30.11.2011

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LWB-Steinl: Erfolgreiche Tech Days fokussieren Elastomer-Spritzguss

Am 06. und 07. Oktober ging die dritte Auflage der Technologie-Tage des Landshuter Spritzgießmaschinenherstellers LWB-Steinl über die Bühne (siehe auch plasticker-News vom 29.8.2011). Rund 120 Teilnehmer folgten nach Angaben des Unternehmens der Einladung auf die Burg Trausnitz in Landshut und erhielten einen umfassenden Einblick in die aktuellen Entwicklungen zur Steigerung der Produktivität beim Elastomer-Spritzguss.

Die wirtschaftliche Situation stand im Mittelpunkt der Eröffnungsstatements. LWB-Steinl Geschäftsführer und Gesellschafter Peter Steinl konnte dem schönen Wetter am Eröffnungstag entsprechend, mit ebenso positiven Zahlen zur Geschäftsentwicklung aufwarten. LWB-Steinl hat den Wirtschaftseinbruch in Folge der weltweiten Finanzkrise von 2008 gut überstanden. Dies sei nicht zuletzt dem zweiten Standbein des Unternehmens, der STG Stanztechnik GmbH & Co KG, zu verdanken. Die Schwesterfirma in der fast ausschließlich Gerüstbänder aus Metall für Fahrzeug-Dichtprofile hergestellt werden, sei vom allgemeinen Geschäftsrückgang viel weniger betroffen gewesen, als der Maschinenbau.

Vergleichsweise moderate 12 Prozent Umsatzrückgang standen 2009 in den STG-Büchern, während der Gummimaschinenbau mit einem Rückgang um 44 Prozent zu kämpfen hatte. Doch die Krise scheint überwunden. Beide Sparten könnten aktuell mit den besten Ergebnissen in der Unternehmensgeschichte aufwarten. LWB werde 2011 mit einem erwarteten Umsatz von 29 Mio. EUR das bisherige Rekordjahr 2008 um 9 Prozent übertreffen, die STG konnte demnach ihre Marktposition weiter ausbauen und werde 2011 mit einem Umsatz von weltweit insgesamt 25 Mio. EUR fast zum Maschinenbau aufschließen, heißt es weiter.

Um diese Position weiter zu festigen, setzt LWB in Zukunft einerseits auf eine weitere Diversifizierung, z.B. durch die Entwicklung und Verarbeitung von naturfaserverstärkten Biokunststoffen unter dem Dach der dafür gegründeten Biofibre GmbH, sowie auf technische Schwerpunkte beim Energie- und Rohstoff-Sparen, bei der Perfektionierung des Modulsystems im Maschinenbau und der Erweiterung von Baureihen.

Im Anschluss daran präsentierte Dr. Heinz Gupta, Herausgeber des Branchenmagazins Gummi Fasern Kunststoffe, strategische Orientierungspunkte für Unternehmen, um sie krisenfester und damit robuster gegenüber dem wieder rauer werdenden Wirtschaftsklima zu machen. Es sind dies die vier fundamentalen Säulen eines Unternehmens, nämlich Kapital, Mitarbeiter, Produkte+Produktion und die Marktpräsenz. Durch innovative Denkansätze können sie mit zeitgemäßen Stärken aufgeladen werden. Beispiele sind "Sale & Lease back"-Modelle auch für kleine und mittelgroße Betriebe, die Forcierung der Mitarbeiterqualifizierung im eigenen Unternehmen, die Investition in Entwicklungsabteilungen, oder die bessere Fokussierung des Marketings auf das lokale zielgruppengerechte kulturelle Umfeld.

Innovative Prozesstechnik zur Heizzeitverkürzung
Bei den technischen Präsentationen standen Maschinen- und Prozesstechniken zum Energie- und Produktionszeitsparen im Mittelpunkt. Das Einsparpotenzial durch servohydraulische Antriebe, aber auch deren Anwendungsgrenzen waren dabei ebenso Thema, wie die von LWB-Steinl in Zusammenarbeit mit der Universität der Bundeswehr in München und der Contitech AG / Hannover entwickelte Prozess- und Regeltechnik zur Verkürzung der Vulkanisationszeiten. Die Ausgangsbasis dafür ist das 2004 erstmals vorgestellte, zweistufige EFE-Spritzaggregat. Es besteht aus einem FIFO(First In/First Out)-Plastifizieraggregat und einem nachgelagerten Einspritzkolben-Aggregat. Durch individuelle Positionierung des Kolbens relativ zur Eintrittsöffnung kann deren Durchmesser flexibel verändert und synchron dazu der Durchflusswiderstand bzw. das resultierende Schergeschwindigkeitsprofil verändert werden. Über die Scherung lasse sich zusätzliche Wärmeenergie in der Gummimischung erzeugen und damit die Vernetzungsreaktion unabhängig von der Wärmezufuhr über die Werkzeugheizung beschleunigen. Die "innere" Aufheizung bringt Zykluszeitvorteile vor allem bei größeren Wandstärken, die im Bereich von 30 bis 50 Prozent liegen, verglichen mit der konventionellen Betriebsweise. Dieses Plastifiziersystem wurde nun durch ein intelligentes Mess- und Regelkonzept zum Adaptive Cure Control (ACC)-System erweitert. Zentrale Komponente ist eine intelligente MIMO(Multi Input Multi Output)-Regelung zur selbstoptimierenden Prozesspunktermittlung. ACC ermöglicht, Veränderungen der Rahmenbedingungen, z.B. Schwankungen der Mischungsqualität zu berücksichtigen und in Folge durch eine automatische Anpassung der Drosselstellung auszuregeln. Eine vorgegebene Massetemperatur kann so in sehr engen Grenzen eingehalten werden. Die auf der K 2010 erstmals der Öffentlichkeit präsentierte Innovation wurde von Prof. Dr. Volker Härtel, Geschäftsführer der LET-Development Gesellschaft, im Detail vorgestellt. Ergänzt wurde diese Präsentation um die Messergebnisse der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt. Sie wurden unter der Leitung von Prof. Dr. Volker Hermann in mehreren Studienprojekten erarbeitet und sollen die Messergebnisse von LWB-Steinl aus einer anderen wissenschaftlichen Herangehensweise vollinhaltlich bestätigen.

Dass Energie zu sparen nicht ausschließlich eine Sache der Antriebs- oder Verfahrenstechnik sein kann, sondern ein ganzheitlicher Ansatz, wurde mit zwei weiteren Fachbeiträgen aus dem Haus Steinl aufgezeigt. Dabei standen Peripheriekomponenten, von der Heizplatte bis zur Werkzeugkonstruktion und das logistische Umfeld um die Maschine im Mittelpunkt der Betrachtung.

Praktische Kundenerfahrungen
Praktische Erfahrungen mit LWB-Ausrüstungen rundeten das Vortragsprogamm ab. Jörg Nagel, Betriebsleiter des Gummi- und Silikonverarbeiters Präzisa, berichtete über vier Jahre Praxis mit dem EFE-Spritzsystem. Und sie bestätigt, dass 30 Prozent Heizzeitverkürzung bei gleichzeitiger Qualitätsoptimierung nicht nur Theorie, sondern leicht erreichbar sein können. Als zusätzlichen Nebeneffekt beobachtete Präzisa eine deutlich geringere Verschmutzungsneigung in den Formkavitäten durch EFE-plastifizierte Gummimischungen.

Die Praxis aus einem etwas anderen Blickwinkel wurde von Hans-Jörg Greif, Betriebsleiter des Trelleborg Automotive Werks in Cluj / Rumänien vorgestellt. Es ging dabei um die Eignung von High-End-Technik, am Beispiel von vertikalen 500 T-Spritzgießmaschinen mit EFE-Spritzaggregaten, für den Produktionsstart in einem Niedriglohnland. Das Resümee: Automatisierte High-Tech-Maschinen stehen in keinem Konkurrenzverhältnis zu niedrigen Lohnkosten. Diese werden durch die erzielbare Qualität, eine leicht beherrschbare Technik mit geringem Schulungs- und Wartungsaufwand mehr als kompensiert. Zum Produktionsstart wurden 40 Formen eingefahren. Drei Jahre nach Betriebsstart liegt die Verfügbarkeit bei 99 Prozent, entsprechend niedrig sind die Wartungskosten. Bei der Zykluszeitreduktion konnten die Erfahrungen der Vorredner bestätigt werden.

Weitere Fachbeiträge über die Möglichkeiten und Grenzen einer automatisierten Montage von Gummiformteilen (HAHN Automation GmbH), über neue Polymere für Automobilanwendungen (Exxon Mobil Chemicals Europe Inc), sowie die versteckten Kosten in der Reifenfertigung (VMI Holland BV) rundeten das Vortragsprogramm ab.

Fachausstellung im neuen LWB-Technikum
Als Ergänzung zur Fachtagung boten die Tech Days Maschinenpräsentationen im vergrößerten und neu adaptierten Anwendungstechnikum im LWB-Werk in Altdorf. Auch hier stand das ACC-System im Mittelpunkt des Interesses. Es wurde in Kombination mit einer vertikalen C-Rahmenmaschine vom Typ VCEFE 1000/630 demonstriert. Das zweite Highlight der Maschinenpräsentation war die Premiere einer neuen Maschinenbaureihe. Es ist die LWB-MicroClass, ein Maschinensystem mit 100 kN Schließkraft und 6 cm³ Spritzvolumen zur Herstellung von Gummi- und/oder Silikonteilen in Mikrodimensionen.