Thema des Monats: April 2015

Naturkautschuk: Unkontrollierte Plantagenwirtschaft und die Folgen

Laut einer Studie [1] der Universität von East Anglia im britischen Norfolk bedroht die extensive Expansion von Kautschukplantagen den Urwaldbestand und die Artenvielfalt in Südostasien. Um gegenzusteuern, sieht sich die Industrie, allen Branchen voran die Reifenhersteller, mit 70 Prozentpunkten Hauptabnehmer von Naturkautschuk, aufgefordert, beim Einkauf gesteigert Wert auf die nachhaltige Erzeugung der natürlichen Gummizutat zu legen. Den nachhaltigen Anbau sicherzustellen, wird die Einführung von Zertifizierungssystemen diskutiert.

Nachdem wir bereits mehrfach über den Einfluss polymerer Werkstoffe und Rückstände in Wasser berichtet haben, legen wir an dieser Stelle unseren Fokus auf Geschehnisse an Land. Wir richten unseren Blick auf die Erzeugung von Naturkautschuk, der wichtigsten natürlichen Zutat für die Herstellung von Reifen und anderen Produkten aus Gummi. Früher oder später beschleicht manchen Grundschüler, manche Grundschülerin ein Gefühl der Wehmut; die Zeit im Kindergarten war einfach nur schön. Jeden Tag Spielen, Spaß, Spannung und die Freiheit der Veränderung: Wer keine Lust mehr hatte zu malen, zu basten oder zu bauen, suchte sich kurzerhand eine andere Beschäftigung.

Naturkautschuk ist wieder in und gefragter denn je. Seit einigen Jahren gewinnt die von der chemischen Industrie beinahe verdrängte Pflanze als Rohstofflieferant für die Herstellung von Gummi wieder an Bedeutung. Bild: Wikipedia

Plantagenwirtschaft und ihre Folgen

Naturkautschuk ist wieder in und gefragter denn je. Seit einigen Jahren gewinnt die von der chemischen Industrie beinahe verdrängte Pflanze als Rohstofflieferant für die Herstellung von Gummi wieder an Bedeutung [2]. Naturkautschuk ist nicht von Erdöl abhängig, dessen Preis in den letzten Jahren deutlichen Schwankungen unterlag. Naturkautschuk wird angebaut und lässt sich auf vergleichsweise einfach ernten.

Vor allem Südostasien bietet günstige klimatische Bedingungen für die Kultvierung der Kautschukpflanze, die Arbeitskräfte sind billig und Anbaufläche scheint es zur Genüge zu geben; hierauf deuten zumindest die zahlreichen ausgedehnten Plantagen zum Beispiel in Thailand hin. Rund ein Drittel des weltweit erzeugten Naturkautschuks kommt aus Thailand (30,2 %), ein weiteres Drittel produziert Indonesien (27,3 %) [2].

Allerdings trügt der Schein, wie eine Studie aus England offenkundig macht. Unter Leistung von Eleanor Warren-Thomas von der „School of Environmental Sciences“ der Universität von East Anglia haben Wissenschaftler einen dezidierten Blick auf den Anbau von Naturkautschuk in Südostasien und seinen Folgen geworfen. Ihr Fazit stimmt wenig erfreulich. Sie kommen zu dem Schluss, dass es gängige Praxis sei, im großen Stil tropische Waldflächen zu roden, um Kautschukplantagen anzusiedeln; auch vor ausgewiesenen Naturschutzgebieten werde kein Halt gemacht [1].

Reifen

Ursächlich für die extensive Ausweitung von Kautschukplantagen in tropischen Waldgebieten sei die hohe Nachfrage insbesondere der Reifenindustrie nach Naturkautschuk, ausgelöst durch den boomenden Fahr- und Flugzeugmarkt. © istockphoto

Großen Nachfragen nach Reifen ursächlich

Ursächlich für die extensive Ausweitung von Kautschukplantagen in tropischen Waldgebieten sei die hohe Nachfrage insbesondere der Reifenindustrie nach Naturkautschuk, ausgelöst durch den boomenden Fahr- und Flugzeugmarkt, berichten die Wissenschaftler. Die Reifenindustrie verarbeitet laut Studie rund 70 Prozent der weltweiten Kautschukernte. Zwischen 4,3 und 8,5 Mio. Hektar zusätzlicher Kautschukplantagen würden benötigt, prognostizieren Eleanor Warren-Thomas et al., um den bis 2024 veranschlagten Kautschukbedarf zu decken [1]. Bei unveränderten Vorzeichen bestehe Grund zu der Sorge, dass sich die unkontrollierte Plantagenwirtschaft, verbunden mit der Umstellung der Landnutzung auf den Anbau von Kautschuk negativ auf die Qualität und Beschaffenheit des Boden, die Verfügbarkeit von Wasser, die tropische Artenvielfalt und auf die Existenzgrundlage der Menschen vor Ort auswirken werde.

Quelle: wikipedia/Eleanor Waren Thomas et al., Conservation Letters (2015)

Die wichtigsten Produzentenstaaten von Naturkautschuk sind heute Thailand, Indonesien, Malaysia, Indien und China. Die größten afrikanischen Produzenten sind die Elfenbeinküste, Nigeria und Liberia. Hauptabnehmer sind die USA, Japan, China, Deutschland und Frankreich.

Waldbestand und tropische Artenvielfalt in Gefahr

Warren-Thomas et al. haben sich in ihrer Untersuchung auf die „Hotspots“ des Anbaus von Kautschuk in Südostasien fokussiert: das Sundaland mit der malaiischen Halbinsel, Borneo, Sumatra, Java und Bali; Indio-Burma mit Laos, Kambodscha, Vietnam, weite Teile von Myanmar und Thailand; das südwestliche China einschließlich Xishuangbanna und Hainan; die indonesischen Inseln östlich von Bali und Borneo und westlich von Neuguinea und Timor-Leste sowie den Philippinen.

Kautschuk kann unter großen divergenten klimatischen Bedingungen, wie sie in Südostasien vorherrschen, gedeihen, was bedeutet, dass die unterschiedlichsten Waldtypen, wie man sie in diesem Erdteil vorfindet, in Gefahr sind, für den Anbau von Kautschukplantagen gerodet zu werden. Welche Folgen aus dem Verlust des Waldbestands resultieren, darüber ließe sich bislang nur spekulieren. Man stehe erst am Anfang einer umfassenden Bewertung. Allerdings ließen sich Parallelen zum dem Anbau von Ölpalmen ziehen, die der Herstellung unter anderem von Biodiesel dienen.

Ibis

Quelle: Archiv

Darüber hinaus seien bereits in der Vergangenheit Naturschutzgebiete gerodet worden, um Kautschukplantagen Platz zu schaffen. Warren-Thomas et al. verweisen in diesem Zusammenhang auf den Eingriff in den einstmals 75.000 Hektar großen „Snoul Wildlife Sanctuary“ Nationalpark in Kambodscha: 70 Prozent der Fläche des Nationalparks fiel zwischen 2009 und 2013 der Motorsäge zum Opfer, musste Kautschukplantagen weichen.

Die in Kambodscha ausgewiesenen Waldareale beheimanten seltene Tierarten wie vom Aussterben bedrohte Wasservögel, der sogenannte White Shouldered Ibis zum Beispiel, sowie zahlreiche Säuger wie Rotwild, Affen und Raubtiere.

Einfluss auf Boden und Wasser nachweisbar

Das ein solcher Eingriff nicht ohne Folgen bleibt, ist nachvollziehbar: Die in Kambodscha ausgewiesenen Waldareale beheimanten seltene Tierarten wie vom Aussterben bedrohte Wasservögel, der sogenannte Weißschulteribis zum Beispiel, sowie zahlreiche Säuger wie Rotwild, Affen und Raubtiere. „Von Makaken und Gibbons weiß man“, berichten Warren-Thomas et al., „ sie verschwinden vollständig aus einem Waldgebiet, wenn Kautschukplantage angelegt werden.“ Auch der Bestand an Vögeln, Fledermäusen und Käferarten würde sich um 75 Prozent reduzieren, wird einstmals natürlich gewachsener Wald durch eine Monokultur wie sie von Kautschukplantagen verkörpert wird, ersetzt.

In diesem Zusammenhang verweisen die Wissenschaftler auf den Einfluss von in der Agrarwirtschaft eingesetzter chemischer Präparate: Rückstände der auf Kautschukplantagen eingesetzten Pflanzenschutz- und Düngemitteln würden über Flüsse und Bäche in Süßwasserareale eingetragen und bedrohten auch die dortigen Tier- und Pflanzenwelt; was in letzter Konsequenz auch die Menschen zu spüren bekämen. In Laos etwa sollen Einheimische von einem drastischen Rückgang der Fischbestände, von Krebsen, Garnelen, Muscheln und Schildkröten berichtet haben. Auch die Vegetation am Flussufer habe sich verändert. In chinesischen Xishuangbanna habe Rückstände der Präparate im Brunnenwassers nachweisen können.

Bei der Gelegenheit: Lesen Sie in unserer Rubrik Apropos K, was Löwenzahn mit der Erzeugung von Naturkautschuk gemein hat. Wissenschaftler haben einen bedeutenden Fortschritt gemacht, um die Versorgung mit der wichtigsten Gummizutat auch künftig sicherzustellen...

Mangelnde Transparenz sorgt für Irritationen

Verbraucher greifen heute mehr und mehr bewusst zu Produkten, die gewissen Standards in puncto Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit erfüllen. Regenerative Ressourcen werden häufig bevorzug vor jenen, die einer fossilen, nicht erneuerbaren Quelle entstammen. In diesem Kontext haben Produkte aus Naturkausch in der Regel ein besseres Image als das aus Erdöl synthetisierte Pendant. Ob Naturkautschuk tatsächlich Nachhaltigkeit erzeugt wurde, lässt sich, bei genauer Betrachtung, am Rohstoff oder Endprodukt nicht erkennen.

Vielmehr sei vom Gegenteil auszugehen und zwar so lange, bis Maßnahmen ergriffen würden, die eine nachhaltige Erzeugung beziehungsweise die Verwendung ausschließlich nachhaltig erzeugten Naturkautschuks sicherstellen.

Nachhaltigkeitszertifikate können ein erster Schritt sein

Warren-Thomas et al. bringen die Vergabe von Nachhaltigkeitszertifikaten ins Spiel. Nur Kautschukerzeuger, so die Idee, die sich Verpflichten, Naturkautschuk auf nachweislich nachhaltige Weise zu gewinnen, dürften Zugang zu den Hauptrohstoffmärkten erhalten.

Klingt gut, aber Worte allein genügen wohl nicht, dieses Ziel zu erreichen. Hierfür braucht es eines enormen persönlichen Einsatzes, Einfluss, Ausdauer und Durchhaltevermögen. Diese Idee braucht Partner, die den Markt beeinflussen und Weichen in die richtige Richtung stellen können. Als Beispiel nennen die Wissenschaftler in erster Linie die Hersteller von Reifen, die aufgefordert werden, die „Initiative Natural Rubber Initiative“ (INR-i) zu unterstützen, deren Ziel es sei, langfristig weltweit die nachhaltige Erzeugung von Naturkautschuk sicherzustellen.

Warren-Thomas et al. mutmaßen überdies, dass es möglich sei, Naturkautschuk anzubauen und gleichzeitig Natur und Umwelt zu schonen sowie den Artenschutz sicherzustellen. Noch ist nicht alles verloren, lassen sich tropische Lebensräume sichern, können in Mitleidenschaft gezogene Tierpopulationen gesunden, zeigen sich die Wissenschaftler überzeugt. Allerdings braucht es dafür mehr als Worte, geschrieben auf ein Blatt Papier oder im Internet publiziert. Hierfür braucht es Entschluss- und Tatkraft derer, denen es möglich ist, das Blatt hin zum Besseren zu wenden.

Quellen

[1] Eleanor Warren-Thomas, Paul M. Dolman, David P. Edwards, Increasing demand for natural rubber necessitates a robust sustainability initiative to mitigate impacts on tropical bioversity, Conservation Letter (2015), (open access)
[2] Atlas der Globalisierung (2011) 18
[3] Sustainable Natural Rubber Initiative (SNR-i), http://snr-i.org/FAQ_19_1.htm

Guido Deußing

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