25.07.2011

Polyamid, kleidsam und sexy: Die Nylon-Story

Als 1940 in den USA die weltweit ersten Nylonstrümpfe in den Handel kamen, waren binnen eines einzigen Tages fünf Millionen Paar ausverkauft. Entwickelt worden war die Kunstfaser aus Polyamid fast zeitgleich in den Vereinigten Staaten und im damaligen Deutschen Reich, doch Priorität und Patent gebührten den Amerikanern. Warum Erfinder Wallace Hume Carothers trotzdem Selbstmord beging – und was Nylon, das auf dem Weltmarkt einschlug wie eine Bombe, mit der Produktion von Sprengstoff zu tun hat.


„Hör dir das an, wie Gilberte die Beine übereinanderschlägt!“ Vor einem laufenden Tonband zwei Freunde, Bliss und Corey. „Ich hab sie aufgenommen, als sie Nylonstrümpfe trug. Mit Seidenstrümpfen funktioniert’s nicht.“ Bliss spult das Band zurück, spielt die Stelle noch einmal ab: „Wie die Strümpfe aneinanderreiben!“ Corey spitzt die Ohren, der Zuschauer auch – doch zu hören ist beim besten Willen gar nichts. Bliss ist trotzdem ganz aus dem Häuschen ...

Eine Szene aus François Truffauts Thriller „Die Braut trug Schwarz“ (DVD: http://www.kultur-online.net/files/filmriss/Die%20Braut%20trug%20schwarz%20-%20Cover.JPG) aus dem Jahre 1968, die zugleich amüsiert und irritiert. Doch durchschaut man als Zuschauer bald, was das Ganze soll: Bliss wird als leicht entflammbarer Lebemann eingeführt – leichte Beute für die verführerische, ihren ermordeten Bräutigam rächende „schwarze Braut“, Paraderolle für Jeanne Moreau, die Bliss später vom Balkon seines Hochhausappartements in den Tod stürzen wird.

Die Tonbandszene entlarvt Bliss als versierten Erotiker: Obwohl nichts zu hören ist, bringt die Vorstellungskraft das Testosteron in Wallung, denn Textiles aus Nylon ist nun mal eng mit Sex-Appeal assoziiert, in den Swinging Sixties erst recht. Und einen ganz besonderen Reiz haben nun mal Nylonstrümpfe – ein hauchzartes Nichts, durchsichtig dazu, die Beine umschmeichelnd wie eine zweite Haut: „Eine Frau mutiert zur Nymphe, hüllt sie die Bein’ in Nylonstrümpfe“, könnte Dichtermund reimen. (Fotos: http://static.rp-online.de/layout/showbilder/22752-ap%20strumpfhose.jpg und http://www.rmutphysics.com/charud/oldnews/68/clip_image072.gif)

Ihre Vorläufer, Strümpfe aus Wolle und Baumwolle, fand hingegen niemand sonderlich aufreizend. Seidenstrümpfe schon eher, doch aufgrund des hohen Preises taugten sie sich nicht zur Massenware, zumal sie alsbald ihre Form einbüßten und zu Laufmaschen neigten, d. h. rasch durch ein neues Paar abgelöst werden mussten. Erotik hin oder her, Frauenträume im späten 19. Jahrhundert galten vor allem aus praktischen Gründen einer ebenso strapazier- wie bezahlbaren Textilfaser. Und die Chemie nahm den Faden auf: Die Idee der Kunstseide war geboren.