LED-Straßenbeleuchtung beeinflusst Fledermaus-Aktivität

Die Umstellung der Straßenbeleuchtung auf energiesparende Leuchtdioden (LEDs) hat erheblichen Einfluss auf Fledermäuse, die fliegenden Jäger der Nacht: Die Opportunisten unter den Fledermäusen verlieren Jagdgelegenheiten, lichtempfindliche Fledermausarten profitieren dagegen. Dies zeigt die aktuelle Studie von Christian Voigt und Daniel Lewanzik vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin.

Herkömmliche Quecksilber-Hochdrucklampen verfügen über ein sehr breites Wellenlängenspektrum, geben also auch Licht im UV-Bereich ab. Deshalb werden Insekten von Straßenlaternen und durch indirektes Licht aus Häusern magisch angezogen. Durch den sogenannten Staubsaugereffekt sammeln sich Nachtfalter, Mücken, Käfer und andere Insekten an den Lampen, umfliegen sie im Kreis, verfangen sich in Spinnennetzen. Für Insekten fressende Tiere sind Straßenlaternen ein „reichgedecktes Buffet“, so dass auch licht-tolerante Fledermausarten regelmäßig die vom Licht angezogenen Insekten jagen.

Insekten jagende Fledermaus an einer Straßenlaterne. Foto: Daniel Lewanzik/IZW

Den zur Straßenbeleuchtung genutzten LED’s fehlt der UV-Anteil jedoch. Insekten „übersehen“ die neuartigen Leuchtmittel deshalb und umschwirren die Lampen nicht mehr. Die IZW-Forscher wollten nun wissen, wie sich die Lichtumstellung auf die Aktivität der Fledermäuse auswirkt.

Grundsätzlich galt, dass die Opportunisten unter den Fledermausarten, wie Zwergfledermäuse und der Große Abendsegler, Licht tolerieren und nachts im Stadtgebiet jagen. Lichtscheue (sensible) Arten, zu denen viele Mausohren zählen, jagen dagegen hauptsächlich in dunklen Parks und Wäldern.

Für ihre Studie, die Teil des BMBF-Projektes „Verlust der Nacht“ ist, installierten die Wissenschaftler Fledermausdetektoren an 46 Straßenlaternen in sechs deutschen Städten, unter anderem in Freiburg im Breisgau und Berlin. Diese zeichneten automatisch die Echoortungssignale jagender Fledermäuse auf, wenn sie in die Nähe der Detektoren kamen.

Das Resultat: Während die Aktivität von Zwergfledermäusen an den LED-Lampen um 45 % abnahm, steigerte sich das Aufkommen der lichtscheuen Arten um das viereinhalbfache. Einige wenige Arten wie die Rauhautfledermaus ließen sich von der neuen Lichtqualität gar nicht beeinflussen. „Wir schließen daraus, dass lichtempfindliche Fledermäuse die Profiteure der Umstellung sein werden, die Opportunisten jedoch darunter leiden werden“, sagt Voigt. Vermutlich werden letztere nun deutlich längere Jagdausflüge unternehmen müssen, um satt zu werden.

An Straßenlaterne befestigter Fledermausdetektor und Informations-Flyer. Foto: Daniel Lewanzik/IZW

Sicher ist: Die Fledermäuse werden sich auf die neue Situation einstellen. Und nach den Ergebnissen der neuen Studie wird es voraussichtlich zu einer Verschiebung der Artzusammensetzung lokaler Fledermausgesellschaften im städtischen Gebiet kommen. Und die Konsequenzen? „Das wird substantielle Auswirkungen auf den Bestand von Insekten haben, weil Fledermäuse ihr wichtigster Feind sind“, betont Voigt.

Wird es also künftig mehr Mücken und andere Plagegeister geben? „Ja, das ist die negative Seite“, bestätigt Voigt. „Aber es wird auch wieder mehr Nachtfalter geben und damit mehr Bestäuber!“ Mehr Bestäuber bedeutet eine höhere Samenproduktion, wovon die Pflanzenwelt profitieren wird. Effekte, an die vermutlich niemand dachte, als es um Energieeinsparung bei der Straßenbeleuchtung ging.
LEDs verbrauchen extrem wenig Energie; die Stromkosten sind daher sehr gering. Zudem können LEDs dynamisch reguliert und zum Beispiel gedimmt werden, wenn ihre volle Intensität nicht benötigt wird. Das ist sinnvoll – kann aber zugleich auch ein Problem werden. Der Energiespareffekt wird durch die Tendenz vieler Haushalte, mit LEDs nun auch noch den letzten Winkel in Haus und Garten auszuleuchten, oft wieder zunichte gemacht. Dadurch nimmt auch die Lichtverschmutzung zu, deren negative gesundheitliche Auswirkungen auf den Menschen bereits gut untersucht sind.

„Menschen sind tagaktive Wesen und durch die Melatonin-Ausschüttung auf einen Tag-Nacht-Rhythmus eingestellt“, sagt Voigt. Etliche Studien belegen, dass Schichtarbeiter ein erhöhtes Risiko haben, an bestimmten Krebsformen zu erkranken, weil künstliches Licht den Biorhythmus beeinflusst.

„Die Wissenschaft sieht inzwischen immer klarer, dass künstliches Licht nicht nur Einfluss auf Menschen sondern auch auf Wildtiere und ganze Ökosysteme hat“, betont Christian Voigt.

Im November 2016 trifft sich in Berlin die EU-Fledermausexpertengruppe EUROBATS, um Beobachtungen in den EU-Staaten auszutauschen und Empfehlungen bezüglich künstlicher Beleuchtung abzustimmen. „Prinzipiell gilt: Je weniger künstliches Licht, umso besser. Bei jeder einzelnen Laterne sollte deren Notwendigkeit hinterfragt werden“, mahnt Christian Voigt.

Mit Menschen vertraute und in ihrer Umgebung lebensfähige (synanthrope) Fledermausarten, die sich auf die künstliche Beleuchtung eingestellt haben, leiden derzeit übrigens doppelt. Sie verlieren nicht nur Jagdreviere, sondern – durch die energetische Sanierung von Häusern und die damit verbundenen verbesserten Isolierungen – auch viele Quartiere.

Literatur
Lewanzik D, Voigt CC (2016): White is not white: Pervasive transition from conventional to LED street lighting changes activity of urban bats. Journal of Applied Ecology; DOI: 10.1111/1365-2664.12758

Quelle
Forschungsverbund Berlin e.V.