07/06/2010

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Ukraine: Überangebot verstopft Markt für Kunststoffrohre

Insolvenzen in einheimischer PE-Rohrindustrie / Von Harald Meyer

Das Zerbersten der Immobilien- und Bauspekulationsblase hat die Nachfrage nach Baustoffen in der Ukraine 2009 schwer einbrechen lassen. Kunststoffrohre, vor allem solche aus Polyethylen (PE), bilden hierin keine Ausnahme. Nachdem die jährliche Absatzmenge von PE-Rohren zwischen 2006 und 2008 von 41.400 auf 51.100 t zugenommen hatte, schrumpfte der Markt 2009 um mehr als 50% auf nur noch 25.000 t. Unter den größeren Inlandsherstellern gab es 2009/10 die ersten Zusammenbrüche.

Wegen des Überangebots an Kunststoffrohren ist der Wettbewerb auf dem ukrainischen Markt rauer geworden. Die Preise haben binnen zweier Jahre deutlich nachgegeben und sich im 1. Quartal 2010, gerechnet in US-Dollar, gegenüber dem Vergleichszeitraum 2008 nahezu halbiert.

Mit am empfindlichsten trifft den Markt die bereits seit Mitte 2008 andauernde Bauflaute im Segment der Wochenend- und Ferienhäuser. Auch der Handel mit unbebauten oder bebauten Grundstücken - oft ein Auslöser für Bau- und Erschließungsmaßnahmen - liegt darnieder.

Wegen des Preisverfalls ist es bei den Margen zu einer die Ertragskraft der ukrainischen Kunststoffrohrbranche beeinträchtigenden Erosion gekommen. Hatten die Rentabilitätsraten in den Boomjahren bis 2008 im Durchschnitt 15 bis 20% betragen, so sind die Raten infolge immer neuer Preiszugeständnisse der Anbieter und mangelnder Auslastung der Produktionskapazitäten auf Raten nahe null gesunken.

Folglich sind Hersteller und Importeure verstärkt um Kosteneinsparungen bemüht. Hierbei wird in der Regel zu illegalen oder jedenfalls kommerziell unlauteren Mitteln gegriffen.

So werden zum Beispiel Kunststoffe in Primärformen, die ausschließlich für die Verarbeitung zu Rohren für Wasserleitungen empfohlen werden, zur Herstellung von im Preis teureren Gasleitungsrohren verwendet. Dabei sind gegenüber solchen Wettbewerbern, die sich an die Materialrichtlinien halten, Kostenvorteile in Höhe von 8 bis 12% erzielbar. Der Mangel bleibt oft im Verborgenen, da sich die Rohre äußerlich kaum oder überhaupt nicht unterscheiden. Wird er entdeckt, so gestaltet sich die Feststellung des Ursprungs der Rohre mitunter schwierig.

Als weitere Methode, um unter Zuhilfenahme von "Graumarkt"-Kniffen Kosten einzusparen, werden häufig auch die benötigten Rohkunststoffe (Polyethylen, Polypropylen, Polyvinylchlorid, etc.) im vorsätzlich falsch deklarierten grenzüberschreitenden Lohnveredelungsverkehr eingeführt. Dabei wird der Export der mit den Kunststoffen hergestellten Fertigerzeugnisse vorgetäuscht, die Waren aber in Wirklichkeit auf dem ukrainischen Binnenmarkt verkauft. Auf diese Weise werden in größerem Stile Einfuhrumsatzsteuern und Zölle hinterzogen.

Darüber hinaus werden in jüngster Zeit Liquiditätsschwierigkeiten nicht selten auch durch den absichtlich herbeigeführten Konkurs des Unternehmens zumindest zeitweise gelöst. Marktakteure, die diese Methode wählen, gehen in die Insolvenz, beantragen Gläubigerschutz und erreichen dadurch einen Aufschub bei der Bedienung fälliger beziehungsweise überfälliger Verbindlichkeiten, ohne den Betrieb stilllegen zu müssen. Teile der Branche hatten sich während der Boomjahre bei Geschäftsbanken hoch verschuldet; mittels Krediten wurden Vorhaben zur Modernisierung und Kapazitätsweiterung von Betrieben finanziert.

Die jüngste Insolvenzanmeldung datiert von Anfang April 2010. Es handelt sich dabei um den Hersteller von Polyethylen- und Polypropylenrohren NikoPlast (Nikopol, Region Dnipropetrovsk). Das Unternehmen verfügt über Fertigungskapazitäten von jährlich 2.000 t Rohren. Die Produktion ruht seit Januar 2010, und die gesamte Belegschaft wurde im April entlassen. NikoPlast hat Schulden in Höhe von 12 Mio. UAH (umgerechnet zirka 1,25 Mio. Euro). Hauptgläubigerin ist die ImExBank, Odessa. Einer der Miteigentümer gab vor der Presse an, dass die Suche nach einem "strategischen Investor" für NikoPlast laufe. Erwünscht sei ein Engagement mit liquiden Mitteln und/oder Rohstoffen zur Wiederaufnahme der Produktion.

Einer der ersten Konkursfälle war der des in Ivano-Frankivsk (Region Cis-Karpathen) ansässigen Herstellers PlastPipe Ivano-Frankivsk). Das Insolvenzverfahren war hier im Juni 2009 eingeleitet worden. PlastPipe verfügt über Produktionskapazitäten im Umfang von jährlich zirka 4.000 t PE-Rohren für die Gas- und Wasserversorgung. Das Unternehmen hatte damals seine Produktion wegen fehlender Absatzmöglichkeiten eingestellt. Das lokale Wirtschaftsgericht billigte im Februar 2010 einen Sanierungsplan für PlastPipe, verbunden mit einer befristeten Freistellung des Unternehmens von seinen Kreditverbindlichkeiten (insgesamt 28 Mio. UAH). PlastPipe vermarktet seine Erzeugnisse über die im Februar 2010 ebenfalls in Insolvenz gegangene gleichnamige Distributionsfirma Handelshaus PlastPipe.

Denselben Weg beschritt im Oktober 2009 der Eigner der in Krasnoperekopsk in der Autonomen Republik Krim ansässigen Firma Polivtor. Dieses Unternehmen verfügt über Produktionskapazitäten von 8.000 t Kunststoffrohren p.a. - Auslastungsgrad 2009: weniger als 30% - und hat überfällige Verbindlichkeiten in Höhe von 40 Mio. UAH aus Krediten mehrerer Geldinstitute, darunter der UkrEximBank, der VTB Bank und der OshchadBank. Das Insolvenzverfahren verzögert sich zurzeit, da Polivtor die Rechtsgültigkeit eines Teils der Forderungen der Banken anfechtet und daher das Verzeichnis der Insolvenzgläubiger mit ihren unbestrittenen Forderungen bisher nicht gerichtlich bestätigt ist.

Das in Kiew ansässige Handelshaus mit angeschlossenem Produktionsbetrieb YevroTrubPlast hat unter den führenden Kunststoffrohrherstellern der Ukraine auf die Zufluchtnahme in einem Insolvenzverfahren zumindest bislang verzichtet. Muttergesellschaft ist die russische Polyplastic Gruppe, Moskau. YevroTrubPlast hatte im Boomjahr 2007 Umsatzerlöse in Höhe von 250 Mio. UAH (nach damaligem Umrechnungskurs 36 Mio. Euro) erzielt. Die Investitionsfinanzierung war zwar im Wesentlichen aus Eigenmitteln erfolgt, aber auch dieses Unternehmen drückte per Anfang 2009 ein großes, auf 150 Mio. UAH geschätztes Obligo aus Fremdmittelaufnahmen. Angesichts der geringen Kapazitätsauslastung von YevroTrubPlast im Jahr 2009 (mit einem Kunststoffrohrausstoß von 13.000 t nur zirka 30%) dürften die Verbindlichkeiten heute kaum geringer sein.

Die ukrainischen Hersteller führen jeweils nur relativ wenige Arten von Kunststoffrohren in ihren Produktsortimenten. Dies hat seinen Grund unter anderem darin, dass es an Hartwährungsdevisen für Maschinen- und Ausrüstungsimporte fehlt und der Erwerb moderner Fertigungstechnik daher nur langsame Fortschritte macht. Den Sortimentsschwerpunkt bilden PE-Rohre für Erdgas- sowie für Wasser- und Abwasserleitungen.

Die Branche umfasst insgesamt knapp 50 Hersteller, darunter neun größere. Es sind dies das Rohrwerk Rubizhne (Region Luhansk; PE-Rohren, die von YevroTrubPlast vermarktet werden), Polivtor mit Produktionsstandorten in Krasnoperekopsk und Simferopol, ElPlast-Lviv in Horodok (Region Lviv), das Werk für Kunststoffe Brovary (Region Kiew), VodPolymer in Boryspil (Region Kiew), PlastPipe in Ivano-Frankivsk, UkrPolymerKonstruktsiya in Baryshivka (Region Kiew), TekhnoPlast in Kherson sowie das ukrainisch-polnische Gemeinschaftsunternehmen YevroPlast in Lviv.

Führende Liefernationen waren in den letzten Jahren Deutschland, Polen, die Türkei, die Tschechische Republik sowie einige westeuropäische Länder. Die Einfuhren betreffen in erster Linie Rohre aus Polypropylen und PVC. PE-Rohre werden nur in kleinerem Umfang eingeführt; hier verfügt die Ukraine über die relativ am stärksten ausgebauten Produktionskapazitäten.

Bei Rohren aus PE mit großem Durchmesser ist die Ukraine jedoch bis heute in hohem Maße auf Importe angewiesen. Einfuhrabhängigkeit besteht nach wie vor auch bei Rohren aus PE für Druckleitungen sowie bei Rohren aus vernetztem PE für Wärmeversorgungsnetze. Bei Steck- und Pressfittings und anderen Verbindungsstücken für PE-Rohre fehlt es in der Ukraine bis heute vollständig an einer Inlandsproduktion.

Die Kunststoffe in Primärformen, welche von ukrainischen Rohrherstellern verarbeitet werden, kommen wegen der bislang nur schwachen inländischen Produktionsbasis weit überwiegend aus dem Import; so wird Polyethylen aus Ungarn, Deutschland, Russland und aus Korea (Rep.) eingeführt, Polypropylen ebenfalls aus Korea (Rep.). Ende 2010 soll in der Ukraine im Unternehmen KarpatNefteKhim (Kalush, Region Ivano-Frankivsk) die erste Fabrik für PVC in Betrieb gehen. Bei KarpatNefteKhim handelt es sich um eine Tochtergesellschaft des russischen Ölkonzerns Lukoil.

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