Made in New Zealand: 55 Jahre Einwegspritze

Einwegspritzen aus Kunststoff sind aus dem ärztlichen Alltag nicht wegzudenken. 16 Milliarden Stück, teils schon mit Medikamenten befüllt (Fertigspritzen), werden jährlich weltweit verbraucht, 500 Millionen allein in den USA. Erfunden wurde die Einwegspritze vor 55 Jahren von dem Neuseeländer Colin Murdoch.

Eine Hohlnadel (Kanüle) aus Metall, ein Hohlzylinder und ein Kolben aus Plastik – das ist die Spritze, wie wir sie kennen. Sie ist uns derart vertraut, als hätte es sie schon immer gegeben. Dabei ist es erst 55 Jahre her, dass die Kunststoffspritze erfunden wurde und Spritzen aus Glas und Metall, deren Geschichte bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht (siehe Spritzen-Historie), abgelöst hat.

Erst recht in Vergessenheit geraten ist, wem die Menschheit jene Erfindung verdankt: Es handelt sich um den Apotheker und Tierarzt Colin Albert Murdoch, der als britischer Staatsbürger sein Leben lang auf Neuseelands Südinsel zubrachte und am 6. Februar 1929 im dortigen Christchurch zur Welt kam. Bereits im Alter von zehn Jahren mischte der kleine Colin aus Nitrat und Schwefelsäure Schießpulver, baute sich eine Feuerwaffe und machte damit Jagd auf Kaninchen. Die Leseschwäche des Knaben (Dyslexie) schmälerte offenkundig nicht sein Talent für Technik und Chemie. Beruflich trat er in die Fußstapfen seines Vaters: Nach Studium am College of Pharmacy in Neuseelands Hauptstadt Wellington und fünfjähriger Lehrzeit eröffnete der 25-Jährige in Timaru eine Apotheke. Nach einem Zweitstudium der Veterinärmedizin arbeitete Murdoch später auch noch als Tierarzt.

1956 versuchte sich Murdoch an der Entwicklung einer Impfmethode, die keine Infektionsrisiken barg. Die bis dahin gebräuchlichen Glasspritzen waren zur Wiederverwendung bestimmt und wurden nach Gebrauch sterilisiert, um die Übertragung gefährlicher Krankheitserreger von Tier zu Tier oder von Mensch zu Mensch auszuschließen. Ärzte mussten aber erleben, dass es trotz sorgfältiger Sterilisierung zu Ansteckungen kam. Der Grund war schnell ausgemacht: Kristalline Ablagerungen von Antibiotika an der Spritzeninnenwand hatten Keime resistent gemacht. Die Lösung konnte nur lauten, für den einmaligen Gebrauch bestimmte Spritzen aus einem preisgünstigeren Material als Glas zu verwenden – die Idee zur Kunststoffspritze war geboren. Angeblich kam Murdoch die Eingebung über den Wolken während eines Fluges über Neuseeland; es wird aber auch kolportiert, der Geistesblitz sei ihm beim Hantieren mit einem Füllfederhalter gekommen.

Murdoch wurde mit seiner Einwegspritze gleich bei der Gesundheitsbehörde, dem New Zealand Health Department, vorstellig, die die Erfindung jedoch als „abseitig“ und „zu futuristisch“ abtat, mithin keinen Bedarf erkannte. Doch der Erfinder ließ sich nicht beirren, beschaffte sich Geld für die Patentanmeldung noch im selben Jahr und schuf in der Folgezeit zahlreiche Weiterentwicklungen, die dann von der australischen Tasman Vaccine Ltd. weltweit vermarktet wurden, z. B. eine Fertigspritze („pre-filled syringe“), eine Spritze, die sich bei der Blutabnahme selbst füllt („self-filling syringe“), und eine pfeilartige Betäubungsspritze („syringe dart“). Letztere ist Frucht der Murdoch’schen Passion für Tiermedizin: Während einer Studie zur Wildpopulation der in Neuseeland heimisch gemachten Himalayaziege (Tahr) kam Murdoch die Idee, dass man die Tiere viel einfacher fangen und untersuchen könnte, wenn die Betäubung sich schon aus der Ferne vornehmen ließe. Er entwickelte daraufhin 1959 sogenannte „tranquiliser guns“, Gewehre und Pistolen mit den dazugehörigen Betäubungsspritzen anstelle von Patronen. Vertrieben wurden sie unter dem Firmennamen „Paxarms“, eine paradoxe Wortschöpfung aus „Frieden“ und „Waffen“. Nebenbei bemerkt: 1979 wurde dieses Gewehr benutzt, um einen Mann außer Gefecht zu setzen, der seine Ehefrau als Geisel genommen hatte ...

Als findiger Kopf brachte es Murdoch auf insgesamt 46 Patente – außer für die Einwegspritze und das Betäubungsgewehr u. a. auch für einen kindersicheren Flaschenverschluss und einen geräuschlosen Einbruchsalarm. 1976 wurde er bei der World Inventions Fair in Brüssel mit drei Goldmedaillen und einer Bronzemedaille ausgezeichnet; im Jahr zuvor hatte Tasman Vaccine bereits den Governor General’s Export Award eingeheimst. Das „Time Magazine“ zählte Murdoch 1999 zu den wichtigsten und einflussreichsten Personen im südpazifischen Raum. Im Jahr 2000 wurde er mit dem „Order of Merit“, dem neuseeländischen Verdienstorden, ausgezeichnet. Und die neuseeländische Post widmete ihm 2007 im Rahmen der Serie „Clever Kiwis“ – gemeint waren fünf neuseeländische Erfinder – eine Briefmarke, auf der ein tranquiliser gun abgebildet ist.

Seine zahlreichen Erfindungen – die Presse nannte sie „brainchilds“ (Kopfgeburten, wörtlich „Hirnkinder“) – machten Murdoch jedoch nicht reich; gegen Patentverletzungen durch Plagiate strengte er keine Klagen an. „Patente geben dir das Recht zu klagen, aber nicht das Geld dazu. Es kostet einfach zu viel“, bekannte er im Interview. Vorrangig sei, dass durch seine Ideen anderen Menschen geholfen werde. „Vater war ein sehr bescheidener Mensch“, resümiert David Murdoch, eines von vier Kindern (drei Söhne, eine Tochter), die der Erfinder gemeinsam mit Ehefrau Marilyn zeugte. Das Paar, seit 1957 verheiratet, erfreute sich im Alter außerdem an 13 Enkeln.

Am 4. Mai 2008 verstarb Murdoch 79-jährig an Krebs. Die Krankheit hatte in den Nasennebenhöhlen begonnen und Murdoch ein Auge gekostet; immerhin waren ihm nach der Erstdiagnose anno 1991 noch fast 17 Lebensjahre vergönnt.

Einen Überblick über die verschiedenen Entwcklungsstufen der von der ersten Einwegspritze bis heute bietet die Spritzen-Historie.

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