15/04/2011

Spritzen-Historie

1628: Der englische Arzt und Anatom William Harvey (1578-1657) stellt die Theorie des Blutkreislaufs auf. Er argumentiert u. a. damit, dass sich nach einem Schlangenbiss rasch eine Wirkung auf den gesamten Organismus einstellt. Ein erster Hinweis darauf, dass sich auf dem Blutweg gezielt auch Arzneimittel im Körper verteilen lassen.

1656: Sir Christopher Wren (1632-1723), britischer Architekt und Astronom an der Universität Oxford, erfindet die intravenöse Injektion. Zunächst wird ein Hautschnitt vorgenommen, danach die abgebundene Vene geritzt. Zur Injektion werden Federkiele oder voluminöse Klistierspritzen verwendet; daran befestigt ist eine Blase mit der zu injizierenden Flüssigkeit. Zu Testzwecken soll Wren Hunden Wein, laut anderen Berichten eine Opiumlösung ins Blut gespritzt haben.

1667: Die Schrift „Clysmatica nova“ von Johann Sigismund Elsholtz (1623-1688), Arzt des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg, erscheint. Darin berichtet der Hofmedicus auch aus seiner therapeutischen Praxis, z. B. über die Ausnutzung eines vorzunehmenden Aderlasses, um daran intravenöse Injektionen anzuschließen. Elsholtz gilt seither als erster Arzt, der Injektionen beim Menschen nicht nur zu experimentellen, sondern auch zu therapeutischen Zwecken durchführte, z. B. um Fieber zu senken.

1668: Die „Dissertatio de chirurgia infusoria“ des Leipziger Arztes Michael Ettmüller (1644-1683) kommt heraus. Seine Gründe für die intravenöse Applikation von Arzneimitteln lauten: Schluckunfähigkeit, Resorptionsstörungen, Vermeidung von Veränderungen der Medikamente im Verdauungstrakt.

1778: Johann Alexander Hemmann (gest. 1779), Berliner Pensionarchirurg bei der preußischen Armee, schreibt in seinen „Medizinisch-chirurgischen Aufsätzen“, „kein Medicus würde es mehr wagen, die intravenöse Injektion anzuwenden, ohne sich vom Pöbel oder Nichtpöbel den Ruf der äußersten Verwegenheit zuzuziehen“. Gründe dafür, dass der therapeutische Einsatz im 18. Jahrhundert stark zurückging und sich weitgehend auf Notfallinjektionen, z. B. nach Vergiftungen, beschränkte, waren weniger die verbreitete Spritzenangst, die den Patienten zugefügten Schmerzen oder das Auftreten von Entzündungen an der Einstichstelle. Im Vordergrund standen vielmehr das Thrombose- und Lungenembolierisiko.

1841: Der französische Orthopäde und Chirurg Charles-Gabriel Pravaz (1791-1853) erfindet die Kolbenspritze aus Glas. Der Kolben wird durch Schraubendrehung vorwärtsgetrieben, sodass sich damit genauestens dosieren lässt. Die Bezeichnung „Pravaz-Spritze“ prägt der Chirurg Louis Jules Félix Behier (1813-1876), der auch ihren Gebrauch vorantreibt. 1853 beginnt die Serienproduktion.

1844: Der irische Arzt Francis Rynd (1801-1861) erfindet die Hohlnadel (Kanüle). Bislang sind massive Nadeln verwendet worden, an denen die Injektionsflüssigkeit entlangläuft.

1853: Der schottische Arzt Alexander Wood (1817-1884) erfindet die Kolbenspritze neu, indem er die Pravaz-Spritze mit der Hohlnadel von Rynd kombiniert. Diese Spritze ermöglicht erstmals eine subkutane Injektion, d. h. die Haut lässt sich ohne vorherigen Schnitt durchdringen. Die Nadeln waren allerdings nach wie vor recht dick, die Einstiche schmerzhaft. Stumpfe Nadeln mussten nachgeschliffen und die Spritzen nach jeder Anwendung gekocht und in Alkohol gelegt werden.

1954: Die erste Glaseinwegspritze der US-Medizintechnikfirma Becton Dickinson (BD) aus Franklin Lakes/New Jersey geht unter dem Namen „Hypak“ in Serie. Entwickelt worden ist sie für die Polio-Massenimpfung in den USA (Schutz vor Kinderlähmung).

1955: Roehr Products aus Waterbury/Connecticut bringen die weltweit erste Einwegspritze aus Plastik, benannt „Monoject“, heraus. Der Stückpreis beträgt zwar nur fünf Cent, trotzdem erscheint der medizinischen Zunft die Wiederverwendung sterilisierter Glasspritzen als kostengünstiger.

1956: Der Apotheker Colin Albert Murdoch aus Neuseeland entwickelt und patentiert die Einwegspritze aus Kunststoff, wie sie bis heute verwendet wird. Sie ersetzt zügig die Glasspritze.

1961: Becton Dickinson bringt mit der „Plastipak“ ebenfalls eine Einwegspritze aus Kunststoff heraus.

1962: Als Ersatz für Stahlkanülen, die in der Vene des Patienten verweilen, werden flexible Dauerkanülen aus Kunststoff, sogenannte Braunülen, eingeführt. Benannt sind sie nach ihrem Erfinder Bernd Braun (1906-1993), einem deutschen Arzt und Chemiker.

1980er-Jahre: Weil Einwegspritzen insbesondere in Entwicklungsländern nach Gebrauch nicht ausgesondert, sondern missbräuchlich wiederverwendet werden, fördert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Entwicklung von Sicherheitsspritzen, besser bekannt als AD-Spritzen („AD“ steht für „auto-disable“). Diese sind so konstruiert, dass sie sich nur einmal aufziehen lassen, also durch Verwendung unbrauchbar werden. UNICEF-Impfaktionen werden heute ausschließlich mit AD-Spritzen durchgeführt.