Plastiktüte auf dem Prüfstand

„Plastiktüten sind die mieseste Ausgeburt der Wegwerfgesellschaft“, giftet die „Süddeutsche Zeitung“. „Die Plastiktüte gehört nicht auf den Müll, sondern schleunigst auf den Müllhaufen der Geschichte“, legt die Umweltorganisation „Robin Wood“ nach. Seit die Ökobewegung die Parole „Jute statt Plastik“ in die Köpfe und Herzen vieler Menschen gepflanzt hat, ist das Image der Tüten aus Kunststoff dahin. Gekauft und verwendet werden sie trotzdem, schließlich sind sie praktisch und bequem. Das Problem: Sie werden im Durchschnitt nicht einmal 30 Minuten benutzt und landen nach Einmalgebrauch meist im Abfall. Weltweit werden pro Minute (!) eine Million Plastiktüten verwendet. Um die Nachfrage in der EU zu decken, produziert unser Kontinent alljährlich ein Quantum Kunststofftragetaschen, das so viel wiegt wie zwei Millionen Autos, sage und schreibe 3,4 Millionen Tonnen (Stand: 2008).

Der verschwenderische Umgang mit dem Wertstoff Plastik hat die EU-Kommission auf den Plan gerufen. In dem im April 2011 erschienenen 171-seitigen Bericht Plastic Waste in the Environment wird vor allem wegen Vermüllung der Meere Alarm geschlagen. Das Phänomen ist aus dem Pazifik bekannt: Zwischen Kalifornien und Hawaii hat sich unter dem Einfluss von Strudeln eine schwimmende Insel aus Plastikmüll so groß wie Mitteleuropa gebildet, deren Gewicht auf drei Millionen Tonnen geschätzt wird. Wale, Robben und Meeresschildkröten verwechseln Kunststofftüten häufig mit Quallen, fressen sie und verenden daran. Vögel verschlucken unverdauliche Plastikteile oder füttern ihre Jungen damit. Hinzu kommt: Plastik wird im Meerwasser nicht abgebaut, nur zerrieben, was Jahrhunderte dauern kann. Dabei gelangt es in die Nahrungskette, mitsamt eventuell toxischer Zusätze. Schon kommen im Pazifischen Ozean auf ein Kilogramm Plankton sechs Kilogramm Plastik ... Kein Problem der Europäer, könnte man meinen, doch die Hoheitsgewässer der EU sind genauso betroffen: Wissenschaftler haben vor Frankreichs und Italiens Küsten pro Quadratkilometer durchschnittlich 115.000 Kunststoffteilchen gezählt. Das Gesamtgewicht der im Mittelmeer schwimmenden Plastikpartikel wird mit derzeit 500 Tonnen veranschlagt.

Italien, mit einem Jahresverbrauch von 20 Milliarden Plastiktüten europäischer Spitzenreiter, hat inzwischen Nägel mit Köpfen gemacht und ein Verbot verhängt, das Anfang des Jahres in Kraft trat. Daraufhin sind die herkömmlichen Plastiktüten aus dem Handel verschwunden und durch solche aus kompostierbarem Bioplastik, z. B. aus Maisstärke, abgelöst worden. In Frankreich existiert das Totalverbot bereits seit 2010, die Hauptstadt Paris machte sogar schon 2007 den Anfang. Dem Deutschen Bundestag liegen mittlerweile zwei Petitionen vor, die auf ein Verbot von Kunststofftüten dringen (Petition 3398 vom 22. 3. 2009 und Petition 9937 vom 8. 2. 2010, unterschrieben von den Hauptpetenten und 2967 Mitzeichnern), doch hat das Parlament bis heute nicht darüber befunden.

International sind ohnehin nicht wir Europäer Verbotsvorreiter, sondern Länder in Afrika (z. B. Ruanda, der Kongo und Tansania) und in Asien (u. a. Bangladesch, Bhutan, Papua-Neuguinea). Mit einem Totalverbot liebäugeln momentan auch Österreich und Australien, wo es in einigen Territorien bereits realisiert ist. In den USA sind Plastiktüten bisher lediglich aus Kaliforniens Metropolen San Francisco und Los Angeles verbannt. Untersagt ist mittlerweile fast rund um den Globus die Gratisabgabe von Plastiktüten. Das gilt seit Juni 2008 auch für China, wo nach Angaben westlicher Presseorgane jährlich über eine Billion (!) Plastikbeutel und -tüten verbraucht wurden. Allerdings macht der Handel selbst hierzulande Ausnahmen: Gibt’s die Tüten in Supermärkten nur gegen Cash, geben z. B. Warenhäuser, Schuhgeschäfte oder Apotheken die Transporthilfe stillschweigend kostenlos ab.

Die Europäische Kommission will nun nicht länger den mal mehr, mal weniger konsequenten Maßnahmen einzelner Mitgliedsstaaten zusehen, sondern strebt eine EU-übergreifende Regelung an, den Plastiktütenverbrauch zu drosseln. Vom 17. Mai bis 9. August 2011 war deshalb jeder EU-Bürger aufgerufen, an einer englischsprachigen Onlinebefragung („web-based consultation“) teilzunehmen: „The European Commission is asking the public [...] if charging and taxation would be effective, or if other options such as an EU-level ban on plastic carrier bags would be better.“ Insgesamt gingen 15.338 Antworten ein. 96,9 Prozent stammten von Privatpersonen, der Rest verteilte sich auf Industrieverbände, Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Universitäten etc. Die wichtigsten Ergebnisse: Für ein EU-weites Verbot von Plastiktragetaschen sprachen sich 70,55 Prozent der Teilnehmer aus. Der Auffassung, die Verwendung von Plastiktüten ließe sich durch deren Verteuerung reduzieren, schlossen sich 61,80 Prozent an (bislang wird die in der Herstellung unschlagbar günstige PE- oder PP-Tüte durchweg billiger abgegeben als die Alternativen aus Bioplastik, Papier oder Baumwolle). Eine Mehrheit legt überdies Wert darauf, sich beim Kauf zwischen biologisch abbaubaren und nicht abbaubaren Plastiktüten entscheiden zu können.

Ein Beschluss der EU-Kommission ist nicht vor 2012 zu erwarten, denn die Pro- und Kontra-Argumente (siehe Kästen) verdienen, sorgfältig abgewogen zu werden. Ein Verbot der herkömmlichen Plastiktüte gilt Experten aber als wenig wahrscheinlich, auch wenn „Volkes Stimme“ dafür zu sein scheint. Politisch zeichnen sich nämlich keine entsprechenden Mehrheiten ab, weder in Brüssel noch in Berlin (siehe: Die Plastiktüte und die Politik). Ohne Wenn und Aber fordert in Deutschland bislang nur die NPD ein Plastiktütenverbot, die Linke mit Einschränkungen – und die Grünen prüfen die Verbotsoption, favorisieren aber eine Besteuerung nach irischem Vorbild (in Irland wird auf jede Plastiktüte seit März 2002 eine Rohstoffsteuer in Höhe von zuerst 15 Cent, seit Juli 2007 22 Cent erhoben, woraufhin der Jahresverbrauch von 328 auf 21 Tüten pro Kopf sank). Mehrheitsfähig dürften auf nationaler wie europäischer Ebene weder die ein noch die andere Seite sein – es geht um eine unvoreingenommene Bewertung der Umweltverträglichkeit der Kunststofftragetasche und der Alternativen zu ihr. Vergleicht man die Ökobilanzen, schneidet die herkömmliche Plastiktüte besser ab, als viele Kritiker glauben machen, sobald der Energieverbrauch bei der Herstellung mitberücksichtigt wird:

Vergleich mit Papiertüten: Papier ist Plastik nicht vorzuziehen, weil die Herstellung fast doppelt so viel Energie benötigt. Hinzu kommt die deutlich höhere Belastung von Luft und Wasser durch Stickoxide, Schwefeldioxide und andere Chemikalien, mit denen die Zellstofffasern behandelt werden müssen. Außerdem taugt auch Papier nur bedingt zur Mehrfachverwendung, d. h. nur solange es nicht reißt oder nass wird. Ob Papiertüten im Einzelfall besser oder schlechter sind als Tüten aus Kunststoff, hängt vom verwendeten Rohstoff (Altpapier, Recyclingkunststoff) und der Art der Entsorgung ab.

Vergleich mit Baumwollbeuteln: Die vielgepriesenen Tragetaschen aus Baumwolle sind nicht per se umweltfreundlich, sondern erst nach mindestens zehnmaliger Wiederverwendung, ergab eine Untersuchung der Federal Laboratories for Material Testing and Research der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich – und auch nur unter der Voraussetzung, das derweil Plastiktragetaschen tatsächlich immer nur einmal benutzt werden.

Vergleich mit Bioplastiktüten: „Tüten aus biologisch abbaubarem Kunststoff sind keine umweltverträgliche Alternative zu Tüten aus herkömmlichem Kunststoff“, befindet das Umweltbundesamt. Als Manko gelten zum einen die Verdrängung von Lebensmittelanbauflächen für Mais oder Zuckerrohr sowie der hohe Aufwand von Dünger, Pestiziden und Energie für die Rohstofferzeugung – noch vor dem eigentlichen Produktionsprozess. Hinzu kommt, dass Bioplastik zwar biologisch abbaubar ist, von Kompostierwerken aber trotzdem meist aussortiert und der Müllverbrennung zugeführt wird. Hintergrund: Bioplastik verrottet langsamer als sonstiger Bioabfall, schafft also ein Zeitproblem. Zudem befürchten die Betreiber, dass aufgrund von Verwechslungen fälschlich auch herkömmliche, also biologisch nicht abbaubare Kunststofftüten in den Bioabfall gelangen. Wird die Biotüte verbrannt, dient sie immerhin der Stromerzeugung. Außer Kohlendioxid, das auch während der Kompostierung freigesetzt wird, entstehen keine Schadstoffe. Bezieht man sämtliche Umweltauswirkungen in die Betrachtung ein, steht es laut englisch-walisischer Umweltbehörde zwischen der Verbrennung der herkömmlichen Plastiktüte und der Kompostierung von Bioplastik Unentschieden – beides ist gleich gut oder, wenn man will, gleich schlecht.

Das Umweltbundesamt gibt außerdem zu bedenken, dass die Verwendung von Bioplastiktüten die ökologische Sensibilität der Verbraucher schwächen könnte: „Der Verbraucher soll ja gerade nicht dazu animiert werden, die Tüten nun mit ruhigem Gewissen einfach achtlos in Natur und Landschaft zu entsorgen.“
Im Übrigen ist vor Etikettenschwindel zu warnen: Die kompostierbaren Plastiktüten sind keineswegs 100 Prozent „bio“, bestehen nur etwa zur Hälfte aus Maisstärke, Polymilchsäure oder ähnlichen Appetizern für die Mikroben im Kompost, die den Kunststoff verdauen. Die andere Hälfte der Tüte ist zwar ebenfalls biologisch abbaubar, wurde aber aus Erdöl gewonnen – nur so nimmt das Material die nötige Geschmeidigkeit an.

Nach all dem hält das Umweltbundesamt ein generelles Verbot der PE- oder PP-Plastiktüte „für nicht erforderlich“, zumal in Deutschland die Recyclingquote im Dualen System mit 70 Prozent höher ist als anderswo. In einigen europäischen Staaten hingegen liegt sie bei lediglich 20 Prozent – diesbezüglich besteht auf EU-Ebene tatsächlich Handlungsbedarf. Denn in Ländern, in denen es keine solchen Verwertungssysteme gibt, gelangen die Plastiktüten nach ihrem Gebrauch tatsächlich unkontrolliert in die Umwelt.

Das Fazit für die Verbraucher lautet: Das perfekte Einkaufsbehältnis gibt es nicht, entscheidend ist die Wiederverwendung. „Mehrweg ist die beste Alternative!“, bringt es das Umweltbundesamt auf den Punkt. Nicht dem Plastik gilt es den Kampf anzusagen, sondern der Wegwerfmentalität: Kunststoff, egal für welchen Verwendungszweck, ist ein Wertstoff, der nach Einmalgebrauch nicht in den Müll gehört. Die Internet-Plattform oekowatch.org, angetreten mit dem Anspruch, „umweltpolitische Forderungen kritisch und ideologiefrei zu hinterfragen“, hält ein eventuelles Verbot der Plastiktüte denn auch für „Regulierung, die am Ziel vorbeigeht“: „Wer ökologisch korrekt einkaufen möchte, der muss sich nur ökonomisch rational verhalten und den gratis oder für ein paar Eurocent erworbenen Plastikbeutel gleich mehrfach verwenden. Man spart sich damit die Kosten für die deutlich teurere Baumwolltasche oder den höheren Aufpreis für eine Papiertüte und schont die Umwelt.“ Und im Zweimonatsjournal „Zeit Wissen“ heißt es: „Wer Angst vor dem Klimawandel hat, der verwende seine Plastiktüten, egal ob bio oder PE, so oft wie möglich“.

Übrigens: Den Ausstoß von Kohlendioxid in die Atmosphäre zu minimieren und Erdöl einzusparen, helfen Plastiktüten mit dem „Blauen Engel“ – sie bestehen zu 80 Prozent aus Recycling-Kunststoff.

Guido Deußing
Redaktionsbüro
Presse Text Kommunikation