Petri heil: Müll fischen für Meere ohne Plastik

Kunststoff ist ein Wertstoff, der leider allzu oft wie Abfall behandelt wird. Statt in den Wiederverwertungsprozess gelangen Jahr für Jahr neben einer Vielzahl anderer Materialien auch Millionen Tonnen Plastik in die Ozeane. Um der „Müllflut“ Einhalt zu gebieten, werden europaweit Abfälle aus Nord- und Ostsee gefischt und fachgerecht entsorgt. Seit Kurzem macht dieses „Fishing for Litter“ auch bei uns Schule – dank Initiative des Naturschutzbunds Deutschland (NABU), der dafür im Rahmen eines bundesweiten Innovationswettbewerbs ausgezeichnet wurde.

Am Ostseestrand: Andrea Hentschel beim NABU-Müllmonitoring auf Fehrmarn. (Quelle: NABU)

 
 

Kunststoffe sind in nahezu sämtlichen Lebensbereichen unverzichtbar und daher allgegenwärtig (siehe dazu auch das Thema des Monats Juli: "Kunststoff bewegt die Welt". Plastik, das ausgedient hat, ist deshalb nicht einfach Müll, sondern eine Wertstoffreserve, aus der Recyclingprodukte entstehen oder Energie gewonnen wird. Deutschland nimmt diesbezüglich international die Vorreiterrolle ein. Leider werden weltweit nach wie vor große Mengen Altplastik verbotenerweise in die Umwelt „entsorgt“ und gelangen massenhaft dorthin, wo sie nicht hingehören, insbesondere ins Meer. Das Gros dieser Abfälle stammt durch Zuflüsse von Land, hinzu kommt der Eintrag durch den Schiffsverkehr. Sage und schreibe 6,4 Millionen Tonnen Plastik gelangen so jedes Jahr in die Ozeane, schätzt der Naturschutzbund Deutschland (NABU).

Die meisten Berichte zur Müllproblematik im Meer betreffen den Pazifischen, den Indischen und den Atlantischen Ozean. Im Pazifik etwa treibt zwischen Kalifornien und Hawaii ein Müllteppich so groß wie Zentraleuropa, der selbst aus dem Weltall noch gut zu erkennen ist, wie Satellitenaufnahmen belegen. Meeresströmungen erzeugen hier eine Art riesigen Müllstrudel. Ein Oberflächenphänomen in doppelter Hinsicht: Plastik, das oben schwimmt, ist nur die Spitze des Eisberges, macht lediglich 15 Prozent des in den Meeren befindlichen Quantums aus. 70 Prozent des Plastikmülls sinken auf den Meeresboden, die restlichen 15 Prozent werden an die Küsten gespült – und gesellen sich zu den Abfällen, die Touristen vielerorts am Strand hinterlassen haben. Auf der japanischen Insel Tsushima sammeln Freiwillige einmal im Jahr den angeschwemmten Müll ein. Bei diesen sogenannten Clean-up-Events türmt sich ein Müllberg auf, der hernach 120 Lastwagen füllt. Und Japan hat über 6000 Inseln …

 
 

Reiche Beute: Auch auf Rügen wird verschiedenartiger Müll an den Strand gespült. (Quelle: NABU)

Nippon ist weit weg, könnte man meinen, doch die Belastung der Meere ist ein globales Problem – auch unsere heimischen Meere, Nord- und Ostsee, bleiben von Müll nicht verschont. Schätzungsweise 20.000 Tonnen gelangen Jahr für Jahr in die Nordsee. Auf dem Grund des strapazierten kleinen Randmeeres liegen nach NABU-Angaben bis zu 600.000 Kubikmeter. Hauptverursacher sind laut Umweltbundesamt die kommerzielle Schifffahrt und die Fischerei. Beobachtungen aus Flugzeugen in der südlichen Nordsee zeigen eindeutig, dass die Mülldichte dort am höchsten ist, wo die Seeschiffe ihre Hauptrouten fahren. An den Stränden der Region sieht es kaum besser aus: Im Nordostatlantik finden sich pro 100 Meter Küstenlinie durchschnittlich 712 Müllteile, ergab das Pilotprojekt „Marine Beach Litter Monitoring“ (2001-2006) im Gefolge des Übereinkommens Schutz der Meeresumwelt des Nordostatlantiks (OSPAR). Untersucht wurde seinerzeit auch die Zusammensetzung des Mülls entlang der Wattenmeerküste Deutschlands und der Niederlande: Plastik und Styropor machten rund 75 Prozent des angespülten Abfalls aus, die übrigen 25 Prozent verteilten sich auf Holz, Papier, Pappe und Glas.

Für die Belastung der Ostsee fehlten vergleichbare Untersuchungen, doch zweifeln Experten nicht, dass die Verhältnisse sich hier ähnlich darstellen wie in der Nordsee. Das Helsinki-Übereinkommen zum Schutz der Ostsee (HELCOM) versuchte 2007 ((im Rahmen des „Marine Litter Project“)) das Müllproblem zu quantifizieren. Stichproben ergaben hier 700 bis 1200 Plastikteile pro 100 Meter Küstenlinie. Vermutet wird, dass in die Ostsee mehr Abfälle von Land eingebracht werden als in die Nordsee, vor allem durch Freizeitaktivitäten und Tourismus. Doch auch Schifffahrt und Fischerei tragen zur Vermüllung des Binnenmeers bei, obwohl es wegen des fehlenden Wasseraustauschs besonders schutzbedürftig ist. Aus eben diesem Grund untersagt es das Seerecht hier schon seit 30 Jahren Müll auf See zu verklappen.

 
 

Viel Arbeit: Am Strand trifft man "Alte Bekannte". Was der Mensch in die Umwelt wirft, kommt eines Tages zu ihm zurück. (Quelle: NABU)

Entlang der großen Schifffahrtslinien bietet sich trotzdem ein erschreckendes Bild. Rund um die Insel Fehmarn beispielsweise, mit dem Fehmarnbelt als einer der meistbefahrenen Wasserstraßen der Welt, sind auf den Seekarten der Fischer rund eintausend Unterwasserhindernisse, unter ihnen Schiff- und Autowracks, verzeichnet. Auch Funde von Fässern mit Farb-, Lack- oder Ölresten zeugen davon, dass nach wie vor zu viel über Bord geht, was im Meer nichts zu suchen hat. „Kontrollen und Strafen scheinen nicht ausreichend zu sein“, meint Dr. Kim Cornelius Detloff, NABU-Referent für Meeresschutz.

Vieles von dem, was im Meer landet, ist dafür zu schade und, schlimmer noch, zum Schaden der Fischerei und der Meeresfauna: Die Schleppnetze der Ostseefischer sind 20 Meter breit. Ein weit geöffneter Schlund, der viele Kilometer über den Meeresboden gezogen wird und manch unerwünschten Beifang aufnimmt. Aus der Tiefe des Meeres gelangen so neben dem begehrten Dorsch z. B. Reifen, Gummistiefel, Einwegoveralls, Plastikeimer und halbverrottete Plastiktüten nach oben; außer Kunststoffen machen Metalle das Gros des Müllbeifangs aus. Die ordnungsgemäße Entsorgung an Land haben nun die Fischer am Hals. Buchstäblich eine Drecksarbeit, aber noch viel frustrierender ist, wenn Behälter z. B. mit Farbresten den ganzen Fang verdorben haben. Ins Geld gehen kann die Begegnung mit maritimem Müll auch, wenn das Netz sich beim Schleppen über Grund an sperrigen Müllhindernissen verhakt und reißt. Wird es irreparabel zerstört, muss ein neues her. Das aber kostet um die 4000 Euro, eine Summe, die dem Wert von 1500 Kilo Dorsch entspricht. Das als Kleinbetrieb wieder „reinzufischen“, braucht seine Zeit. Auch von Treibmüll geht Gefahr aus, denn er kann Schäden z. B. an Bootspropellern oder Filteranlagen anrichten. Fehmarner Fischern widerfuhr bereits, dass sich in ihrer Schiffsschraube die verloren gegangene Abdeckplane einer Segeljacht verwickelte – und einen Motorschaden bewirkte! Last but not least ist der ganze Müll auch den Kommunen an den Küsten ein Dorn im Auge, denn sie müssen jährlich Millionenbeträge für die Reinigung von Häfen und Stränden aufbringen.

 
 

Das Müllproblem ins Bewusstsein rücken und Abhilfe schaffen soll das vom NABU im Sommer 2010 gestartete Projekt „Meere ohne Plastik“, ein Beitrag zur nationalen Umsetzung der 2008 verabschiedeten Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie der Europäischen Union. Zu den Unterstützern des Projekts zählen das Bundesumweltministerium und das Umweltbundesamt. Fördermittel flossen u. a. aus dem Verkauf der „Briefmarke mit dem Plus“ (25 Cent Zuschlag für den Meeresschutz).

 
 

Sammeln für den guten Zweck: NABU-Meeresschutzexperte Kim Detloff kennzeichnet einen Sammelcontainer für "Strandfunde". (Quelle: NABU)

Im Zentrum der NABU-Aktivitäten steht das Bergen von Müll im Rahmen des internationalen Projekts „Fishing for Litter“ („Müllfischen“), das 2003 in der Nordsee begann. Pioniere sind hier Fischer aus Schottland und den Niederlanden, mittlerweile beteiligen sich europaweit rund 100 Seehäfen. In Deutschland bezieht „Fishing for Litter“ erstmals die Ostsee mit ein. Seit Mai 2011 beteiligen sich Fischer aus Burgstaaken auf Fehmarn und aus Heiligenhafen, im April dieses Jahres kam mit Sassnitz auf Rügen der dritte Ostseehafen hinzu. Seit August 2012 ist mit Norddeich nun auch ein deutscher Nordseehafen mit „im Boot“. Vergütet bekommen die Fischer das Müllfischen nicht, ihr Benefit liegt woanders: Mussten sie Abfälle, die als künstlicher Beifang die Netze füllten, bislang über den eigenen Hausmüll loswerden, können sie ihn nun gleich im Hafen fachgerecht in Containern entsorgen, die der NABU und das Duale System Deutschland als überregionaler Projektpartner kostenlos bereitgestellt haben. Die Container werden regelmäßig geleert bzw. ausgetauscht. Der Müll aus dem Meer wird dann in einer Sortieranlage in Hörstel/Nordrhein-Westfalen von Experten des Dualen Systems Deutschland untersucht, um Genaueres über seine Zusammensetzung in Erfahrung zu bringen. Die erste Analyse ergab: Metalle dominierten die Gewichtsverteilung, doch auch Kunststoffe, Textilien, Holz und Glas fanden sich in nahezu sämtlichen Sammelsäcken. Das sei lediglich eine Stichprobe gewesen, das Ergebnis also nicht als repräsentativ anzusehen, sagt Meeresbiologe Detloff. Die Untersuchungen werden folglich beibehalten. Darüber hinaus soll eine Studie Auskunft darüber geben, ob die Kunststoffabfälle sich recyceln lassen oder aufgrund des Qualitätsverlusts im Meerwasser lediglich energetisch verwertbar sind.

Schottische Fischer haben bis heute an die 500 Tonnen Müll aus der Nordsee gefischt In zwei deutschen Ostseehäfen sind während des ersten Jahrs „Fishing for Litter“ rund 700 Kilogramm Abfälle zusammengekommen, nicht mehr und nicht weniger. Das Müllfischen allein reicht selbstverständlich nicht aus, der Verschmutzung der Meere Herr zu werden, aber das behauptet auch niemand. Die 700 Kilo sind trotzdem kein Tropfen auf den heißen Stein, denn sie setzen Zeichen für einen Bewusstseinswandel, ohne den das Fernziel "Meere ohne Müll“ unweigerlich Utopie bliebe. Die beteiligten Fischer sind bereits „Überzeugungstäter“, schippern der Müllflut aber vorerst hinterher. Fest steht: Abfälle dürfen gar nicht erst in die Ozeane gelangen – und könnten es auch gar nicht, wenn sie ordnungsgemäß entsorgt bzw. dem Recycling zugeführt würden, mahnt das Duale System Deutschland. „Fishing for Litter“ weist prinzipiell in die richtige Richtung – nicht von ungefähr wurde der NABU 2011 für dieses Projekt im Rahmen des bundesweiten Innovationswettbewerbs „Deutschland – Land der Ideen“ ausgezeichnet.

 
 

„Künftig wollen wir noch weitere Fischer, Kommunen und Unternehmen für das Projekt gewinnen. Nur so können wir einen wirklichen Beitrag für eine saubere Zukunft unserer Meere leisten“, sagt Kim Detloff. Und NABU-Präsident Olaf Tschimpke legt nach: „Ziel ist eine flächendeckende Abfallentsorgung in deutschen Fischereihäfen.“ Nicht zuletzt aber geht es darum, einen zentralen Gedanken in das kollektive Bewusstsein zu pflanzen: Kunststoffe sind hochtechnologische Werk- und Wertstoffe, zu wichtig und zu kostbar, um sie einfach in die Umwelt zu entsorgen.

Nicht kompatibel: Plastik gehört nicht ins Meer.

 
 
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