Thema des Monats Mai 2016

Recycling heißt das Gebot der Stunde

Quelle: istock / yaruta

Technologisch ist Kunststoffrecycling heute überhaupt kein Problem mehr. Inhouse-Recycling hat sich quer durch alle Branchen längst etabliert. Die abfallfreie Fabrik ist bei Kunststoffverarbeitern, die mit sortenreinen Rohstoffen arbeiten, eine Selbstverständlichkeit geworden. Auch für Post-Consumer-Abfälle gibt es immer ausgereiftere Verwertungskonzepte, wodurch die damit hergestellten Regranulate problemlos anstelle von Neuware eingesetzt werden können. Gerade in den letzten Jahren steigt insbesondere die Nachfrage nach Recompounds, eingefärbten und/oder verstärkten Granulaten, die aus 100 Prozent Reststoffen hergestellt wurden, enorm an. Trotzdem gilt es für die Branche noch so manche Hürde zu nehmen und manche Frage zu beantworten. Dabei stellen Wirtschaftlichkeit, optimierte Sammelkonzepte, politische Vorgaben, Verbraucherinteressen und -information sowie recyclinggerechtes Design von Kunststoffprodukten nur einige Kernthemen dar.

Rund 125.000 Tonnen PVC-Abfälle, unter anderem Fensterprofile, werden pro Jahr in Europa stofflich wiederverwertet. Aus den Regeneraten lassen sich problemlos wieder Produkte für die Baubranche wie Profile und Rohre herstellen. Foto: Rewindo

In der europäischen Kunststoffbranche arbeiteten laut dem Erzeugerverband Plastics Europe im Jahr 2014 1,45 Millionen Menschen in insgesamt 62.000 vorwiegend kleinen und mittelständischen Unternehmen, die einen Gesamtumsatz von 350 Milliarden Euro erwirtschafteten. Der Kunststoffverbrauch lag in der gesamten europäischen Branche bei 47,8 Millionen Tonnen, wovon mit 25,8 Millionen Tonnen mengenmäßig rund die Hälfte nach Benutzung auch wieder gesammelt wurde. Die Sammelquoten sind in den von Plastics Europe betrachteten 28 EU-Staaten plus Norwegen und der Schweiz weiterhin sehr unterschiedlich.

Zwar wurde in den neun Ländern Belgien, Dänemark, Deutschland, Luxemburg, Niederlande, Norwegen, Österreich, Schweden und der Schweiz mittlerweile ein Deponie-Verbot für Kunststoffreststoffe ausgesprochen, aber in anderen Ländern liegen die deponierten Anteile mit bis zu 70 Prozent der gesammelten Reststoffe noch immer sehr hoch. Die Länder mit den höchsten Deponie-Anteilen sind Bulgarien, Griechenland, Kroatien, Malta und Zypern. Verglichen wird der Anteil der Kunststoffreste, die deponiert werden, mit den Reststoffen, die einer werkstofflichen oder thermischen Verwertung zur Energierückgewinnung zugeführt werden. In Summe werden von den gesammelten Reststoffen in Europa mittlerweile rund zwei Drittel einer Verwertung zugeführt, während 30,8 Prozent deponiert werden. Von den Kunststoffresten, die verwertet werden, wird mit 7,7 Millionen Tonnen wiederum die Hälfte werkstofflich recycelt und der Rest thermisch verwertet.

Ziel muss es ein, die Menge der deponierten Kunststoffe in den kommenden Jahren deutlich zu reduzieren und mehr zu verwerten. Plastics Europe vergleicht die Menge der rund 8 Millionen Tonnen Kunststoffe, die europaweit derzeit noch deponiert werden, mit einem Volumen von 800 Eiffeltürmen. Experten fordern deshalb deutlichere politische Vorgaben in allen europäischen Ländern, eine bessere Aufklärung der Verbraucher zu einem nachhaltigen Umgang mit der Ressource Kunststoff und die Einführung optimierter, flächendeckender Sammel- und Sortiersysteme.

Hauptfraktionen sind Polyolefine

Polyolefine sind mit rund 9,5 Millionen Tonnen PP, 8 Millionen Tonnen PE-LD und PE-LLD sowie 6 Millionen Tonnen PE-HD und PE-MD mengenmäßig die am häufigsten verwendeten Kunststoffe in Europa, machen sie doch zusammen etwa die Hälfte des Gesamtverbrauches aus. Allein aufgrund der Menge und der vielen Anwendungsgebiete stellen die Polyolefine auch in den Recyclingströmen den Löwenanteil. Handelt es sich um sortenreine Reststoffe, so lassen sich diese hervorragend aufbereiten und dementsprechend gibt es zahlreiche Verwertungsbetriebe, die sich mit Polyolefin-Recycling beschäftigen. Sogar mancher Kunststoffverarbeiter geht heute einen Schritt weiter und betreibt neben dem Inhouse-Recycling und der direkten Rückführung seiner Produktionsabfälle eine eigene Regranulieranlage, um seine Abfälle zu Granulaten aufzubereiten. So auch die Polifilm Extrusion GmbH in Weißandt-Gölzau, die pro Jahr 25.000 Tonnen Regranulate hergestellt, um mit diesen Müllsäcke, Bau- und Landwirtschaftsfolien wirtschaftlicher zu produzieren.

Die Trenntechnik Ulm GmbH hat in Memmingen eine maßgeschneiderte Anlage zur chemischen Trennung von PA/PE-Verbundfolien aufgebaut. Mit diesem Verfahren und einem geeigneten Lösungsmittel könnten zukünftig auch andere Rohstoffe zurückgewonnen werden. Foto: Trenntechnik Ulm

Schwieriger ist es, wenn PE und PP-Gemische vorliegen, die sich aufgrund ihrer sehr ähnlichen Dichte schlecht voneinander trennen lassen, hier sind NIR-Trennverfahren heute Stand der Technik. PE und PP lassen sich aber auch gemeinsam zu hochwertigen Produkten wieder aufbereiten, wie die mtm plastics GmbH in Niedergebra mit ihren PE/PP-Regranulaten beweist. Auf die Aufbereitung der reinen PP-Fraktion hat sich die DSD Resource GmbH in Köln spezialisiert. „Wir setzen auf eine definierte reproduzierbare Ausgangsmischung, um definierte, reproduzierbare Regranulate in attraktiven Farben zu erzeugen“, erklärt der Geschäftsführer Dr. Michael Heyde.

PET-Recycling etabliert, aber erweiterbar

Knapp 7 Prozent des gesamten Kunststoffverbrauchs oder rund 3,1 Millionen Tonnen PET wird in Europa pro Jahr verbraucht, der Löwenanteil für die Herstellung von Flaschen. Insgesamt erreichen die 30 Länder in Europa eine durchschnittliche Sammelquote bei PET von 57 Prozent. So wurden im Jahr 2014 1,75 Millionen Tonnen Post-Consumer-PET-Abfälle gesammelt. Auch hier variieren die Sammelquoten sehr stark. Während Deutschland, Italien und die Schweiz rund die Hälfte des Gesamtvolumens sammeln, erreichen manche Länder nur eine Sammelquote von 10 bis 20 Prozent. Insgesamt freut sich die PET-Branche über steigende Sammelquoten, die gemäß PCI PET Packaging, Resins & Recycling Ltd. bis 2019 weiter um 3 bis 5 Prozent pro Jahr steigen sollen.

Für viele Produkte, wie beispielsweise Müllbeutel, ist es heute schon zur Selbstverständlichkeit geworden, Rezyklate einzusetzen und damit sowohl ökonomisch als auch ökologisch sinnvoll zu agieren. Foto: Polifilm

Allerdings werden bisher fast ausschließlich Flaschen gesammelt, die in der Regel in eigenen Sammelsystemen erfasst werden. Obwohl es von Anfang an das Ziel war, die gesammelten Flaschen-Flakes in die Flaschenherstellung zurückzuführen, hat die Industrie Abnehmer in anderen Bereichen gesucht und gefunden. Insbesondere für Folienhersteller sind Post-Consumer-Flaschenflakes immer interessanter geworden, so dass sie 2014 mit 34 Prozent den größten Anteil der gesammelten Reststoffe in ihrem Industriezweig nutzten. Knapp 30 Prozent der Flakes wurden in Blasformanwendungen genutzt, 26 Prozent in der Faserindustrie und der Rest für Verpackungsbänder und andere Produkte.

„Regranulate, die in Spritzgießanwendungen zur Herstellung neuer Flaschen für den Food- oder Nonfood-Kontakt nötig sind, werden derzeit weniger erzeugt, da die Preise für Virgin-Materialien stark gefallen sind“, erklärt Elfriede Hell, Leiterin der Sparte Recycling Technology beim österreichischen Anlagenhersteller Starlinger. Im Gegensatz zu den gebrauchten Flaschen landen Schalen und Folien nach Benutzung meist in der thermischen Verwertung oder gar auf Deponien. „Hier tut sich in der jüngsten Vergangenheit etwas. Wir haben einige Kunden, die sich speziell für Recyclingprojekte für Trays und Folien interessieren“, betont Elfriede Hell, die der Überzeugung ist, dass Verpackungen aus PET auch in Zukunft stark nachgefragt sind, da sie mit ihrer glänzenden und stylishen Optik die Bedürfnisse von Konsumenten und Marketing bestens erfüllen. Zum ersten Mal hat sich mit der deutschen Werner & Mertz GmbH ein Unternehmen mit dem Recycling von nicht bepfandeten PET-Flaschen und -Folien aus dem Gelben Sack beschäftigt. Im Rahmen seiner Recycling-Initiative hat das Unternehmen aus den PET-Reststoffen Regranulate für den Einsatz in Detergentien-Flaschen hergestellt. Allerdings konnte auch hier nur ein kleiner Anteil der Folien mitverarbeitet werden.

PVC-Recycling erreicht hohe Verwertungsquoten

Gerade das Recycling von PVC, einem Werkstoff, der aufgrund seiner hervorragenden mechanischen Eigenschaften mit über 70 Prozent insbesondere in der Baubranche, aber auch im Verpackungs-, Möbel- und Medizinsegment nicht wegzudenken ist, hat sich in den vergangenen Jahren sehr positiv entwickelt. Laut einer von Plastics Europe beauftragten, sogenannten „Consultic-Studie“ lag der Bedarf für PVC im Jahr 2014 in Europa bei 4,9 Millionen Tonnen und ist damit nach PP und PE der am dritthäufigsten eingesetzte Kunststoff überhaupt. Mit 1,56 Millionen Tonnen wird rund ein Drittel des Gesamtbedarfs in Deutschland verarbeitet. Da PVC häufig in sehr langlebigen Produkten wie Fenstern, Rohren und Bodenbelägen zum Einsatz kommt, stehen pro Jahr „nur“ 650.000 Tonnen für eine Wiederverwertung zur Verfügung, wovon etwa 520.000 Tonnen aus Post-Consumer-Anwendungen kommen und 130.000 Tonnen Industrieabfälle sind. Die Verwertungsquote liegt für PVC-Abfälle bei 99 Prozent, nur 1 Prozent wird beseitigt. Von den 99 Prozent, die verwertet werden, werden wiederum 62 Prozent, also 396.000 Tonnen energetisch verwertet und der Rest wird werkstofflich rezykliert. Die durch werkstoffliches Recycling hergestellten PVC-Rezyklate finden insbesondere Einsatz im Bereich von Bau-Anwendungen, zum Beispiel wieder für Profile und Rohre, aber auch in Garten und Landwirtschaft. „Unsere Branche beschäftigt sich bereits seit über 25 Jahren mit dem Recycling von PVC, deshalb verfügen wir heute über ein sehr gut ausgebildetes Netzwerk“, so Thomas Hülsmann, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft PVC und Umwelt e.V., Bonn. Unter www.pvcrecylingfinder.de sind viele PVC aufbereitende Unternehmen aufgeführt. Wie wichtig der Branche das Recycling ist, drückt die europäische Selbstverpflichtung aus, die von den wichtigsten Kunststoffverbänden unterstützt wird. In der jüngsten Selbstverpflichtung „VinylPlus“ verpflichten sich die Unternehmen der Branche bis 2020 sogar 800.000 Tonnen Abfälle rohstofflich und werkstofflich zu verwerten. Damit sei die Branche zukunftsweisend und nachhaltig aufgestellt, so Hülsmann.

Verbundstoffe sind für das Recycling oft verloren

Während sich Post-Consumer-Produkte aus reinen Polymeren sehr gut aufbereiten lassen, sieht dies bei Verbundprodukten, die aus zwei oder sogar mehr Rohstoffen bestehen, ganz anders aus. Für ein werkstoffliches Recycling sind diese Abfälle meist verloren.

Der Spritzgussartikelhersteller Gies GmbH & Co. Kunststoffwerk KG aus Niederaula stellt farbige Einkaufskörbchen zu 100 Prozent aus PP-Regranulaten der DSD Resource GmbH aus Köln her. Die Regranulate sind gut reproduzierbar und einzufärben. Foto: DSD

Deshalb fordert Dr. Michael Scriba, mtm-plastics-Geschäftsführer und Mitglied bei Plastics Recyclers Europe (PRE) und im Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse), von vornherein ein recyclingfreundliches Design für Verpackungen, die einen Großteil der Post-Consumer-Abfälle ausmachen. Mit Hilfe des Programmes RecyClass (www.recyclass.eu) kann jeder Hersteller von Kunststoffverpackungen schnell und einfach überprüfen, ob seine Verpackung recyclingfähig ist. Ganz wichtige Aspekte sind dabei, möglichst auf Füllstoffe wie Kreide in PE- und PP-Verpackungen zu verzichten, Kunststoff-Papier-Verbunde zu vermeiden, nur mäßig zu pigmentieren und darauf zu achten, dass die Dichte von allen Produkten deutlich abseits von 1 g/cm3 liegt, damit eine Dichte-Trennung möglich ist. In der Branche gibt es gleichzeitig Bestrebungen, Verwertungskonzepte für gemischte Abfälle zu entwickeln. Einen sehr interessanten Ansatz verfolgt dabei die Trenntechnik Ulm GmbH, die ein chemisches Trennverfahren für PE/PA-Verbundfolien entwickelt und eine beispiellose Produktionsanlage mit einer Kapazität von 10 Tonnen/Tag aufgebaut hat. Endprodukte des Trennverfahrens sind ein mit Neuware vergleichbares Polyamid sowie ein Polyethylen, welches direkt mit Ruß eingefärbt wird, also ein Carbon-Black-Masterbatch in einer besonders reinen Form. Wie Geschäftsführer Wolfgang Zacherle betont, gäbe es für jeden Kunststoffverbund ein geeignetes Löse- und Trennmittel, so dass einer Ausweitung dieses Verfahrens auf weitere Verbundprodukte nichts im Wege stehe.

Was am Ende zu sagen übrig bleibt

Obwohl Recycling heute in aller Munde ist und auch in der Kunststoffbranche in vielen Projekten gelebt wird, konstatieren Experten immer wieder, dass im Vergleich zu anderen Branchen zu wenige Altkunststoffe anstelle von Neuware eingesetzt werden. Europaweit werden 50 Prozent Metallschrott in der Stahlherstellung wieder eingesetzt, gleiches gilt für die Papierbranche: 50 Prozent alte Papiere und Pappen werden in der Herstellung von Papieren und Pappen wieder eingesetzt.

Für die extrusionsblasgeformte Spülmittel-Flasche aus Polyethylen setzt der Hersteller von ökologischen Reinigungsmitteln Ecover Belgium N.V. Kunststoffmüll ein, den Fischer aus dem Meer gesammelt haben. Foto: Ecover

Bei Glas ist es mit 33 Prozent zwar etwas weniger, aber im Vergleich zu den Mengen, die in der Kunststoffbranche wieder eingesetzt werden immer noch sehr viel. Denn in der Kunststoffbranche werden erst rund 4 Prozent aufbereitete Altkunststoffe anstelle von Neuware zur Herstellung von Kunststoff-produkten wieder eingesetzt. Natürlich ist die Kunststoffbranche insgesamt eine junge Branche; Kunststoffe gibt es verbreitet seit den 1950er Jahren, seit den 1990er Jahren gibt es Verwertungskonzepte für Altkunststoffe und in dieser Zeit haben sich sowohl die Sammelsysteme als auch die technischen Möglichkeiten enorm weiterentwickelt. Wie diese neuen technischen Lösungen aussehen, davon kann man sich auf der K 2016, der weltweit führenden Fachmesse für die Kunststoff- und Kautschukindustrie, vom 19. bis 26. Oktober in Düsseldorf überzeugen. Zahlreiche Aussteller präsentieren Maschinen und Anlagen zum Aufbereiten und Recycling, für sortenreine Abfälle ebenso wie für gemischte Abfälle und für Abfälle aus Gummi.

Es ist also davon auszugehen, dass sich die Quoten in den kommenden Jahren weiter erhöhen werden, denn der Einsatz von Rezyklaten ist sowohl aus ökologischen als auch aus ökonomischen Gründen sehr gefragt. „Marine Litter“, die Verschmutzung der Meere mit Abfällen, hat den verantwortungslosen Umgang mit Abfällen vor allem in Schwellenländern weltweit sichtbar gemacht und die Forderungen anderer Konsumenten nach einem nachhaltigen Umgang mit Ressourcen befördert. Musterprojekte wie die „Ocean bottle“ sind dabei nicht nur sehr interessante Beispiele, sondern helfen die Öffentlichkeit, vor allem die Konsumenten für die Thematik zu sensibilisieren. Zur Herstellung dieser Ocean bottle hat die Ecover Belgium N.V. Fischer aus Großbritannien, Frankreich und Belgien angeworben, Flaschen aus den Meeren zu sammeln. Innerhalb eines Jahres kamen so 10 Tonnen Müll zusammen, deren PE-Fraktion nach Aufbereitung zu neuen PE-Spülmittelflaschen verarbeitet wurde.

(Redakteur: Guido Deußing)