24.02.2011

Plastik-Parade – die in der Kunst gebräuchlichsten Kunststoffe

Thermoplaste (durch Wärme verformbare Kunststoffe):
Polystyrol: Standard-P., sehr verbreitet, aber empfindlich, zerbrechlich (Campinggeschirr, Salatschüsseln, Gefäße für Kühlschränke), stets transparent, leicht mit Polymethylacrylat zu verwechseln; schlagfestes P., durch Zusatz synthetischen Kautschuks geschmeidig und praktisch unzerbrechlich gemacht; weiß oder gefärbt, stets undurchsichtig und matt (Krüge, Flaschen); expandiertes P., zu steifem Schaum geformt, von sehr geringem Gewicht (wärmeisolierte, schlagfeste Verpackungen; weiße Platten oder Blöcke als Halbfertigprodukte). In der bildenden Kunst kommt im Wesentlichen expandiertes P. zum Einsatz. Beispiel in der Kunst: Cat on a Clothesline von Jeff Koons, 1994

Polymethylmethacrylat: Sehr häufig von Künstlern verwendet. Bei Zimmertemperatur ist PMMA eine klare, farblose, leicht flüchtige, entflammbare und durchdringend riechende Flüssigkeit. Es reagiert leicht mit Halogenen, Halogensäure und mit Schwefelverbindungen. Methylmethacrylat wird in der Hauptsache zur Herstellung von Methacrylharzen verwendet. Dieses unter den Handelsnamen Plexiglas, Perspex oder Lucite bekannte Material hat sich dank seiner Leichtigkeit, seiner mechanischen Widerstandskraft und seiner Fähigkeit zur Lichtübermittlung insbesondere in der Luftschifffahrt und bei optischen Instrumenten durchgesetzt. Beispiele in der Kunst: Leda mit dem Schwan von László Moholy-Nagy, 1946; Compression Plastique von César, 1971; Zur Erinnerung von Wilhelm Becker von Uli Pohl, 1972

Phonoplaste: Der übliche Typ der Phonoplaste ist das Bakelit. Als Isolatoren traten sie an die Stelle des Porzellans, aber sie lassen sich nur in dunklen Farbtönen herstellen (schwarze Bakelit-Telefone). Deshalb wurden sie durch die Aminoplaste ersetzt, die ausgedehntere Färbemöglichkeiten bieten. Eines der bekanntesten Produkte unter den Aminoplasten ist das Melamin. Bakelit-Beispiel in der Kunst: Aphrodisiac Telephone von Salvador Dalí, 1936

Zelluloseazetat: Unter den Bezeichnungen Cellophan und Rhodoid ist das Zellulose-Azetat ein wohlbekanntes Material des täglichen Lebens (Cellophan: Folien, Beutel, Wurstpelle; Rhodoid: Kämme, Haarspangen, künstliche Fingernägel).
Rhodoid-Beispiel in der Kunst: Tête No. 2 von Naum Gabo, 1916

Duroplaste (durch Wärme härtbare Kunststoffe):
Polyester: Aus Polyesterharzen werden die sogenannten Schichtstoffe hergestellt. Durch die Flugzeug- und die Automobilindustrie sind uns die gepressten Glasfaser-Polyester geläufig geworden. Beispiele in der Kunst: „Portrait Charles Wilp“ (Abfälle in Polyester) von Arman, 1961; Violon (zertrümmerte Geige in Polyester) von Arman, 1970

Epoxid: Die Epoxidharze finden insbesondere in der Klebstoff-, Farben- und Lackindustrie Verwendung. Mit den Polyestern haben sie gewisse Verwendungsmöglichkeiten gemeinsam. Manche Arten synthetischen Betons werden mit Polyesterharzen, andere mit Epoxidharzen hergestellt (Epoxid besitzt die Dichte von Stein oder Metall). Beispiel in der Kunst: Arbre Biplan von Jean Dubuffet, 1968

Polyurethan: Steife Polyurethanschäume werden zur Wärmeisolierung von Kühlschränken und Kühlwagen verwendet. Vor allem aber wird dieses Material für Möbel und Autositze verwendet. Beispiele in der Kunst: Expansions von César, 1968-1970; „Mousses“ („Schäume“) von Alexandre Bonnier, 1971

Chronologie der Kunststoffverwendung durch Künstler
1916: Der russische Bildhauer Naum Gabo (1890-1977) gestaltet das erste Kunstwerk aus Kunststoff (Rhodoid). Es handelt sich um eine vom Kubismus beeinflusste Kopfplastik (Tête No. 2, zu Deutsch: „Kopf Nr. 2".

1920: Gabos Bruder Antoine Pevsner (1884-1962), ebenfalls Maler und Bildhauer, verwendet Kunststofffolien für seine Masques.

1922: Der ungarische Maler und Bildhauer László Moholy-Nagy (1895-1946) beginnt seine Lehrtätigkeit am Bauhaus in Weimar und Dessau. Der zu den Konstruktivisten gerechnete Künstler verwendet in seinen Werken Folie aus Polymethylmethacrylat (Plexiglas) und Metall. Moholy-Nagy gilt als Wegbereiter der sogenannten kinetischen Kunst, denn seine Arbeiten beziehen Bewegung, Licht und Schatten ein.

1937: Moholy-Nagy gründet in Chicago „The New Bauhaus“. In den USA realisiert er mithilfe transparenter Plexiglasplatten dreidimensionale Objekte, unter ihnen den Space Modulator („Raumverwandler“), der sich heute im Besitz des Duisburger Wilhelm-Lehmbruck-Museums befindet.

1948: Der französische Maler und Bildhauer Samuel Guyot, genannt Saint-Maur (1906-1979), schafft mit der Skulptur „Femme assise“ („Sitzende Frau“) das weltweit erste Polyesterharzkunstwerk. 1968 folgt eine Monumentalskulptur aus Polyurethanschaum; aus selbigem Material lässt Saint-Maur 1969 das sechs Meter hohe, bewohnbare „Maison de mousse“ („Schaumhaus“) entstehen (Innenansicht).

1958: Der deutsche Bildhauer Uli Pohl, geb. 1935 in München, gestaltet lichtplastische Skulpturen aus kompakten Acrylglasblöcken. Die Kunstgeschichte vermerkt bezüglich des Materials eine Premiere.

1961: Im Toulouser Kunststoffmuseum organisiert Marcel Garrigou (1916-1998) die „Erste internationale Ausstellung von Gemälden, Skulpturen und Objekten der dekorativen Kunst in Vinyl und Polyester“.

1968: Auf der documenta in Kassel installieren der bulgarische Künstler Christo Jawaschew (geb. 1935) und seine französische Ehefrau Jeanne-Claude Denat de Guillebon (1935-2009) am 3. August ihre „Luft-Verpackung“, von den Kasselanern „Wurst“ genannt. Es handelt sich um das größte jemals aufgeblasene und ohne Innengestell auskommende Kunstwerk (Höhe: 85 Meter, Durchmesser: 10 Meter, Volumen: 5600 Kubikmeter). Die Oberfläche bilden 2000 Quadratmeter PVC-beschichtetes Treviragewebe.

1968: Gruppenausstellung „Kunst & Kunststoff. Der Kunststoff als Werkstoff des Künstlers“ im Städtischen Museum Wiesbaden (7. April bis 2. Juni 1968), im Bürgermeister-Ludwig-Reichert-Haus, Ludwigshafen (14. Juni bis 21. Juli 1968), und im Museum am Ostwall, Dortmund (28. November 1968 bis 5. Januar 1969)

1985: Christo und Jeanne-Claude verhüllen vom 25. August bis 22. September den Pont Neuf in Paris, die älteste Brücke über die Seine, mit 40.000 Quadratmeter sandfarbenem Polyamidgewebe

1995: Christo und Jeanne-Claude verhüllen vom 24. Juni bis 7. Juli den Berliner Reichstag vollständig mit 100.000 Quadratmeter Aluminium-bedampftem Polypropylengewebe (Wrapped Reichstag. Verwendet wurden außerdem 15.600 Meter blaues Polypropylenseil.

1998: Im Rahmen der Eröffnungsausstellung des Deutschen Kunststoff Museums in Düsseldorf, „Faszination Kunststoff“, eröffnet am 22. Oktober die Sonderausstellung „Kunst und Kunststoff“ (bis 6. Januar 1999). Die Fassade des NRW-Forums Kultur und Wirtschaft (Ehrenhof) erklimmen 31 „Flossis“, knallbunte, 3,80 Meter hohe Klettermaxen aus Styropor, kaschiert mit glasfaserverstärktem Epoxidharz ). Die Installation der Stuttgarter Künstlerin rosalie entwickelte sich zum Symbol und Wahrzeichen der Kunststoff-Messe Düsseldorf. Heute sind die Großskulpturen an der Fassade eines nicht denkmalgeschützten städtischen Gebäudes im Medienhafen angebracht (Bild 1 und Bild 2).

2009: Vom 20. Oktober 2009 bis 29. November 2010 fand im Kölner Museum für Angewandte Kunst die Ausstellung Kunst-Stoff: Materialrevolution für Design + Kunst statt ). Sie wurde bis zum 24. Januar 2011 verlängert.