. Doch dieser Vorwurf wird weder der Kunst noch der Natur gerecht, denn er stellt unter der Hand die Kunst als weltfremd und die Natur als statisch hin. Wer das sogenannte Künstliche als unnatürlich diffamiert, zementiert die bestehenden Verhältnisse. Der Tendenz, Natur und Kunst zu entzweien, sind deshalb Überlegungen entgegenzusetzen, wie sich Nachahmungs- und Überbietungsthese, die hier als antithetisch eingeführt wurden, vereinbaren lassen. Zu fragen ist mit anderen Worten, ob sich eine Basistheorie entwickeln lässt, die beide Thesen umgreift und womöglich versöhnt.

Interpretiert man Natur und Kunst nicht als Gegensätze, sondern als zwei Seiten jener Medaille, für die die Bezeichnung „Wirklichkeit“ eingeführt ist, ergibt sich: Kunst nimmt die in der Natur schlummernden Möglichkeiten (Wirklichkeitspotenziale) vorweg und macht sie sichtbar – als von ihr inszenierten Schein. Die Wirklichkeitspotenziale sind zum einen verdeckt, weil sie sich nicht anders als mit der Zeit, das heißt nacheinander, entfalten können, sich nicht simultan, „auf einmal“, aktualisieren lassen (jedenfalls nicht in der Welt, die wir kennen).

Aufgabe der Kunst
Zum anderen stehen ihrer Entfaltung Hindernisse im Wege, die sich grundsätzlich beseitigen lassen – mal gegen mehr, mal gegen weniger Widerstand (politische und ökonomische Machtverhältnisse, Konventionen, Moden, Gewohnheiten). Pathetisch formuliert, fällt Kunst die Aufgabe zu, die Natur zu sich selbst zu befreien, die ihr innewohnenden Möglichkeiten „nachzuahmen“, mit anderen Worten ihnen zur Wirklichkeit zu verhelfen.

In dieser Deutung der Überbietungsthese ist die Nachahmungsthese also einbehalten (oder „aufgehoben“). „Nachahmung der Natur“ ließe sich mithin nicht mehr als dogmatische Fessel missbrauchen, sondern als freies, befreiendes Schaffen auffassen.

Von Kunst und Künstlichkeit
Das Verdikt „künstlich“ träfe auf Kunst nur zu, wenn sie den Schein, den sie inszeniert, zur „wahren“ Natur, zur „eigentlichen“ Wirklichkeit, zur sozusagen Über-Wirklickeit „hinter den Dingen“ verklärte und als unüberbietbar ausgäbe. Die Kunst büßte hierbei ihre subversive Kraft ein und reduzierte die Natur auf lediglich eine Teilansicht. Kunst bleibt sich nur treu, sofern sie an dem, was ist, und an ihren eigenen Hervorbringungen durchblicken lässt, dass alles auch ganz anders sein könnte. Indem Kunst etwas schafft, negiert sie zugleich und strebt über die Perspektive, die sie aktuell einnimmt, bereits wieder hinaus.

Dank dieses Perspektivwechsels, den der Motor Kunst unablässig stiftet, können wir überhaupt erst erahnen, was Wirklichkeit in ihrer ganzen Fülle bedeutet – eine Totalität, die sich nie einholen lässt und deren wir nur im Fragment teilhaftig werden können.

Auch Kunst kann nur Fragmentarisches bieten, sie kündigt es aber im Namen eines Nichtfragmentarischen auf, nach dem zu streben sie uns als unendliche Aufgabe vorführt. Sie hilft heraus aus Konvention und Erstarrung. Sie bedient sich dabei Konzepten, Verfahren und Materialien, die die Welt im Werk so arrangieren, wie sie „noch nicht“ ist, aber kraft schöpferischer Fantasie vorgestellt beziehungsweise zur Erscheinung gebracht werden kann. Und im Abglanz des Werks nehmen wir dann die Welt, wie wir sie kennen, mit anderen Augen wahr, gewinnen eine neue Einstellung zu ihr. Vorausgesetzt, Kunstbetrachtung vermag es, unseren Blick so zu schulen, dass wir Wahrnehmungskonventionen überwinden oder immerhin zeitweilig von ihnen loskommen.

Kunststoff als ideales Ausdrucksmittel der Kunst
Die künstlerische Arbeit mit Kunststoffen macht die Kunst weder künstlich noch bringt sie eine „Ersatznatur“ hervor. Das Material verhilft Künstlern vielmehr dazu, dem Möglichen im Wirklichen Gestalt zu geben, idealerweise so, wie es andere Werkstoffe nicht vermögen (sonst wäre nämlich der Kunststoff lediglich ein Ersatzstoff). Kunststoffe machen Kunst nicht künstlicher, sondern künstlerischer. „Die Natur imitiert die Kunst“, hat Oscar Wilde den alten Ästhetik-Lehrsatz gegen den Strich gebürstet. Ein Bonmot, das die Zeitgenossen irritierte und provozierte – was womöglich Wildes stärkstes Motiv war.

Trotzdem fehlt es dem Satz nicht an Tiefe. Eingedenk der hier angestellten Überlegungen lässt er sich folgendermaßen erläutern: Die Natur findet zu ihren eigenen Möglichkeiten in der Kunst, weil diese sie ihr vorwegnimmt. Indem die Natur nun die Kunst nachahmt, findet sie zu sich selbst und holt sich selbst ein, ja hält nur so mit dem eigenen Potenzial Schritt.

Aufgrund all dieser Wechselbeziehungen können Kunststoffe in der Kunst sogar natürliche Züge annehmen, als seien sie Teil der Natur. Indem etwa aufgeschäumtes Polyurethan an Lava erinnert, verwandelt sich die Vorstellung von Natur als Vorgefundenem zu Natur als Gewordenem. Kunst mit naturhaften Zügen offenbart, wenn man will, den Werkcharakter auch der Natur. Die der Materie immanenten Form- und Gestaltungskräfte werden thematisch, wie sie es am Kunstwerk per se sind. Paradoxerweise gerät dabei die materielle Künstlichkeit des Kunstwerks zumindest zeitweilig aus dem Blick – ideell bleibt sie erhalten, weil das Werk an Natur nur erinnert, nicht mit ihr zu verwechseln ist.

Kunststoff als Quell der Künste
Anders, wenn Kunststoffe im Alltagszusammenhang als Imitate fungieren und von Marmor, Holz, Metallen optisch nicht zu unterscheiden sein sollen. „Der Mensch findet darin so große Befriedigung, daß er manchmal sogar (echtes!) Leder oder Stoffe so bearbeitet, daß sie wie eine Imitation aus Kunststoff aussehen. Nach und nach verlieren die natürlichen Vorbilder in seinen Augen ihr Interesse; seine Aufmerksamkeit beschränkt sich auf die Zeichen und die Erscheinung der Dinge, die manchmal ‚echter als die Natur‘ sind“, bemerkt der französische Künstler und Philosoph Hervé Fischer (geb. 1941) in seinem Aufsatz „Hygiene der Kunst“ aus dem Jahre 1973. Von einem Zeitgenossen Fischers, dem französischen Bildhauer César Baldaccini (1921-1998), ist hingegen der Satz überliefert: „Es würde mich interessieren, Imitationen zu machen, aber nur unter der Bedingung, dass man sie als Imitationen erkennt.“

Mit anderen Worten: Kunst, die „imitiert“, durchbricht die Illusion – und zwar ganz gleich, ob sie sich bei ihrer Nachahmungstätigkeit natürlicher oder synthetischer Materialien bedient. Kunststoffe in der Kunst sind also nicht deren Todesurteil, vielmehr ein Jungbrunnen, aus dem sie neue Ausdrucksmittel schöpft kann.