Mannhaft gegen den Mainstream: Das Leben des Hermann Staudinger

Mannhaft gegen den Mainstream: Das Leben des Hermann Staudinger

Hermann Staudinger (23. 3. 1881 – 8. 9. 1965) hat der Kunststoffchemie das theoretische Fundament gegossen. Obwohl die Bilderbuchkarriere des Wissenschaftlers – Promotion mit 22, Habilitation mit 26 Jahren – im Nobelpreis für Chemie gipfelte, ist Staudinger auch als öffentliche Person für viele ein „großer Unbekannter“ geblieben und seine Vita heute nur Spezialisten geläufig. Ein wenig Abhilfe schafft ein Porträt, das hiermit auf www.k-online.de in Serie geht. Es zeichnet Staudinger als produktiven Querdenker, der auf wissenschaftlichem und überdies auf politischem Terrain dem Mainstream Paroli bot – bis er ihn schließlich selbst anführte.

Teil 1: Die Jahre 1881-1919.

„Pionier der Polymerforschung“, „Begründer der Kunststoffchemie“, „Vater der Makromoleküle“: Kein Lehrbuch der Chemie, das nicht den gewohnt nüchternen Ton ablegte, wenn die Rede auf Hermann Staudinger kommt. Seinen Tod überdauert die Erinnerung an seine Verdienste bereits im 47. Jahr. Der Name „Staudinger“ ist noch heute nahezu jedem Chemiker geläufig, bildet in der Geschichte des Fachs keine Fußnote, sondern nimmt einen Ehrenplatz ein. Rückblende: Stockholm, 10. Dezember 1953. Als Emeritus, 72-jährig, empfängt Staudinger aus der Hand von Schwedens König Gustav Adolf den Nobelpreis für Chemie. Unüberbietbare Krönung des Staudinger’schen Lebenswerks, das der Grundlagenforschung gewidmet gewesen war, der theoretischen Fundierung des Fachs, gepaart mit unermüdlicher experimenteller Arbeit, die der gebürtige Wormser vorwiegend am Chemischen Laboratorium der Universität Freiburg betrieb, dem er ein Vierteljahrhundert als Direktor vorstand. Frucht und Ausdruck Staudingers wissenschaftlicher Akribie sind über 500 Veröffentlichungen aus seiner Feder. Drei Universitäten (Mainz, Turin und Salamanca) und drei Technische Hochschulen (Karlsruhe, Zürich und Straßburg) ernannten ihn zum Ehrendoktor, nicht zu reden von ungezählten Ehrenmitgliedschaften in diversen Fachgesellschaften.

Nachholbedarf für Biographen
Abseits der Gelehrtenwelt hingegen ist Staudinger nur wenigen ein Begriff geworden bzw. ein Begriff geblieben. Ein Schicksal, das er mit anderen Koryphäen der Kunststoffchemie teilt, sogar mit jenen, die es zu Erfinderruhm brachten, deren Namen aber alsbald hinter ihre Schöpfungen zurücktraten und in Vergessenheit gerieten: Wer bringt heute Nylon noch mit Wallace Hume Carothers (1896-1937) in Verbindung, PVC mit Fritz Klatte (1880-1934) oder Plexiglas mit Otto Röhm (1876-1939)? Prominent ist der Chemie-Nobelpreisträger von 1953 nie wirklich gewesen, obwohl er, wovon noch zu reden sein wird, die Öffentlichkeit nicht scheute. Auch hat sich bis heute kein Biograph gefunden, der Staudingers 1961 erschienenen „Arbeitserinnerungen“ (siehe Literaturhinweise) eine ausführliche, historisch ambitionierte Lebensbeschreibung zur Seite gestellt hätte – weder wurde die Vita des Wissenschaftlers in den zeitgeschichtlichen Kontext gestellt noch von hier aus ein Licht auf die Persönlichkeit geworfen. Dieser Befund ist umso erstaunlicher, als Staudingers Wirken in wissenschaftlicher wie politischer Hinsicht die bewegtesten Jahrzehnte der neueren Geschichte umspannte, bestimmt von jähen Paradigmen- bzw. Regimewechseln, vor allem erschüttert von zwei Weltkriegen. Kaiserreich, Weimarer Republik, Nazidiktatur, Bonner Republik: Umbrüche von Staat und Gesellschaft machen vor dem Wissenschaftsbetrieb nicht halt, auch nicht vor den vermeintlich unpolitischen Chemikern. Es galt sich zu positionieren, erst recht in herausgehobener Stellung, sei es stromlinienförmig oder die Stirn bietend, opportunistisch-geschmeidig oder konfrontativ. Staudinger zog sich als Grundlagenforscher nicht wie andere seiner Zunft in den Elfenbeinturm zurück, sondern bekannte auch auf außerwissenschaftlichem Terrain Farbe, wenn ihm sein Urteil gefordert, Schweigen nicht vertretbar erschien.



 
 

Wie alles begann
Mit Chemie hat Staudinger erst mal noch gar nichts im Sinn, als er anno 1899 als frischgebackener, altsprachlich erzogener Abiturient die Weichen für seine berufliche Zukunft zu stellen beginnt. Seine Neigung gilt der Pflanzenkunde, doch bevor er ein akademisches Studium aufnimmt, gibt er zunächst einer herkömmlichen Berufsausbildung den Vorzug, um ein weiteres Eisen im Feuer zu haben: Da das Handwerk bekanntlich goldenen Boden hat, geht Staudinger in seiner Heimatstadt Worms bei einem Tischler in die Lehre. Ein Beruf, den er zeitlebens nicht ausüben wird, denn seine Bestimmung erweist sich als die eines Wissenschaftlers und Forschers. Schon bald nachdem er sich an der Universität Halle/Saale für Botanik eingeschrieben hat, wendet er sich auf Anraten seines Vaters, des Gymnasialprofessors und Philosophen Franz Staudinger (1849-1921), der Chemie zu, „um besser in die Probleme der Botanik eindringen zu können“ (Staudinger 1961, 1). Nach dem Umzug der Familie nach Darmstadt schreibt er sich an der dortigen Technischen Hochschule ein und sagt damit nicht nur Halle, sondern auch der Botanik Ade – der junge Staudinger sattelt komplett auf Chemie um. Nach zwei Semestern legt er in Darmstadt das erste Verbandsexamen ab, begibt sich dann, um zu promovieren, wieder nach Halle und hat mit nur 22 Lenzen den Doktortitel in der Tasche (Titel der Dissertation: „Anlagerung des Malonesters an ungesättigte Verbindungen“; Doktorvater: Daniel Vorländer, 1867-1941 (Link). Nach der Promotion verbringt Staudinger als wissenschaftlicher Privatassistent ein weiteres Semester in Halle, bevor er im Herbst 1903 an die Universität Straßburg wechselt, dort Unterrichtsassistent von Johannes Thiele (1865-1918); wird und bei diesem schließlich im Frühling 1907 auch habilitiert – mit einer Arbeit über die sehr reaktionsfreudigen, dimerisierenden Ketene. Noch im selben Jahr wird Staudinger Professor: Die Technische Hochschule Karlsruhe beruft ihn auf ein planmäßiges Extraordinariat für organische Chemie. Hier macht er die Polymerforschung endgültig zu seinem Hauptgebiet und wendet sich insbesondere dem Isopren und dem Butadien zu, um die Arbeit an einem synthetischen Kautschuk voranzutreiben, den zu entwickeln es allerdings weitere 20 Jahre brauchen und einem anderen Chemiker vergönnt sein wird.

Karrieresprung in die Schweiz
Fünf Jahre bleibt Staudinger dem Badischen treu, dann folgt er einem Ruf in die Schweiz: Die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich lockt ihn im Sommer 1912 mit einem Ordinariat. Als Nachfolger von Richard Willstätter (1872-1942), den es ans neu gegründete Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie nach Berlin zieht, wird Staudinger mit 31 Jahren ordentlicher Professor und forciert seine Forschungen an Cellulose und Kautschuk. Vierzehn Jahre lang, von 1912 bis 1926, wird Staudinger sich an Zürich binden, widersteht Rufen der Universitäten Graz und Hamburg. „Aus gutem Grund“, urteilt der Journalist Siegfried Heimlich, denn „vom Boden der neutralen Schweiz kann er die unsäglichen Verstrickungen seiner deutschen Heimat im Ersten Weltkrieg beobachten, ohne selbst dabei aktiv mit hineingezogen zu werden“ (Heimlich 1998, 82). Doch Staudingers Schweizer Jahre sind keine Zeit des Versteckspiels oder teilnahmslosen Wegschauens. Staudinger verharrt nicht im Windschatten der Kämpfe, die andernorts in der Politik und auf den Schlachtfeldern toben. Im Gegenteil: Die räumliche Distanz begünstigt unabhängiges, eigenständiges Urteilen; Staudinger reift zu einer Persönlichkeit heran, die sich in Frontstellung gegen den politischen wie den wissenschaftlichen Mainstream begibt. Unbeeindruckt vom nationalistischen Rausch, der seine deutsche Heimat erfasst hat, sieht er die militärische Niederlage voraus und plädiert schon 1917 für einen Verständigungsfrieden. Und nicht lange nach dem Kriege löckt er als Wissenschaftler gegen den Stachel, schneidet ab 1920 mit seinem Makromolekülkonzept in der organischen Chemie alte Zöpfe ab.

Fünf Jahre bleibt Staudinger dem Badischen treu, dann folgt er einem Ruf in die Schweiz: Die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich lockt ihn im Sommer 1912 mit einem Ordinariat. Als Nachfolger von Richard Willstätter (1872-1942), den es ans neu gegründete Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie nach Berlin zieht, wird Staudinger mit 31 Jahren ordentlicher Professor und forciert seine Forschungen an Cellulose und Kautschuk. Vierzehn Jahre lang, von 1912 bis 1926, wird Staudinger sich an Zürich binden, widersteht Rufen der Universitäten Graz und Hamburg. „Aus gutem Grund“, urteilt der Journalist Siegfried Heimlich, denn „vom Boden der neutralen Schweiz kann er die unsäglichen Verstrickungen seiner deutschen Heimat im Ersten Weltkrieg beobachten, ohne selbst dabei aktiv mit hineingezogen zu werden“ (Heimlich 1998, 82). © Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) Zürich

 
 

Kassandrarufe im Krieg
Doch der Reihe nach: 1917, im dritten Jahr des Zweifrontenkrieges, den die sogenannten Mittel- oder Zentralmächte Deutschland, Österreich-Ungarn, das Osmanische Reich und Bulgarien gegen eine Entente aus über 30 Staaten, allen voran Russland, Frankreich, England und die Vereinigten Staaten, führen, veröffentlicht Staudinger in der in Zürich erscheinenden Zeitschrift „Friedens-Warte“ den Aufsatz „Technik und Krieg“ (wieder abgedruckt in Staudinger 1947, 20-40). Darin erklärt er die „übermenschlichen“ technischen Kräfte für kriegsentscheidend. Je mehr Kohle und Eisen ein Staat zur Verfügung habe, um mit ihnen seine Rüstungsproduktion anzuheizen, desto größer die Aussicht zu siegen: „Bei früheren Kriegen hat die Technik nicht diese Rolle gespielt […]. Doch sehen wir schon bei einigen Kriegen des letzten Jahrhunderts, daß der Sieger immer die technische Überlegenheit hatte, daß also das an Kohle und Eisen reichere Land als Sieger hervorging. So hatte zur Zeit des deutsch-französischen Krieges (1870-1871, Anm. d. Red.) Deutschland eine weit stärkere Kohlen- und Eisenproduktion als Frankreich.“ (ebd., 29) Auch diesmal hätten die Chancen Deutschlands gut gestanden (vgl. ebd., 48), bis der Eintritt Amerikas in den Krieg im April 1917 die Kräfteverhältnisse so stark zugunsten der Entente verschoben habe, dass „die Chancen des Sieges für Deutschland entsprechend gering“ geworden seien (ebd., 34): „Ein Separatfrieden mit Rußland, auf den jetzt weite Kreise in Deutschland hoffen, dürfte in dieser Hinsicht von geringer Wirkung sein, da hierdurch die technische Überlegenheit der Entente nur wenig abgeschwächt wird. Gerade für die Zentralmächte wäre es deshalb von großer Bedeutung, den Krieg nicht als Machtfrage zur Entscheidung zu bringen“ (ebd.), mit anderen Worten: Anstrengungen zu unternehmen, schnellstmöglich einen Waffenstillstand und einen Verständigungsfrieden herbeizuführen.

Friedensappell bleibt fruchtlos
Staudinger belässt es nicht bei diesem einen Vorstoß. Ende 1917 wendet er sich direkt an die Führung des deutschen Heeres und fordert die Einstellung der Kampfhandlungen, weil durch den Eintritt Amerikas in den Krieg „jetzt eine starke Überlegenheit auf seiten der Gegner Deutschlands liegt“. Neue militärische Siege wären in zweifacher Hinsicht für Deutschland verderblich: „Sie werden einmal die Intensität des Widerstandes der Amerikaner vergrößern, und dann werden sie das deutsche Volk von seiner eigentlichen Aufgabe ablenken, den Frieden auf der einzig möglichen Grundlage, auf dem Boden der Verständigung zu suchen.“ (Sachsse 1984, 975) Das 20-seitige Schreiben an das Oberkommando der Wehrmacht, aus dem hier zitiert wurde, trägt die Überschrift „Zur Beurteilung Amerikas“; das Manuskript ist im Nachlass Staudingers erhalten geblieben, der vom Deutschen Museum in München verwahrt wird.

Sachsse 1984, 976, kommentiert: „Die Aktionen Staudingers waren angesichts der in Deutschland herrschenden Mentalität etwas Ungeheuerliches. Die offizielle Meinung lehnte jede Verständigung ab. Deutsche Hochschullehrer hatten sich mehrfach für unbedingtes Durchhalten ausgesprochen.“ So ließen sich Kaiser und Reichskanzler erwartungsgemäß nicht auf das im Januar 1918 ergangene Friedensangebot des US-Präsidenten Woodrow Wilson (1856-1924), die berühmten „14 Punkte“, ein. Über den Ausgang des Krieges sollten Sieg oder Niederlage auf dem Schlachtfeld entscheiden und so täuschten die Verantwortlichen, geblendet durch militärische Einzelerfolge, sich weiter über die schwindende Kampfkraft hinweg. Rückblickend markiert Staudinger den Juli 1918 als „Wendepunkt“. In seiner Betrachtung „Der erste Weltkrieg unter technischen Gesichtspunkten“ (1919) heißt es: „Die letzten Kraftanstrengungen hatten selbst gegen Frankreich zu keinen entscheidenden Schlägen geführt, wohl aber hatte […] die amerikanische Hilfe mit besonderer Intensität eingesetzt, so daß jetzt die Übermacht der Entente klar zu Tage trat.“ (Staudinger 1947, 53) Der Politik macht er den Vorwurf, taub für seine Warnung gewesen zu sein, durch die „Gegnerschaft Amerikas“ werde die deutsche Niederlage „unausbleiblich“: „Im Frühjahr 1917 und nicht im Herbst 1918 wurde über das Geschick Deutschlands entschieden.“ (ebd., 53) Denn führe man sich die technischen Kräfteverhältnisse und die wachsende Übermacht der Entente vor Augen, erschienen im Nachhinein „der Kriegsverlauf und das Kriegsende als eine große Gesetzmäßigkeit“, sodass „auch das größte Feldherrentalent das Geschick nicht abwenden konnte“ (ebd., 46).

Staudinger belässt es nicht beim Ruf nach Waffenruhe, sein Friedensplädoyer ist radikaler. In Anbetracht des Zerstörungspotenzials moderner Waffentechnik scheidet für ihn der Krieg als Mittel der Politik gänzlich aus, denn er brächte, ebenso mörderisch wie selbstmöderisch, fortan nur Besiegte hervor: „Ein Zukunftskrieg könnte […] ungeahnte Vernichtung und Zerstörung bringen, und bei dieser Situation erscheint die Frage nach einem wirklich dauernden Frieden als eine Aufgabe der gesamten Menschheit, die […] gerade heute gelöst werden muß, wenn nicht die Kulturvölker vom Untergange bedroht sein sollen. Ein Friede, der nur eine Art Waffenstillstand brächte, wäre das Schlimmste, das Europa treffen könnte.“ (ebd., 40; vgl. 38) Staudinger redet hier indirekt der Entmilitarisierung das Wort, während die Siegermächte den Versailler Vertrag aushandeln und in Deutschland nationalistische Kreise schon mit einem erneuten Waffengang liebäugeln, um Revanche für die Niederlage 1918 zu nehmen.

 
 

Gaskrieg-Disput mit Fritz Haber
Staudinger führt die „zerstörende Wirkung des heutigen Krieges“ auf „die ungeheuren Energien“ zurück, „welche die heutige Technik in den Kampf führen kann“ (ebd., 38). An den Pranger stellt er in diesem Zusammenhang neben den Sprengstoffen (ebd., 40: „furchtbare Wirkung“) in einem für die in Genf erscheinende Internationale Zeitschrift des Roten Kreuzes verfassten Aufsatz vor allem die Kampfgase und fordert damit Fritz Haber (1868-1934), den Chemie-Nobelpreisträger des Jahres 1918, heraus. Haber leitet das – heute nach ihm benannte – Kaiser-Wilhelm-Institut für physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin. Während des Weltkriegs war er am ersten Masseneinsatz von Giftgas bei Ypern in Belgien beteiligt, sein Institut wurde finanziell vom deutschen Heer unterstützt. Er verteidigt die Gaskampfmittel, sie seien „nicht grausamer als die fliegenden Eisenteile“, zumal sie keine Verstümmelungen zufügten (Vortrag „Die Chemie im Kriege“; zit. nach Klee 2005, 214). Staudingers Aufsatz für das Rote Kreuz erzürnt Haber, er greift zur Feder und schreibt dem Kollegen einen geharnischten Brief mit dem Vorwurf, die durch den Gaskrieg verursachten Leiden zu dramatisieren, dadurch gegnerische Verleumdungen zu fördern und so dem Deutschen Reiche zu schaden (siehe Sachsse 1984, 976). Als Irrglaube, ja als weltfremder Idealismus erscheint Haber das Ansinnen, von der technischen Seite her den Frieden zu sichern; es komme vielmehr auf die Gesinnung, den Friedenswillen, an. Staudingers Entgegnung ist höflich, in der Sache aber ohne Entgegenkommen: Dass die „Gesinnung“ wesentlich sei für die Verständigung auf ein friedliches Zusammenleben der Völker, räumt er unumwunden ein, hatte zuvor selbst an anderer Stelle „geistige Gegenkräfte“ (Staudinger 1947, 38) beschworen, ein nicht minder „notwendiger Aspekt“ aber seien „die materiellen Voraussetzungen“ (Sachsse 1984, 976). In dieser Beleuchtung nimmt nicht Staudinger, sondern Haber selbst sich als Idealist aus, wenn nicht gar als politischer Romantiker. Hingegen offenbart Staudingers auf mathematischen Berechnungen beruhende Analyse des Zerstörungspotenzials moderner Waffentechnik eher den nüchternen Wissenschaftler. Auch den Vorwurf der Parteinahme zugunsten von Deutschlands Kriegsgegnern weist Staudinger von sich, seine Mahnung war schließlich an die Adresse aller Staaten gerichtet. Als parteiisch entpuppt sich vielmehr Haber – mit überlieferten Sätzen wie „Im Frieden für die Menschheit, im Krieg für das Vaterland“ (zit. nach Klee 2005, 214).

Kein lupenreiner Pazifist
Aus der These von der Sinnlosigkeit des Krieges im technischen Zeitalter spricht hier nicht die Glut des Apostels, sondern das Kalkül des Pragmatikers – ein lupenreiner Pazifist ist Staudinger nicht. „Unsere Vorfahren hatten zur Erweiterung ihres Lebensspielraums keine andere Möglichkeit, als den Nachbar zu verdrängen und sich auf diese Weise mehr Land und damit neue Lebensgrundlagen zu verschaffen“, schreibt er anno 1917 in dem erwähnten Aufsatz „Technik und Krieg“ (Staudinger 1947, 35; vgl. 101). Die Rede ist sogar vom „Recht“ früherer Generationen, „einen blutigen Kampf um den Platz an der Sonne zu führen“ (ebd., 35). „Das technische Zeitalter erfordert dagegen eine Abkehr von diesen alten Vorstellungen über die Notwendigkeit von Kriegen, die Europa in dieses maßlose Unglück gestürzt haben.“ (ebd., 101) Staudinger stemmt sich der fatalistischen Haltung entgegen, „daß es immer Kriege gegeben hat und daß auch in Zukunft bei der Natur des Menschen Kriege wohl nicht aufhören würden“ (Staudinger 1947, 101), denn wer so argumentiere, nehme in der Welt von morgen die „Vernichtung der Völker“ (ebd., 101) in Kauf. Die „Hoffnung auf eine kriegsfreie Zukunft“ nähren für ihn gerade jene zeitgenössischen „Prophezeiungen“, die besagen, „daß wir […] einer Zeit besonders erbitterter Kämpfe entgegengehen“ (ebd., 38). Kein Paradox – Staudinger hofft darauf, das Vernichtungspotenzial hochtechnisierter Armeen werde abschreckende Wirkung haben. Dahinter verbirgt sich die Zuversicht, die Menschheit werde vernünftig genug sein, sich den Blick in den Abgrund der Selbstvernichtung zu ersparen. Der Zweite Weltkrieg fügt solchem Optimismus schweren Schaden zu, belegt aber zugleich die bleibende Aktualität der Mahnungen Staudingers. Diesem schwante schon 1919, dass seine Aufrufe zu einer stabilen Friedensordnung wohl nur wenig fruchten würden: „Tragik ist es […], zu sehen, daß Deutschland, das nach seiner Lage wie nach seinen Bodenschätzen so sehr auf eine Politik der Völkerversöhnung angewiesen gewesen wäre, am festesten auf die Politik der gepanzerten Faust vertraute, daß dagegen Amerika, das einzige Land, das sich infolge seines Reichstums eine solche Politik hätte gestatten können, schon seit Jahrzehnten – leider vergeblich – im Sinne der Völkerverständigung arbeitete.“ (ebd., 54)

Gute Technik, böse Technik
Wenn es, wie Staudinger darlegt, die moderne Technik ist, die den Krieg eskalieren lässt, ist dann nicht auch sie selbst von Übel und ihr ebenfalls der Kampf anzusagen? Nein, denn dann brächte man sich um die Früchte ihrer friedlichen Nutzung. Staudinger stellt sich allen Technikfeinden entgegen mit der Vision einer „beherrschten“ Technik, die jetzt und in Zukunft beste „Lebens- und Entwicklungsmöglichkeiten“ biete (ebd., 101): „Dank der Technik können heute auf begrenzter Bodenfläche mehr Menschen leben und können ein leichteres Dasein führen als in der ‚guten alten Zeit‘ eine geringere Menschenzahl auf derselben Fläche.“ (ebd.; vgl. 103) Nicht die Technik als solche, sondern ihr Missbrauch sei das Übel; zwar verleihe sie Kriegen ein unermessliches Zerstörungspotenzial, mache ihnen aber gerade dadurch jede Legitimation streitig: „Kriege haben […] ihre Berechtigung verloren“ (ebd., 101).

Vom Echo auf seine politischen Schriften sei Staudinger enttäuscht gewesen, schreibt Sachsse 1984, 976: „Sie sind trotz ihrer hochgradigen Aktualität wenig bekannt geworden und haben kaum Beachtung gefunden.“ Anders die bahnbrechenden Veröffentlichungen auf dem Gebiet der Polymerchemie, die ab 1920 aufhorchen ließen und heftige Kontroversen auslösten – mehr dazu im nächsten Teil dieser kleinen Staudinger-Serie.

 
 

Hermann Staudinger„Pionier der Polymerforschung“, „Begründer der Kunststoffchemie“, „Vater der Makromoleküle“: Kein Lehrbuch der Chemie, das nicht den gewohnt nüchternen Ton ablegte, wenn die Rede auf Hermann Staudinger kommt. Seinen Tod überdauert die Erinnerung an seine Verdienste bereits im 47. Jahr. Der Name „Staudinger“ ist noch heute nahezu jedem Chemiker geläufig, bildet in der Geschichte des Fachs keine Fußnote, sondern nimmt einen Ehrenplatz ein.

 
 

Teil 2 der Serie erfolgt im "Thema des Monats April 2012"

Das Leben des Hermann Staudinger - Teil 2
Literaturhinweise
 
 

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