Spiegel-Beitrag bringt Polymere zu Unrecht in Misskredit

Wie „Der Spiegel“ berichtet [1], produziert der Offshore-Windpark Alpha Ventus in der Nordsee Strom ohne Betriebsfreigabe. Im Beitrag des deutschen Nachrichtenmagazins wird ein Problem thematisiert, das sämtliche Offshore-Windparks betrifft. Diesen Sachverhalt verschleiert jedoch der Titel des Beitrags: Plastik im Meer. Er führt in die Irre und rückt Polymere in ein falsches Licht.

Rund 45 Kilometer vor der ostfriesischen Insel Borkum produzieren seit vier Jahren zwölf Windmühlen im Alpha Ventus Offshore-Windpark rund 250 Gigawattstunden Strom – hinreichend für eine Stadt mit 70.000 Haushalten. Die Anlage produziert Strom, obgleich das Bundesamt für Schifffahrt und Hydrografie (BSH) keine Betriebsfreigabe erteilt hat. Verwunderlich, wie Autor Matthias Brendel zum Ausdruck bringt, da man doch hierzulande nicht einmal einen Plüschbären ohne hinreichende Prüfung auf den Markt bringen könne. „Nur beim grünen Strom, dieser großen gesellschaftlichen Aufgabe, heißt es: Erst mal machen – und dann sehen wir schon.“ Sinnvoll und richtig?

Laut eines im Spiegel-Beitrag zitierten BSH-Geologen besteht bei Offshore-Anlagen das „Problem der ‚Auskolkung’. (...) Fachleute verstehen darunter das allmähliche Freispülen der Rammpfähle, mit denen die (Windmühlen)türme im Meeresboden verankert sind. Im Windpark Alpha Ventus treten Auskolkungen an diesen mächtigen Stahlrohren bis in drei, vier Meter Tiefe auf (...).“ Viel weiter dürfe diese „Art Parodontose am Nordseegrund nicht fortschreiten“, schreibt Matthias Brendel, andernfalls wäre die Standfestigkeit der 92 Meter hohen Türme gefährdet.

Versuche, die Erosion des Meeresbodens, verursacht durch Gezeiten und Meeresströmung, zu verhindern und zwar durch Aufschüttung von Dämmen aus Steinen rund um die Rotorfundamente, hätten sich als unzureichend und teuer erwiesen. Laut Brendel versucht der Essener Energiekonzern E.on dem Problem des Auskolkens beim Bau seines Windparks Amrumbank West nunmehr anders zu begegnet:

„Statt Steinen legt er in zwei Schichten Sandsäcke aus Geotextilien auf den Meeresboden aus, im Umkreis von 25 Metern. Anschließend werden die Pfähle aus Stahl, sogenannte Monopiles, einfach in der Mitte des Säckehaufens in den Grund gerammt. Auf der Amrumbank West werden 45.000 Säcke aus Propylen-Vlies im Meer deponiert. Ob und wie die rund 180 Tonnen Kunststoff das Ökosystem wieder verlassen werden, ist völlig unklar.“

Ein Antwort auf die Frage wäre allerdings dringend erforderlich, insbesondere angesichts der Tatsache, dass das Ökosystem Meer bekanntermaßen mit Kunststoffen und anderen Rückständen in nicht unerheblichem Maß belastet ist, ebenso angesichts dessen, dass Industrie, Politik und Umweltverbände gemeinsam mit Nachdruck an Maßnahmen arbeiten, die eine Belastung des aquatischen Mediums mit Kunststoffmüll nachhaltig reduzieren helfen sollen. In diesem Kontext erscheint das Vorhaben des Energieriesen E.on fragwürdig.

Allerdings lässt sich der Einsatz polymerer Werkstoffe im vorliegenden Fall durchaus verstehen. Offensichtlich setzen die E.on-Ingenieure auf die besonderen Fähigkeiten und Eigenschaften von Polymeren, die sich bekanntlich im Labor nach individuellen, anwendungsspezifischen Gesichtspunkten gestalten lassen. Ob ihr Vorhaben gelingt, durch den Einsatz von Kunststoffen das Problem in den Griff zu bekommen, lässt sich aus der Distanz nicht sagen. Von daher mag die Kritik am Einsatz des Kunststoffs bei der Errichtung von Windmühlen im Meer berechtigt sein.

Das eigentliche Problem ist aber nicht der Kunststoff. Das Problem ist von struktureller Natur. Wie sich zeigt, scheint das Vorhaben, Strom in Offshore-Parks zu gewinnen, nicht hinreichend tief und in letzter Konsequenz durchdacht. Der Aspekt eines „nachhaltigen Designs“, mit dem sich die Kunststoffbranche, die Automobilindustrie und auch andere Industriezweige konfrontiert sehen, fehlt bei Offshore-Anlagen offenkundig vollends:

„(...) was mit den Windmühlen passiert, wenn sie wie veranschlagt nach 20 bis 25 Jahren ausgedient haben, scheint bislang weder die Energiewirtschaft noch die Politik wirklich zu kümmern.“ Die Windmühlentürme würden zwar entfernen, schreibt Matthias Brendel. Die Rammpfähle jedoch würden dicht unter dem Meeresgrund abgeschnitten und verbleiben dort wie auch die im Boden steckenden 60 Meter langen Träger.

Beim gegenwärtigen Stand der Technik spiele der Recycling-Gedanke laut Spiegel-Autor Brendel eine eher untergeordnete Rolle: „Pro Megawatt Leistung bleiben zwischen 85 und 150 Tonnen hochwertiger Baustahl zurück. Wenn das von der Bundesregierung angepeilte Ausbauziel – 6500 Megawatt bis 2020 – erreicht wird, dürften bis zu eine Millionen Tonnen Stahl im Meeresgrund versenkt worden sein.“

„Welche Folgen dieses gigantische Endlager für die Umwelt hat, dafür hat das BSH keinen Prüfauftrag“, gibt Brendel zu bedenken. Obgleich damit zu rechnen sei, das infolgedessen jede Menge giftiges Material sowie knapper werdende seltene Metalle in das Ökosystem Meer eingetragen würden – mit unabsehbaren Folgen.

Nicht der Kunststoff ist es, der Sorgen bereitet, sondern, dass das Projekt Offshore-Windpark nicht wirklich in hinreichender Breite und Tiefe durchdacht worden ist. Handeln tut Not. Aber, führt Aktivismus zum Ziel?

Mit dem Wissen von heute erweist es sich als sinnvoll, das Potenzial anderer grüner Energiequellen, etwa das von Gezeitenkraftwerken, näher zu untersuchen und zeitgleich einen kreativen Prozess in Gang zu setzen, an dessen Ende in naher Zukunft ökologisch nachhaltigere Lösungen zur Stromgewinnung gefunden und etabliert werden.

Polymere Werkstoffe werden hierbei mit großer Wahrscheinlichkeit einen wichtigen Beitrag leisten. GDeußing

Quelle:
[1] Der Spiegel 43 (2014) 47

Abbildung: istockphoto