01.08.2011

Thema des Monats

Polyamid, kleidsam und sexy: Die Nylon-Story

„Hör dir das an, wie Gilberte die Beine übereinanderschlägt!“ Vor einem laufenden Tonband zwei Freunde, Bliss und Corey. „Ich hab sie aufgenommen, als sie Nylonstrümpfe trug. Mit Seidenstrümpfen funktioniert’s nicht.“ Bliss spult das Band zurück, spielt die Stelle noch einmal ab: „Wie die Strümpfe aneinanderreiben!“ Corey spitzt die Ohren, der Zuschauer auch – doch zu hören ist beim besten Willen gar nichts. Bliss ist trotzdem ganz aus dem Häuschen ...

Eine Szene aus François Truffauts Thriller „Die Braut trug Schwarz“ (DVD) aus dem Jahre 1968, die zugleich amüsiert und irritiert. Doch durchschaut man als Zuschauer bald, was das Ganze soll: Bliss wird als leicht entflammbarer Lebemann eingeführt – leichte Beute für die verführerische, ihren ermordeten Bräutigam rächende „schwarze Braut“, Paraderolle für Jeanne Moreau, die Bliss später vom Balkon seines Hochhausappartements in den Tod stürzen wird.

Die Tonbandszene entlarvt Bliss als versierten Erotiker: Obwohl nichts zu hören ist, bringt die Vorstellungskraft das Testosteron in Wallung, denn Textiles aus Nylon ist nun mal eng mit Sex-Appeal assoziiert, in den Swinging Sixties erst recht. Und einen ganz besonderen Reiz haben nun mal Nylonstrümpfe – ein hauchzartes Nichts, durchsichtig dazu, die Beine umschmeichelnd wie eine zweite Haut: „Eine Frau mutiert zur Nymphe, hüllt sie die Bein’ in Nylonstrümpfe“, könnte Dichtermund reimen.

Ihre Vorläufer, Strümpfe aus Wolle und Baumwolle, fand hingegen niemand sonderlich aufreizend. Seidenstrümpfe schon eher, doch aufgrund des hohen Preises taugten sie sich nicht zur Massenware, zumal sie alsbald ihre Form einbüßten und zu Laufmaschen neigten, d. h. rasch durch ein neues Paar abgelöst werden mussten. Erotik hin oder her, Frauenträume im späten 19. Jahrhundert galten vor allem aus praktischen Gründen einer ebenso strapazier- wie bezahlbaren Textilfaser. Und die Chemie nahm den Faden auf: Die Idee der Kunstseide war geboren.

Mit Kunstseide fing alles an
Mit einer halbsynthetischen Faser, die aus dem Holzbestandteil Zellulose gewonnen wurde und als Viskose Karriere machte, setzte schon während des Fin de siècle erst in Frankreich, dann in England das Kunstseidenzeitalter ein. Louis Bernigaud de Chardonnet (1839-1924), ein Schüler Pasteurs, hatte Studien an Seidenraupen betrieben und beobachtet, dass die Tiere Zellulose in Form von Maulbeerblättern aufnahmen und in Form eines Seidenfadens wieder abgaben. 1891 gelang es ihm, diesen Vorgang im Labor nachzuahmen. Im darauffolgenden Jahr entdeckten die beiden Engländer Charles Frederick Cross (1855-1935) und Edward John Bevan (1856-1921) den Weg, eine dickere, geschmeidigere Faser herzustellen, die sie Viskose nannten. 1910 errichtete die englische Textilfirma Courtaulds Ltd. in Chester/Pennsylvania Amerikas erste Viskosefabrik, die „American Viscose Company“. Das US-Unternehmen DuPont de Nemours mit Hauptsitz in Wilmington/Delaware versuchte 1916, das Werk zu kaufen, doch wollte sich Courtaulds nicht davon trennen. So kam es 1920 zu einem Joint Venture zwischen DuPont und dem Pariser „Comptoir des Textiles Artificiels“, aus dem die DuPont Fibersilk Company hervorging. Im Mai 1921 produzierte die Firma im Werk Buffalo/New York ihr erstes Garn. Drei Jahre später wurde die Viskosefaser in „Rayon“ umbenannt, eine Wortschöpfung aus englisch „ray“, zu Deutsch: Schimmer, Glanz, und „-on“ (von „cotton“, Baumwolle). Entsprechend firmierte die DuPont Fibersilk Company ab März 1925 als DuPont Rayon Company.

Ausgerechnet aufgrund seines Glanzes kam Rayon bei Verbrauchern wie bei Textildesignern allerdings bald aus der Mode. Ein Ersatz musste her, eine neue Kunstfaser mit kommerziell besser verwertbaren Eigenschaften. DuPont setzte große Hoffnungen in das hauseigene Polymerforschungsprogramm unter der Leitung von Wallace Hume Carothers (1896-1937). Die Firmenchefs hatten den promovierten Chemiker im Februar 1928 von der renommierten Harvard University (Cambridge/Massachusetts) losgeeist, an die er im Alter von nur 30 Jahren als Dozent für organische Chemie berufen worden war. Der introvertierte Carothers sagte dem Vorlesungssaal nur zu gern Ade, gleichwohl benötigte DuPont zwei Anläufe, bis es geschafft war, den Hoffnungsträger an sich zu binden. Carothers ließ sich vor seiner Zusage zusichern, in der „Experimental Station“ des Unternehmens nicht unter kommerziellem Erfolgsdruck zu stehen. Schwer vorstellbar, dass dieses Versprechen Bestand hatte, nachdem es darum ging, einen Rayonersatz zu finden, von dem DuPont sich ein Riesengeschäft versprach. Jedenfalls dauerte es bis 1934, bis Carothers und sein Team vermelden konnten, ein Polyamid als vollsynthetische Chemiefaser entwickelt zu haben, und bis zur Marktreife sollten noch vier weitere Jahre ins Land gehen.

Kleine Lektion in Chemie
Bei Polyamiden handelt es sich um Amine, organische Substanzen aus Säuren und Ammoniakderivaten, die infolge Polymerisation lange, stabile Kohlenstoffketten bilden. Sie weisen hohe Schmelzpunkte auf, die eine Weiterverarbeitung erschweren. Carothers Bestreben war es daher, eine Superpolyamidfaser zu entwickeln, deren Schmelzpunkt niedrig genug für das Verspinnen in großen Mengen, aber auch robust genug für den textilen Gebrauch ist, nicht zuletzt chemischer Reinigung standhält. Ein Vorhaben, das zuerst Donald Coffman, einer von Carothers’ Assistenten, im Mai 1934 erfolgreich in die Tat umsetzte. Die Rezeptur der neuen Substanz war allerdings derart kostspielig, dass die Suche nach einem erschwinglichen Rayonersatz fortgesetzt werden musste. Ende Juli 1934 synthetisierte Wesley Peterson ein Polyamid, das wegen der fünf Kohlenstoffe in seinem Ammoniakanteil und der zehn Kohlenstoffe in seinem Säureanteil „Polymer 5-10“ genannt wurde. Carothers wähnte sich am Ziel, doch die DuPont-Chefs zogen nicht mit, weil sich auf der Zutatenliste u. a. Rizinusöl befand. Bis dato war das Öl des tropischen Rizinussamens ein Billigprodukt, in Gebrauch lediglich als übelschmeckendes Abführmittel. Die Verwendung für die Polyamidproduktion, so die Befürchtung der DuPont-Strategen, würde die Nachfrage nach Rizinus und damit auch den Marktpreis derart in die Höhe treiben, dass das Geschäft mit der neuen Kunstfaser schon bald unrentabel werden dürfte. Die Gewinnerwartung war hoch, also mussten die Produktionskosten niedrig gehalten werden, angefangen bei den chemischen Ingredienzien. Carothers’ Team wurde folglich wieder zurück ins Labor geschickt. Nach weiteren Monaten systematischen Experimentierens stellte schließlich Gérard Berchet, rekrutiert von der Universität Colorado, aus Hexamethylendiamin und Adipinsäure am 28. Februar 1935 das „Polymer 6-6“ her (jede der beiden Ausgangsverbindungen weist sechs Kohlenstoffatome auf). Qualitativ war es dem „Polymer 5-10“ zwar nicht ebenbürtig und musste überarbeitet werden, befand Carothers. Trotzdem wurde es favorisiert – spätestens nachdem Ammoniakspezialisten im DuPont-Werk Belle/West Virginia ein Verfahren entwickelt hatten, große Mengen des seltenen Hexamethylendiamins aus der gängigen Adipinsäure zu gewinnen.

In der Folgezeit wurden über 200 technische Experten hinzugezogen, um die „Faser 66“, wie sie vorerst genannt wurde, zu optimieren. Zunächst einmal musste sie aus absolut reinen Zutaten hergestellt und bei präzise kontrollierter Temperatur geschmolzen werden, um Abscheidungen zu vermeiden. Daran schloss sich das sogenannte Schmelzspinnverfahren an: Die heiße Polyamidschmelze wird gefiltert und in eine Spinndüse gepumpt. Der entstehende Faden wird „verstreckt“, kühlt dabei in Sekundenbruchteilen ab und wird reißfest. Dann wird er gleichmäßig aufgewickelt, appretiert, d. h. mit einem Material beschichtet, das ihn vor mechanischen Beanspruchungen während der Textilproduktion schützt, und schließlich gefärbt. Damals stellte jeder dieser Produktionsschritte die Ingenieure vor neue Probleme – und vertiefte ihre Bekanntschaft mit der, wie sie es ausdrückten, launischen Faser. Ließ sie sich anfangs nur zehn Minuten am Stück spinnen, brachte man es 1937 schon auf 82 Stunden. Nachdem schließlich die erste Charge in der „Experimental Station“ selbst produziert worden war und man die „Faser 66“ in „Nylon“ umgetauft hatte, baute DuPont für 8,5 Millionen US-Dollar in Seaford/Delaware eigens eine Nylonfabrik. Diese nahm am 12. Dezember 1939 den Betrieb auf, als der Zweite Weltkrieg die Seidenlieferungen aus Japan einzuschränken begann und schließlich ganz abbrechen ließ.

Erst Borsten, dann Beinlinge
Marktpremiere hatte das neue Superpolyamid 1938 mit einem recht unspektakulären Produkt: Die Zahnbürste von Dr. West war mit Borsten aus Nylon versehen (späterer Handelsname: Tynex), welche die bis dahin verwendeten Wildschweinborsten verdrängten. Die Werbetrommel wurde primär aber für einen anderen Konsumartikel geschlagen, der größere Begehrlichkeiten weckte – die eingangs erwähnten Nylonstrümpfe. Das Premarketing zur New Yorker Weltausstellung nutzte DuPonts Vizepräsident Charles Milton Stine (1882-1954) für Publicity in eigener Sache: Er kündigte die „Nylons“, wie die transparenten Strümpfe bald überall genannt wurden, als „unverwüstliche“ Beinkleidung an, aus Fäden „stark wie Stahl, aber elastischer als jede Naturfaser“. Die Werbung verschwieg, dass auch Nylonstrümpfe nicht immun gegen Laufmaschen (engl. „run“) sind – der Grund übrigens, warum der ursprünglich erwogene Markenname „Norun“ keine Chance hatte (siehe „Wie Nylon zu seinem Namen kam“). Zur Eröffnung der Weltausstellung am 30. April 1939 auf Long Island war Nylon bereits in aller Munde und machte als „EXPO“-Highlight weiter Schlagzeilen: Mannequins führten Nylonstrümpfe von DuPont zum ersten Mal der breiten Öffentlichkeit vor, und als „Prinzessin Kunststoff“ präsentierte sich ein Model, das von Kopf bis Fuß Kleidungsstücke aus Kunstfasern von DuPont trug. Für Furore sorgte außerdem der in einem Nylonstrumpf steckende 10,5 Meter hohe Abguss eines Beins der Schauspielerin Marie Wilson (1916-1972).

Bevor die Nylonstrümpfe in den Handel gelangten, versäumte DuPont nicht, die Nachfrage auszuloten. Testverkäufe fanden zunächst bei den eigenen Arbeiterinnen in Seaford statt, die sich Seidenstrümpfe nie hatten leisten können und nun tatsächlich ganz erpicht auf die erschwinglicheren Nylons waren. Erstmals öffentlich verkauft wurden die Strümpfe dann im Kaufhaus Braunstein am Firmenstammsitz Wilmington. Jede Kundin durfte maximal drei Paar kaufen – und bekam sie obendrein nur, wenn sie eine örtliche Anschrift besaß. Auswärtige waren somit genötigt, in Wilmington zu übernachten, um an die begehrte Adresse und an die noch begehrteren Nylons zu kommen. Sämtliche Hotels innerhalb der Stadtgrenzen waren daraufhin ausgebucht – und die Regale mit dem gesamten Ausstoß der Experimental Station binnen kürzester Zeit leergekauft. Auf die gelungene Generalprobe folgte die phänomenale Premiere: Den 15. Mai 1940 rief DuPont zum „Nylon Day“ aus und brachte den „Strumpf aus Kohle, Wasser und Luft“ (Anzeigentext) auf den Markt. Das Startkontingent von fünf Millionen Paar, geliefert nach New York und Philadelphia, war schon nach wenigen Stunden ausverkauft, trotz strenger Limitierung auf nur ein Paar je Kunde. Damit setzte ein beispielloser Siegeszug ein: Nylon veränderte die Konsumgewohnheiten weltweit; Damenstrümpfe wurden zum Massenprodukt und bescherten DuPont in nur sieben Monaten drei Millionen Dollar Gewinn.

Dem wirtschaftlichen Erfolg tat kein Abbruch, als 1942 mit Kriegseintritt der USA Nylon nur noch für militärische Zwecke hergestellt werden durfte. Aus der Polyamidfaser entstanden nun u. a. Fallschirme (für ein Exemplar wurde so viel Nylon benötigt wie für 2300 Paar Strümpfe), Fliegeranzüge, Moskitonetze und Hängematten. Ein Kriegskorrespondent meldete begeistert: „In einer einzigen Nacht hatten Termiten eine Hängematte aus Naturfasern zerfressen. Der schlafende Soldat fiel in den Dreck. Auf Hängematten aus Nylon hatten Termiten keinen Appetit.“ Auch Nylonstrümpfe wurden noch produziert, allerdings in kleinster Auflage – als Bestechungsmittel der CIA für europäische Informanten ...

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs nahm DuPont die zivile Nylonproduktion wieder auf. 1950 waren fünf der zehn Produktionsabteilungen von DuPont an der Fertigung von Kunstfasern oder den für ihre Herstellung benötigten Chemikalien beteiligt. Darüber hinaus beanspruchte der erneute Bedarf des Militärs an Nylon und Rayon während des Koreakrieges (1950-1953) die Produktionskapazitäten bei DuPont. Der Gesamtumsatz der Firma hatte 1949 erstmals die Schallmauer von einer Milliarde Dollar durchbrochen, 1951 erreichte er bereits 1,5 Milliarden und 1957 fast zwei Milliarden Dollar. Analog wuchs der Marktanteil künstlicher Textilfasern von weltweit weniger als einem Prozent anno 1950 auf 34 Prozent im Jahr 1967.

Nylon - so beliebt wie eh und je, nur Vielseitiger noch
Heute werden aus Nylon nicht nur Strümpfe gewoben, sondern auch Badeanzüge (Vivana-Nylon), Dessous (Crepeset-Nylon), Taschen und Teppiche. Weniger geläufig ist die Vielseitigkeit der Faser auf nichttextilem Terrain: Nylon eignet sich als reißfestes Material für Angelschnüre, Fischernetze, Schiffstaue oder die Bespannung von Tennisschlägern und sogar als Naht- und Implantatmaterial in der Chirurgie. Zudem existiert neben der Nylonfaser das Nylonharz Zytel, ein ebenso leichtes wie widerstandsfähiges Standardmaterial für Werkzeuge und Maschinen.

Die Erfolgsstory, die DuPont mit Nylon geschrieben hat, verlief allerdings nicht ganz so zielstrebig oder geradlinig, wie dieser kleine historische Abriss den Anschein erwecken könnte. Wohin genau die Reise ging, war jedenfalls nicht von vornherein klar – Erfolg lässt sich bekanntlich nicht planen. Ein Zufallsprodukt ist Nylon zwar nicht, doch dass DuPont als Polyamid-Pionier die Nase vorn hatte, beruht nicht allein auf weitblickenden unternehmerischen Weichenstellungen, auch ein Quäntchen Glück war im Spiel. Doch der Reihe nach:

Bis Ende des Ersten Weltkriegs hatte DuPont sich vor allem als Sprengstoffproduzent hervorgetan. Das öffentliche Ansehen war dadurch angeschlagen, das Unternehmen als „Händler des Todes“ verschrien. Die Firmenchefs waren bestrebt, das Negativimage abzustreifen, und begannen deshalb, die Produktion verstärkt auf Konsumgüter umzustellen. Dabei wollte man sich allerdings nicht komplett häuten, sondern neue, „unschuldige“ Produktideen eben aus jenem Know-how schöpfen, das man sich bei der Herstellung von Explosivstoffen angeeignet hatte. Die Erforschung deren chemischer Verwandtschaften sollte die DuPont-Produktfamilie gleichsam organisch erweitern, lautete die Losung, für die maßgeblich der schon erwähnte Stine als Leiter der Abteilung Chemie verantwortlich zeichnete. Eine Vision, die Früchte trug: Auf Sprengstoffe folgten Farbstoffe, am Ende des Weges standen Strumpfwaren – vordergründig völlig verschiedenartige Produkte, die chemisch aber in wesentlichen Aspekten übereinstimmten. Der Kundschaft blieb die chemische Verwandtschaft natürlich undurchsichtig, und so waren die neuen Nylons, flankiert von Werbekampagnen, genau die richtige Arznei zur Gesundung des Unternehmensimages: Was könnte in stärkerem Kontrast zu Munitionslieferungen an Soldaten stehen als der Verkauf hauchzarter Strümpfe an Frauen?

Deutsche Parallelentwicklung
Zuvor, 1938, hatte DuPont eine kleine Schrecksekunde zu überstehen gehabt, als eine Unternehmensdelegation nach Deutschland reiste, um der I.G. Farbenindustrie AG eine Lizenz auf Nylon anzubieten – und mit einer deutschen Parallelentwicklung konfrontiert wurde. Paul Schlack (1897-1987), Chemiker im I.G.-Werk AcetA in Berlin-Lichtenberg, hatte unabhängig von Carothers über Polyamide gearbeitet und im Januar 1938 ebenfalls ein Superpolyamid gefunden. Schlack bediente sich nur eines einzigen Ausgangsstoffs, in dem sowohl die Amin- als auch die Säurekomponente vorhanden waren: e-Caprolactam, das „innere“ Amid der e-Amino-capronsäure. Ein schneeweißes Pulver, optisch Kristallzucker ähnelnd, das Schlack zur Polymerisation brachte, indem er es in einem dickwandigen Glasrohr einschmolz und darin über Nacht im 240 Grad Celsius heißen Ofen ließ. Dabei öffneten sich die Molekülringe und lagerten sich zu hochmolekularen Ketten aneinander. Weil die Aminocapronsäure 6 Kohlenstoffatome besitzt, nannte man die nur aus einer Komponente bestehende Kunstfaser „Polymer 6“, das wie Nylon („Polymer 6-6“) im Schmelzspinnverfahren verarbeitet wird. Das deutsche Polyamid wies technische Eigenschaften auf, die denen des Nylons stark ähnelten. Der Faden war hochelastisch und erheblich reißfester als Naturseide. Die Priorität der amerikanischen Erfindung stand allerdings außer Frage; die I.G. erhielt im Mai 1939 den Nylon-Lizenzvertrag. „Polymer 6“ wurde in Hitlerdeutschland zunächst nur militärisch genutzt. Während des Zweiten Weltkriegs wurden im I.G.-Werk Landsberg an der Warthe Fallschirme daraus gesponnen. In der Nachkriegszeit wurde es dann unter dem Handelsnamen Perlon zum Synonym fürs bundesdeutsche Wirtschaftswunder.

Nylon, Neopren, Nagasaki
Das düsterste Kapitel der Nylon-Story ist wohl das Schicksal des Nylonerfinders: Wallace Hume Carothers hat weder erfahren, welchen Namen seine Faser schließlich bekam, noch hat er ihren Siegeszug miterlebt. Der chronisch depressive Wissenschaftler nahm sich am 29. April 1937, zwei Tage nach seinem 41. Geburtstag, in einem Hotelzimmer in Philadelphia das Leben. Der geniale Kopf, der für DuPont außer Nylon auch Neopren, also synthetischen Kautschuk, erfand, hatte schon während seines Einstellungsgesprächs vor „einer immer wiederkehrenden neurotischen Beeinträchtigung meiner Leistungsfähigkeit“ gewarnt. Seinem Mitarbeiter Julian Hill hatte er Jahre vor seinem Selbstmord eine Kapsel mit Zyankali gezeigt, die er an der Uhrkette befestigt mit sich herumtrug. Carothers’ melancholisch-morbide Ausstrahlung konnte niemandem verborgen bleiben, doch an Selbstmordneigungen wollte niemand ernstlich glauben, schließlich befand er sich auf der Höhe seines Schaffens und seines persönlichen Ruhms. Am 30. April 1936, fast auf den Tag genau ein Jahr vor seinem Freitod, war Carothers in die angesehene Nationale Akademie der Wissenschaften berufen worden; keinem für die Industrie forschenden Wissenschaftler war diese Ehre jemals vorher zuteilgeworden. Sich im Erfolg zu sonnen entsprach jedoch nicht Carothers’ Naturell, zumal er im Zenit schon die Dämmerung anbrechen sah: Synthetischer Kautschuk und Kunstseide seien genug für ein Menschenleben, soll er einem Freund anvertraut haben. Kolportiert wird auch, ihn habe die Furcht geplagt, niemals wieder einen guten Einfall zu haben. Was Carothers erspart blieb, war das Erlebnis des Zweiten Weltkriegs, insbesondere die Atombombenabwürfe der US-Luftwaffe auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945, in die sein Arbeitgeber verstrickt war: DuPont hatte sich ab 1942 in Geheimlaboren am Manhattan-Projekt der US-Regierung zur Erzeugung waffenfähigen Plutoniums beteiligt, woraus das Buch zur Firmengeschichte des Nylon-Giganten übrigens keinen Hehl macht (Adrian Kinnane, „Du Pont: Von den Ufern des Brandywine zu ‚Miracles of Science‘. Bad Homburg: Du Pont de Nemours (Deutschland)/Westerngrund: Büttner Offsetdruck 2002, 60 S.).

Wie Nylon zu seinem Namen kann
Carothers nannte sein Superpolyamid „Faser 66“. Die Unternehmensleitung fand die Bezeichnung nicht werbewirksam genug und berief ein Namenskomitee ein, das es auf fast 400 Vorschläge brachte. Keine Mehrheit fand „Duparooh“, eingebracht von Ernest Knight Gladding (1888-1958), dem Leiter der Abteilung Rayon. Das Akronym wurde als schlichter Scherz aufgefasst, denn es stand für „DuPont Pulls A Rabbit Out Of the Hat“ („DuPont zieht ein Kaninchen aus dem Hut“). Zu wenige Fürsprecher hatten auch „Wacara“ zu Ehren von Wallace Carothers oder „Delawear“, ein Amalgam aus „to wear“ und Delaware, dem Bundesstaat, in dem DuPont die Polyamidfaser produzierte. Ebenso abgelehnt wurden „Dusilk“, „Rayamide“ und „Silkex“. Gladding schlug daraufhin „Norun“ vor. Das klang gut und bedeutete „keine Laufmaschen“, was allerdings nicht der Wahrheit entsprach – der Name wurde wieder verworfen. „Norun“ wurde kurzerhand zu „Nuron“, denn „nu“ klingt wie „new“. Allerdings drohte die Verwechslung mit einem Nerventonikum („Neuron“). Gladding ersetzte das „r“ durch ein „l“ und das „u“ erst durch ein „i“, dann durch ein „y“ – das Kunstwort „Nylon“ war geboren. Eine im Grunde sinnfreie Komposition fürs Ohr, der nachträglich Bedeutungen untergeschoben wurden, die der Wortfindung angeblich schon vorauslagen. Eine Lesart lautet, „Nylon“ sei hergeleitet aus „New York“ und „London“, weil zwei Chemiker sich das Wort auf einem Interkontinentalflug von der einen Metropole in die andere ausgedacht hätten. Alternativ wird behauptet, DuPont habe die Bezeichnung „Nylon“ gewählt, um die japanische Industrie zu provozieren, der durch die neue Kunstfaser Einbußen beim Seidenexport ins Haus standen – hinter „Nylon“ verbirgt sich demnach „Now You’ve Lost, Old Nippon“ ...

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