Thema des Monats

Kunststoffdesign - vom Imitat zur Inspiration

Gegenstände aus Kunststoff sind im Alltag allgegenwärtig, wir sind förmlich von ihnen umzingelt. Von Aktenordner bis Zahnbürste entpuppen sich synthetische Materialien (Polymere) als echte Allrounder und sind aus Arbeitswelt, Wohnen und Freizeit nicht mehr wegzudenken. Ihre Vielfalt wird ein wenig verdeckt durch den Sammelbegriff „Kunststoff“, wo es sich genau besehen um einen Wäschekorb aus Polypropylen, eine Milchkanne aus Melaminharz oder einen Stuhl aus Acrylester-Styrol-Acrylnitril handelt. Hinzu kommt das Paradox, dass die Omnipräsenz der Kunststoffe sie kaum noch als solche wahrnehmbar macht – sie sind zur zweiten Natur geworden. Allein ihr Fehlen würde alsbald auffallen: Ohne Kunststoffe wäre unsere Welt um viele nützliche Dinge ärmer.

Mit Recht wenden an dieser Stelle Ästheten ein, dass es auch Kunststoffobjekte gibt, die nicht durch Abwesenheit ins Bewusstsein treten, sondern durch Anwesenheit glänzen. Nur liegt das nicht primär am Material, sondern an dessen Gestaltung: Designobjekte aus Kunststoff, insbesondere Möbel, haben es sogar ins Museum geschafft, wo sie als Avantgardeklassiker zu bewundern sind (siehe „Designträume aus Kunststoff“).

Produktgestalter entdeckten die Kunststoffe für sich, kaum dass deren industrielle Erzeugung eingesetzt hatte. Spätestens mit dem ersten thermisch verformbaren Polymer, dem 1907 vom belgischen Chemiker Leo Hendrik Baekeland (1863-1944) erfundenen Bakelit, einer Verbindung aus Phenol und Formaldehyd, nahm die Revolution der Warenwelt ihren Anfang – der Aufstieg des Kunststoffs zum „Material des 20. Jahrhunderts“ war eingeleitet. Bis dahin hatten Kunststoffe lediglich teure, weil seltene natürliche Stoffe ersetzt. Celluloid beispielsweise, ein aus Holz (Zellulosenitrat) und Kampfer gewonnenes, 1868 in den USA patentiertes Biopolymer, imitierte teures Elfenbein und fand zuerst für Billardkugeln Verwendung.

Mit Bakelit beginnt auch die Geschichte des Kunststoffdesigns, denn die Produktgestalter sahen sich herausgefordert, mit dem neuartigen Material neue Objekte zu kreieren, für die historische Vorbilder fehlten, allen voran Fotoapparat, Telefon (siehe Bildergalerie) und Radio. Aus Bakelit entstand aber auch Modeschmuck im Zeichen von Jugendstil und Art Deco. Nach heutigen Maßstäben hält sich die Formenvielfalt in dieser frühen Epoche eng in den Grenzen technischer und ökonomischer Effizienz. „Das änderte sich erst, als ab 1930 aus den USA die Stromlinienform erstmals eine eigenständige Formensprache für das Material Bakelit – und damit für den Kunststoff im Allgemeinen – definierte“, heißt es in einem Aufsatz über „Design im Wandel der Zeit“, den Andrej Kupetz, Hauptgeschäftsführer des Rats für Formgebung (German Design Council) in Frankfurt am Main, verfasst hat. „Auch wenn es zunächst sinnlos erscheint, einen Schrank oder einen Aschenbecher in einen windschnittigen Zustand zu versetzen, erzielte die ‚Streamline‘ im Bereich der Konsumgüter unglaubliche Erfolge. Sie stand nach der Wirtschaftskrise von 1929 für den Aufbruch in eine neue Zeit, voller Optimismus und kraftstrotzendem Zukunftsglauben.“ In Deutschland hatte sie den Durchbruch so richtig erst nach 1945. Als man hierzulande die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit scheute, stand die Stromlinienform für einen Neuanfang – den Blick nach vorn statt zurück. Zum bekanntesten Designobjekt dieser Ära avancierte der Nierentisch.

Die Bakelit-Herrlichkeit währte nicht allzu lange. Die düstere Farbe des Kunststoffs wurde als Makel empfunden und beschränkte die Verwendungsmöglichkeiten. Melaminharz hingegen ließ sich vielseitig einfärben, sogar auf ein fast reines Weiß trimmen, was es z. B. für Tischgeschirr zum Kunststoff der Wahl machte.

Seither sind Kunststoffe zum Inbegriff nahezu grenzenloser Färb- und vor allem Formbarkeit geworden. Das Produktstyling gibt sich mal „nüchtern“, mal „skurril“; abhängig von Zeitgeist und Designkonzept stehen minimalistisches Understatement und exaltierter Überschwang einander unversöhnlich gegenüber (siehe „Aktuell ausgestellt: Kunststoff museal“). Aktuell dominiert Reduktion – als gestalterisches Mittel, aber auch im Hinblick auf Gewicht und Kosten. Selbst bei großen Volumina bleibt Kunststoff ein Leichtgewicht; die Objekte lassen sich beliebig oft reproduzieren, insbesondere im Spritzgießverfahren, und je gigantischer die Auflage, desto erschwinglicher das Einzelstück. Attraktive Eigenschaften, die Kunststoffe nicht erst heute so gefragt machen, vielmehr schon imponierten, als die industrielle Massenproduktion sich zu etablieren begann – und zu deren Motor wurden. Der „Stoff für alle Fälle“ stellt Holz, Glas und Metall in vielerlei Hinsicht in den Schatten, allerdings um den Preis einer ästhetisch mitunter gewöhnungsbedürftigen Anmutung. Hinzu kommt, dass manche Kunststoffe unter der Einwirkung von Sauerstoff (Oxidation), Luftfeuchtigkeit, UV-Strahlung und Mikroorganismen leiden: Sie verformen oder verfärben sich, werden spröde oder klebrig, verlieren ihren Glanz, wirken schäbig. Im Extremfall lösen sie sich irgendwann sogar auf, zerfallen in ihre Grundbausteine, d. h. werden von Polymeren (Riesenmolekülen) wieder zu Monomeren.

Probleme machen vor allem Objekte aus Celluloid, beklagen z. B. die Konservatoren des Plastikmuseums „Plart“ in Neapel. Aber auch Sitzgruppen aus geschäumtem Polyurethan können mit der Zeit buchstäblich abbauen. Zum Glück ist all das weitgehend Schnee von gestern: Kunststoffdesigner brauchen sich heute keine Sorgen mehr um die Haltbarkeit ihres Materials zu machen. Stabilisatoren und Additive haben es um vieles langlebiger, witterungsbeständiger und kratzfester gemacht. Und auch in ästhetischer Hinsicht hat es Fortschritte gegeben: Polypropylen beispielsweise war früher eine milchige Substanz; inzwischen hat die Polymerforschung es geschafft, transluzentes, fast wie Glas anmutendes Polypropylen herzustellen, das zu Objekten mit körniger, leicht aufgerauter Oberfläche verarbeitet wird. Stilprägend waren hier ab Mitte der 90er-Jahre die Badezimmer- und Küchenaccessoires der deutschen Firma „Authentics“, gegründet von Hansjerg Maier-Aichen, Professor für Produktdesign an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung (HfG) in Karlsruhe. Als Gestalter gewonnen wurde Konstantic Grcic (geb. 1965) aus München, der Superstar der deutschen Designszene. Um die charakteristische Oberflächenstruktur erzielen zu können, wurde die metallene Gussform, das sogenannte Werkzeug, in einem Ätzbad erodiert. Grcic: „Die Methode erzeugt mit der neuen Optik auch eine neue Haptik, der Gegenstand wirkt wärmer, zugleich wertiger.“ Das sogenannte Autorendesign hat im Kunststoffbereich Tradition und versammelt neben Grcic, den die Zeitschrift „art“ zum „größten lebenden Designer“ ausrief, so illustre Namen wie Eero Aarnio (geb. 1932) aus Finnland mit seinem „Bubble Chair“, Luigi (Lutz) Colani (geb. 1928) aus Deutschland mit seinem „Sitzgerät Zocker“ (1971), Vico Magistretti (1920-2006) aus Italien mit seiner Stehleuchte „Mezzachimera“ (1969), Jasper Morrison (geb. 1959) aus England mit seinem „Basel Chair“ (2008), Ettore Sottsass (1917-2007), Italo-Österreicher, mit seiner tragbaren Schreibmaschine „Valentine“ (1968), Philippe Starck (geb. 1949) aus Frankreich mit seinem „Mr. Impossible Chair“ (2007) und Wilhelm Wagenfeld (1900-1990) aus Deutschland mit Bordgeschirr für die Lufthansa (1955).

Kunststoffe lassen sich heute vielfältiger einsetzen denn je. Kein Wunder, dass Designer ihnen treu bleiben und immer wieder neue Seiten an ihnen entdecken. Die unbegrenzten Möglichkeiten haben jedoch auch eine Kehrseite: Sie erschweren es, sich festzulegen. „Man kann alles machen mit dem Material – und das ist genau das Problem für Designer, jedenfalls für mich“, bekannte Konstantin Gric 1998 im Interview. Neun Jahre später, auf der „K 2007“ in Düsseldorf, hatte Grcics Stuhl „Myto“ Premiere. Ein Monoblock-Freischwinger aus Polybutylenterephthalat („Ultradur High Speed“), entwickelt von BASF; für Fertigung und Vertrieb des Stuhles ist der italienische Möbelhersteller Plank zuständig. Den Spielraum des gestalterischen Entwurfs hatten diesmal die Eigenschaften des Materials abgesteckt. Das Design stellte sich sozusagen sich in den Dienst des neuen Kunststoffs Ultradur, um dessen exzellente Fließeigenschaften auszureizen und an einem komplexen, bis ins Kleinste durchgestylten Objekt vorzuführen. Dies rechtfertigte letztlich auch, Myto zuerst auf der Düsseldorfer Kunststoffmesse zu präsentieren, nicht, wie es nahe gelegen hätte, auf der Internationalen Möbelmesse in Mailand, wo Myto im Jahr darauf im Mittelpunkt stand. Im Prä des Materials, dessen Eigenschaften das Gestaltungsprinzip bestimmen, erkennt Andrej Kupetz eine neue Tendenz, die für das Kunststoffdesign des 21. Jahrhunderts richtungsweisend sein könnte. Allerdings ist nicht zu erwarten, dass Designer sich dieser Tendenz dauerhaft unterordnen – als „Handlanger der Industrie“ abgestempelt, dürften sie Probleme mit ihrem eigenen Selbstverständnis bekommen. Seit 2006 können Industriedesigner sich übrigens in der „designfabrik“ der BASF in Ludwigshafen in Sachen Kunststoff beraten lassen, doch niemand erwartet oder verlangt gar, dass Produktgestalter zu Experten für Polymere mutieren. „Selbstverständlich müssen wir über das Material Bescheid wissen, aber wir müssen keine Spezialisten sein“, sagt auch Grcic. „In der Naivität liegt unsere Chance, weil der unvoreingenommene Geist das Material ganz anders ausloten kann. Philippe Starck war bei seinen ersten Entwürfen für Kartell vollkommen unerfahren im Umgang mit Kunststoff. Er konnte frisch hinschauen und ganz neue Erfindungen machen. So wurde aus einer Trennnaht, einer technischen Notwendigkeit, ein Ornament, ein Erkennungsmerkmal.“

Selbstverständlich ist Myto nicht das erste Freischwinger-Sitzmöbel, auch nicht das erste aus Kunststoff. Den Prototypen schuf 1960 der dänische Designer Verner Panton (1926-1998) mit seinem „Panton Chair“, ein Stuhl buchstäblich aus einem Guss, der sich im Raume ausnimmt wie eine einzige geschwungene Linie. Das Material, mit Acrylester-Kautschuk schlagzäh modifizierte Styrol-Acrylnitrilcopolymere (Luran S), stammt ebenfalls aus den Laboren der BASF. Damals eine formalästhetische Sensation, heute eine Ikone des Kunststoffdesigns, trotzdem hinsichtlich Bekanntheitsgrad und Verbreitung klar im Schatten jenes Monoblocks, der bis vor Kurzem millionenfach Terrassen und Gärten bevölkerte oder – wie wir heute befinden – verunstaltete. Die Rede ist vom ersten stapelbaren Stuhl aus Kunststoff (Polyethylen, Polypropylen), allseits beliebt, weil praktisch und gar nicht teuer, zudem recycelbar. Mittlerweile zählt der Monoblock mehr Verächter als Freunde. In Freiburg im Breisgau wurde er komplett aus der Freiluftgastronomie verbannt – als Maßnahme gegen optische Umweltverschmutzung. „Der Monoblock bestach vor allem durch den niedrigen Preis und seine Funktionalität. Ästhetisch spiegelte er den Massengeschmack wider, dem Gelsenkirchener Barock nicht unähnlich“, sagt der Kölner Industriedesigner Jörg Gätjens. „Für die meisten Designer war das Teil eigentlich immer indiskutabel, trotzdem war es lange ein Erfolgsprodukt. Heute begegnet man den ausrangierten Stühlen in Afrika und in Asien wieder.“ Für Gätjens ist der Absturz des Monoblocks hierzulande ein Paradebeispiel dafür, wie fragil das Image von Kunststoff selbst im Designbereich ist: „Der visuelle Verschleiß ist generell hoch, weil die Wahrnehmung von Moden bestimmt ist, die immer rascher wechseln. Das trifft auf Kunststoffobjekte in besonderem Maße zu, weil das Material selbst, anders als Holz, mit Kurzlebigkeit assoziiert ist. Ich fürchte, auch Myto macht da keine Ausnahme, auch wenn ich als Designer vor diesem Stuhl niederknien muss.“

Unstrittig ist: In Gegenständen der Alltagskultur drückt sich mehr aus als die Gestaltqualität des verwendeten Materials. Die Objekte sind in erster Linie Abbilder unserer Bedürfnisse und Sehnsüchte bzw. dessen, was wir als Konsumenten dafür halten sollen. Vor diesem Hintergrund vollzieht sich am Kunststoffdesign historisch ein Prozess der Auf- und Abwertung, der durch politische und soziale, ökonomische und ökologische Einflüsse determiniert ist: Die konsumfreudige Wirtschaftswunderzeit der 50er-Jahre schuf ein kunststofffreundliches Klima. Die Design-Avantgarde führte der Funktionalismus („Weniger Design ist mehr Design“) an. Hochburg des Industriedesigns war die Ulmer Hochschule für Gestaltung, deren Konzepte die Firma Braun mit Chefdesigner Dieter Rams (geb. 1932) umsetzte. Das Phonogerät „SK4“, besser bekannt als „Schneewittchensarg“, hatte einen niemals zuvor gesehenen Deckel aus Plexiglas (Polymethylmethacrylat) und wurde auf der Internationalen Funkausstellung 1955 frenetisch gefeiert.
Die wilden 60er brachen mit dem Funktionalismus, doch Kunststoff boomte erst recht. Das Material galt als progressiv, lud Designer zu Formexperimenten abseits des Mainstreams ein. Kunststoffverwendung stand für einen Lebensstil, der gesellschaftlichen Protest mit Fortschrittsglauben, Freiheitsrausch mit Technikbegeisterung paarte. Die Designer wollten „aus dem Vollen schöpfen“: Der Italiener Cesare „Joe“ Colombo (1930-1971) entwarf komplette Küchen und Badezimmer aus Kunststoff, und auf der Kölner Möbelmesse 1970 stellte Verner Panton seine synthetische Wohnlandschaft „Visiona 2“ vor, inszeniert von der Bayer AG.

Mit der Ölkrise anno 1973 ebbte die Kunststoffwelle jäh ab. Die offenkundige Verschwendung von Rohstoffen in der modernen Konsumgesellschaft, der wachsende Müllberg und die zunehmende Umweltverschmutzung ließen den Stern des Kunststoffs sinken. Das Aufkommen der Ökologiebewegung in den 80er-Jahren brachte ihn weitgehend ins Abseits. Stabiles Wirtschaftswachstum, sozialer Hedonismus und der Beginn des digitalen Zeitalters bescherten dem Kunststoffdesign in den 90er-Jahren ein fulminantes Comeback. Designer hauchten dem Material eine neue Wertigkeit ein, wofür auch die schon erwähnten Authentics-Produkte stehen. Als ästhetisches Signet der Digitalisierung machte 1998 der „iMac“ von Apple Furore – mit seinem All-in-one-Gehäuse aus semitransluzentem Polycarbonat in der Farbe „Bondi Blue“.

Neuerdings besinnen sich Kunststoffdesigner wieder auf die historischen Ursprünge ihres Metiers im 19. Jahrhundert, die Ära der Biopolymere. Auf der diesjährigen Mailänder Möbelmesse präsentierte der deutsche Designer Werner Aisslinger (geb. 1964) seinen „Hemp Chair“, eine ebenso elastische wie belastbare Konstruktion aus einem umweltverträglichen Verbundstoff (die Naturfasern Hanf und Kenaf plus Akrodur als Bindemittel). Es hat den Anschein, als befänden sich Design und Gesellschaft wieder einmal an einem Scheideweg. Unter welchen Voraussetzungen Kunststoff sich auch im 21. Jahrhundert behaupten kann, diskutiert unser Interview.

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