Ohne Kunststoff kein Rausch der Tiefe

Jahr für Jahr erkunden Tausende mit Taucherbrille und Schnorchel bewehrt die Ozeane der Welt, viele Tauchsportbegeisterte sind dabei mit technischem Gerät und Pressluft ausgerüstet. Bei aller Faszination für den Tauchsport übersieht mancher Anfänger, Luft ist zwar das Wichtigste, nicht aber das einzige, was der Taucher unter Wasser zum Überleben braucht. Er benötigt zudem eine gute körperliche Verfassung und eine der Wassertemperatur angepasste Sportbekleidung. Auf welche Ausrüstung ein Sporttaucher heute zurückgreifen kann, zeigt zum Beispiel die „boot“ vom 19. bis 27.1.2013. Hierbei zeigt sich: Ohne Kunststoff kein Tauchvergnügen.

 
 

Wasser hat die Eigenschaft, einem ungeschützten Körper innerhalb kürzester Zeit die Wärme zu entziehen – etwa 25mal schneller als es die Luft zu tun vermag. Physikalisch eine schlichte Gesetzmäßigkeit, für den Taucher unter Umständen der Beginn einer Katastrophe: Unterkühlung fördert Durchblutungsstörungen; eine Zustand, der einen Taucher in tiefe Bewusstlosigkeit fallen lassen kann, was unter Wasser lebensgefährlich ist. Das Risiko reduziert, wer Leib und Leben in einen Tauchanzug zwängt.

Des Tauchers sichere Kleider
Die Mehrheit der Sporttaucher schwört ihrer hervorragenden Isolationswirkung wegen auf Tauchanzüge aus Chloroprenkautschuk; vielen ist das Fertigprodukt aus dem Kunststoff besser bekannt als Neoprenanzug. Anders als bei Bekleidungsstücken aus Neopren, spielt der modische Aspekt beim Kauf eines Taucheranzugs eine untergeordnete Rolle. Funktionalität ist Trumpf. Das es aber auch chic und schön geht, zeigt die Boot 2013.

 
 

Impressionen von der boot 2013

Je nachdem, ob und wie viel Wasser zwischen Körperoberfläche und Innenwand des Anzugs eindringen kann, unterscheidet man zwischen Trocken-, Halbtrocken- und Nasstauchanzügen. Während ein Trockentauchanzug ausreichend Platz für warmes Unterzeug biete, sollte ein Nass- beziehungsweise Halbtrockentauchanzug perfekt sitzen, im wahrsten Sinne des Wortes wie eine zweite Haut. Aus gutem Grund:


Wasser als Wärmespeicher oder wenn Falten frieren machen
Wasser, das sich im Zwischenraum zwischen Körperoberfläche und Innenwandung des Taucheranzugs befindet, wird durch die Körperwärme temperiert und dient unter Wasser als Wärmespeicher. Um den Wärmeeffekt nicht zu reduzieren, sollte das Wasser während des Tauchgangs nach Möglichkeit nicht zirkulieren und sich mit dem umgebenden Wasser austauschen.

Probleme treten auf, wenn der Anzug Falten wirft. Mehr Wasser dringt in den Zwischenraum als zulässig und vorgesehen ist. Das wiederum setzt eine größere Heizleistung voraus, die der Körper erbringen muss, um das Wasser auf Temperatur zu halten: Er kühlt schneller ab und der Taucher friert – trotz Anzug.

 
 

Je dicker, je wärmer? Bei Tauchanzügen relativ
Wichtig ist nicht nur die Passform des Tauchanzugs. Wesentlich für seinen Wärmeschutz sei in erster Linie die Qualität des verwendeten Materials, sagt Herbert Seelig Kautschukingenieur und Verfahrenschemiker bei Sedo Chemikals. Das Unternehmen aus Fürstenwalde an der Spree verarbeitet seit Jahren als in Europa führender Anbieter Chloroprenkautschuk zu Platten, aus denen unter anderem hochwertige Tauchanzüge geschneidert werden.

 
 

Impressionen von der boot 2013

Der Querschnitt durch eine der atmungsaktiven Chloroprenplatten belegt Seeligs These: Unzählige winzig kleine, mit Stickstoff und Wasserdampf gefüllte Bläschen reihen sich im anvulkanisierten Chloroprenkautschuk aneinander; vulkanisieren bedeutet, den Kunststoff mittels geeigneter Verfahren vom vorwiegend plastischen in den elastischen Zustand zu überführen. Die Bläschen schützen den Taucher vor Wärmeverlust – sozusagen wie doppelt verglaste Fenster. Je geringer ihr Durchmesser ist, desto mehr Bläschen sind vorhanden, desto besser die Isolierwirkung.

Der Herstellungsprozess beeinflusse ganz entscheidend die Größe und Gleichmäßigkeit der Gasbläschen im fertigen Produkt, sagt Seelig. Wie ein Bäcker, der ein erstklassiges Gebäck nach einem alten und geheimen Hausrezept zubereitet, vermengt er die Zutaten. Er knetet den Chloroprenteig, tastet, testet, prüft. Wieder und wieder. Und wie ein feiner Hefeteig zu Ruhe gelegt wird, muss die Kautschukmasse "schlafen". In der darauffolgenden Zeit bilden sich Gasbläschen, die sich im Material verteilen und nach Vulkanisation und Zuschnitt des Tauchanzugs einen optimalen Wärmeschutz gewährleisten.

 
 

Impressionen von der boot 2013

Qualität hat ihren Preis
Chloroprenkautschuk kostet mitunter deutlich mehr als hochwertiges Leder. Um den Preis zu senken, setze mancher Anbieter billige Füllstoffe ein, die Funktionalität und Lebensdauer eines Tauchanzugs negativ beeinträchtigen. Ein Beispiel: In etwa 20 Meter Tiefe, staucht der Wasserdruck ein sieben Millimeter dickes, sozusagen luftiges Chloropren auf etwa drei bis vier Millimeter zusammen. Die Gasbläschen lassen sich dabei nur schwer komprimieren: In dichter Lage behalten sie trotz des Drucks ihre Position und damit ihre Isolierwirkung. Kompakte Füllstoffe hingegen verringern unter Druck ihre Stärke: Sie werden dünner und dünner und büßen dabei ihren bereits unzureichenden Wärmeschutz ein.

Gleiches kann übrigens Anzügen geschehen, die hergestellt wurden aus einem Material, bei dem man nicht akribisch auf die Einhaltung von Rezeptwerten und Fertigungsabläufen geachtet hatte. Tauchanzüge aus minderwertigem Material werden bereits nach einigen Tauchgängen dünner - dauerhaft.

 
 

Was nun, Neptun?

Ohne Reue und Risiko kauft, zumindest in der Regel, wer auf Marken setzt, wie sie namhafte Anbieter auf der Boot 2013 (19. - 27. Januar 2013) präsentieren; durch Eingabe des Suchbegriffs "tauchen" finden Sie hier eine vollständige Übersicht aller Anbieter auf dem Gelände der Messe Düsseldorf. Es macht Sinn, den Anzug auf Maß schneidern zu lassen. Die Materialstärke sollte, hochwertige Qualität vorausgesetzt, etwa sechs oder sieben Millimetern betragen. Damit lässt sich sowohl in heimischen Gewässern als auch in den Tropen tauchen.

Taucher, die ganzjährig auch hierzulande in für gewöhnlich eher kühlen Seen und Flüssen tauchen, bevorzugen Trockentauchanzüge. Wer auf Kopfhaube, Handschuhe und Füßlinge aus Chloroprenkautschuk nicht verzichtet, reduziert den Wärmeverlust zusätzlich – gleichgültig, für welchen Anzugtyp er sich entschieden hat.

 
 

Impressionen von der boot 2013

Gebrauchte Anzüge als Alternative

Wer vor dem Kauf eines neuen Anzugs zurückschreckt, sollte sich nach gebrauchten oder Leihanzügen erkundigen. Doch Achtung. Vor Abschluss eines Geschäfts den Blick kritisch bekannten Schwachstellen zuwenden, also der Knie-, Po-, Rücken- und Schulterpartie. Hierbei handelt es sich um beliebte Schürfstellen, die ausdünnen und einreißen können. Ansonsten gelten für gebrauchte Tauchanzüge die gleichen Kriterien wie für Neuanschaffungen. Am Ende zählen Gesamteindruck und Qualität.

 
 

Pflegetipps für Taucheranzüge

• Nach jedem Tauchgang den Anzug mit Süßwasser spülen und auf einem breiten Kleiderbügel in einen kühlen Raum hängen.
• Den Anzug ab und an mit einem Feinwaschmittel in lauwarmem Wasser waschen.
• Fernreisende sollten ihrem Anzug nach dem Flug einen Tag Ruhe zu gönnen. Der Druckunterschied zwischen Himmel und Erde bedingt, dass sich der Stickstoff aus dem Material verdünnisiert. Wird der Anzug direkt betaucht, so heißt das im Fachjargon, verliert das Material an Stärke und somit seine optimale Isolationswirkung.
• Für Extremtaucher gilt: Besser zwei Anzüge mitzunehmen und von Tag zu Tag zu wechseln.

Sie gehören noch nicht der Riege begeisterter Sporttaucher an, sind aber interessiert? Wenn Sie mehr wissen wollen: Informationen erhalten Sie unter anderen auf der Boot der Messe Düsseldorf in Halle 3. GD