09.10.2014

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Weltweite Nachfrage nach Pkw und Branchengewinne trüben sich ein

Über das Gesamtjahr gesehen steigt der Welt-Pkw-Markt dann um 2,2 Mio. Fahrzeugverkäufe oder 3 %. Die Gründe für die Eintrübung liegen in den Risiken des Ukraine-Konflikts, den konjunkturellen Schwächen einiger europäischer Staaten wie Italien und Frankreich, schwierigen Konstellationen in südamerikanischen Ländern wie Argentinien nach seinem Staatsbankrott und der Abkühlung des Konjunkturklimas in Japan. Mit dem langsameren wirtschaftlichen Erholungsprozess in Südeuropa konnte schon zum Ende des letzten Jahres gerechnet werden. Mit der Ukraine-Krise sowie den schwierigeren Bedingungen in Südamerika sind neue, nicht vorhersehbare Risiken für die Autoindustrie entstanden. China und USA tragen Wachstum [image_0] Tabelle 1 gibt einen Überblick über die Entwicklung der wichtigsten Pkw-Märkte. Der größte Markt China ist gleichzeitig der Schrittmacher für das weltweite Automobilgeschäft. Die Nachfrage nach Pkw ist im ersten Halbjahr 2014 in China um 14 % auf 8,857 Mio. Verkäufe gestiegen. Für das zweite Halbjahr gehen wir von einem leicht rückläufigen Wachstum in China aus, was allerdings immer noch 10 % gegenüber der Vorjahresvergleichsperiode in unserem Prognosemodell beträgt. Über das Gesamtjahr 2014 wächst damit der Pkw-Markt in China um 12 % auf 18,245 Mio. Verkäufe (Tab. 1). Knapp 90 % des Wachstums des Welt-Pkw-Marktes wird damit im Jahr 2014 von China generiert. Ohne Wachstum in China läge nahezu Stagnation im Weltautogeschäft vor. Aktuelle Meldungen bezüglich der Preisuntersuchungen von chinesischen Regierungsbehörden zeigen gleichzeitig die Risiken, die mit dem Markt China verbunden sind. China ist ein Land unter Protektionismus und daher schwer in seiner Entwicklung "berechenbar". Dank der hohen Nachfrage konnten in chinesischen Automobilmarkt deutliche Preisaufschläge im Vergleich zu anderen Märkten bei den Autobauern umgesetzt werden. China war nicht nur der Treiber bei Volumen, sondern auch bei den Erträgen. Das Volumenwachstum scheint in China weiterzugehen, beim Ertragswachstum sind quasi über Nacht neue Risiken entstanden. Die Margen der Autobauer werden in China durch den Protektionismus sinken. Damit werden für die Autobauer in der zweiten Jahreshälfte 2014 durch zwei Entwicklungen die Unternehmensgewinne unter Druck kommen: Geringeres Wachstum und geringere Erträge pro verkauftem Fahrzeug. Die Ergebnisse des ersten Halbjahres sind damit in der Automobilindustrie im zweiten Halbjahr nicht wiederholbar. Es tritt auch bei den Gewinnen eine "Abkühlung" ein, die sich vermutlich auch in den Aktienkursen bemerkbar macht. Tabelle 1 zeigt, dass neben China die USA der zweite wichtige Schrittmacher sind. Derzeit gibt es trotz leichter Abkühlung der US-Konjunktur kein Grund anzunehmen, dass die positive Entwicklung im Markt USA in den nächsten Monaten "abbricht". Nach wie vor sind die USA nach der Finanzkrise 2009 und dem damaligen starken Rückgang des Automobilmarktes dabei, ihren Fahrzeugbestand zu erneuern. Dieser Austausch- und Erneuerungsprozess überstrahlt die konjunkturellen Schwächen. Die USA bringen damit im Jahr 2014 dem Welt-Pkw-Markt einen Wachstumsschub von rd. 600 000 Fahrzeugen. Anders formuliert: Ohne Wachstum in China und den USA würde der Welt-Pkw-Markt im Jahr 2014 um 300 000 Fahrzeuge oder 0,5 % schrumpfen. Einbruch in Russland im zweiten Halbjahr erwartet Tabelle 1 zeigt, dass im ersten Halbjahr 2014 die Ukraine-Krise noch geringe Auswirkungen auf den Automobilmarkt in Russland hatte. Aufgrund der Embargo-Politik der USA und EU und der russischen Gegenreaktionen ist mit deutlichen konjunkturellen Einbrüchen in Russland zu rechnen. Der russische Automarkt reagierte bereits in der Vergangenheit sehr sensibel auf Veränderungen des Bruttosozialprodukt-Wachstums. Diese Reaktionen werden auch in den Folgemonaten erwartet. Unser Prognosemodell kommt daher zu dem Ergebnis, dass der russische Automobilmarkt im zweiten Halbjahr einen Einbruch von 25 % zu erwarten hat. Über das Gesamtjahr 2014 bricht der russische Automobilmarkt damit um 435 000 Fahrzeugverkäufe oder 16 % auf 2,3 Mio. Verkäufe ein. Was für Russland ein großer Einbruch ist, tangiert den Welt-Pkw-Markt eher nur am Rande. Russland hatte im Jahr 2013 ein Gewicht von 4 % am Welt-Pkw-Markt. Dieses Gewicht, spricht der Anteil des Marktes Russlands an der Gesamtweltnachfrage nach Pkw, reduziert sich 2014 auf 3 %. Das Risiko des Ukraine-Konflikts für die weltweite Automobilindustrie liegt nicht im russischen Automarkt, sondern in den negativen Effekten, die sich auf die Konjunktur in osteuropäischen, aber auch westeuropäischen Ländern auswirken können. Durch den Konflikt ist eine weitere konjunkturelle Abkühlung zu erwarten, die sich negativ auf die Automobilmärkte in Westeuropa auswirkt. So muss damit gerechnet werden, dass trotz niedrigem Niveau der italienische und französische Pkw-Markt in seiner Erholung "gebremst" wird. Das hohe Wachstum im spanischen Automarkt (+18 % im ersten Halbjahr) wird wesentlich durch eine staatliche Verschrottungsprämie von 2 000 EUR pro Altwagen angetrieben. Die Verschrottungsprämie wurde zwar erneut verlängert, aber aufgrund der Budget-Situation in Spanien kann davon ausgegangen werden, dass im vierten Quartal 2014 die Verkaufsprämie ausläuft und damit das Wachstum im zweiten Halbjahr im spanischen Automarkt eingebremst wird. Auch hier zeigt Tabelle 1 die prognostizierte Entwicklung. Der wichtigste europäische Markt, Deutschland, ist trotz guter Konjunktur durch hohe Rabatte und Incentives gekennzeichnet. Im ersten Halbjahr 2014 wurden in Deutschland 41 % aller Pkw-Neuwagenzulassungen von Vermietern, Autohändlern oder Herstellern vorgenommen. Das ist, um es vorsichtig zu sagen, eine sehr schlechte Situation - man könnte fast von Katastrophe sprechen. Noch nie lag der Anteil so hoch und das trotz sehr guter Gesamtkonjunktur und niedrigster Zinsen, die eine Fahrzeugfinanzierung so attraktiv machen, wie seit langem nicht mehr. In der zweiten Jahreshälfte gehen wir davon aus, dass die Vermieterrückläufer und hohen Bestände an Tageszulassungen und "jungen Dienstwagen" abverkauft werden müssen und damit den Neuwagenverkaufskanal blockieren. Auch deshalb wird das Wachstum im deutschen Neuwagenmarkt unter Durchschnitt liegen. In der Summe kommt Deutschland damit auf 3 Mio. Neuwagenzulassungen. Trotz hohem Alters des Fahrzeugbestandes von 8,8 Jahren bleibt der deutsche Automarkt "lustlos" und von Rabatten getrieben. Innovationen wie Elektroautos werden im Gegensatz zu anderen Staaten deutlich zu wenig von der Bundesregierung gefördert, um einen Austauschprozess auszulösen. Südamerika bleibt im Abwärtstrend Für das zweite Halbjahr sind keine Anzeichen erkennbar, die den negativen Trend in Brasilien oder gar Argentinien umdrehen könnten. Vielmehr ist durch die unklare Lage in Argentinien ein eher höheres Risiko auch für den lokalen Automobilmarkt zu erwarten. Im ersten Halbjahr ist der Markt Argentinien um 34 % eingebrochen. Über das Gesamtjahr 2014 erwarten wir einen Rückgang der Pkw-Verkäufe auf 581 000 Fahrzeuge, spricht um 37 %. Ähnlich wie Russland sind hier zwar einige Autobauer, wie etwa VW stärker betroffen, aber für die Gesamtindustrie ist Argentinien eher von marginaler Bedeutung. Der Anteil der Autoverkäufe in Argentinien an der Gesamtweltnachfrage nach Pkw betrug im Jahr 2013 gerade 1,3 %. Im Jahr 2014 wird sich das Gewicht Argentiniens auf 0,8 % reduzieren. Deutlich wichtiger als Argentinien ist Brasilien für die Automobilindustrie. Brasilien galt immer wieder als einer der Zukunftsmärkte. Die derzeitige Krise zeigt, dass Brasilien zwar Wachstumspotenzial hat, aber sehr volatil ist. Eine Trendwende im Automobilmarkt in Brasilien zum Besseren ist für das Jahr 2014 nicht erkennbar. Damit belastet Brasilien einige Autobauer wie Fiat und VW, die durch zügigen Ausbau der Kapazitäten in den Markt investiert haben. Jeder vierte Pkw wird 2014 in China verkauft: Hedging notwendig [image_1] Tabelle 2 fasst die Entwicklung der Welt-Pkw-Märkte nach Regionen gegliedert zusammen. Der größte Wachstumsschub kommt - trotz Rückgang der Nachfrage in Indien - aus Asien. Mit Ablauf des Jahres 2014 wird das Gewicht von China im Weltautomarkt auf 25 % steigen. Jedes vierte Auto weltweit wird damit in China verkauft. Im Jahr 2013 betrug der Anteil des Marktes China am Gesamtmarkt für Pkw noch 23 %. Die Machtposition Chinas für die Weltautoindustrie steigert sich in hohem Tempo. Das Geschäft der Automobilbauer und Zulieferer wird damit immer stärker "unbalanciert". China wird ein Klumpenrisiko für die Branche, die sich stärker auf dieses Risiko einstellen muss. Eine Absicherungsstrategie kann sein, das China-Geschäft unabhängiger vom Gesamtgeschäft werden zu lassen, sprich die Unternehmensorganisation so aufzubauen, dass größere Unabhängigkeit zwischen den einzelnen Marktblöcken "China" und "Nicht-China" vorliegt. Das sollte auch in der Berichterstattung für die Aktionäre ersichtlicher sein. Es macht Sinn, die Geschäftsberichte neu zu gliedern und China als eigenständigen Teil mit separaten Verkäufen, Umsätzen, Kosten und Erträgen auszuweisen. Sich aus dem China-Geschäft "künstlich" herauszuhalten ist sicher der falsche Ansatz. Tabelle 2 zeigt, dass im Weltautogeschäft im Jahr 2014 zwei große Wachstumsbremsen vorliegen. Einerseits Osteuropa mit Russland und zum anderen Südamerika. Das Gewicht der beiden "volatilen" Marktregionen Südamerika und Osteuropa am Gesamtautomarkt betrug im Jahr 2013 noch 12 % und wird im Jahr 2014 auf 10 % zurückgehen. Die Branche kann diese Risiken schultern. 10 % des Gesamtmarktes als Krisenregion sind zwar nicht "schön", aber tragbar. Die Bilanz bei einzelnen Autobauern und Zulieferern ist hier natürlich unterschiedlich. Sowohl Renault also auch VW und GM sind in den beiden "Krisenregionen" stärker vertreten. Dies beeinträchtigt die Gewinnsituation dieser Automobilbauer stärker. Mittelfristig im Wachstum "zurückgeworfen" [image_2] Der Weltautomarkt bleibt trotz schwierigerem Umfeld auch in den nächsten Jahren ein Wachstumsmarkt (Tab. 3). Allerdings ist das Wachstum durch die Entwicklungen in Russland und Südamerika mittelfristig abgeschwächt. Dabei ist unterstellt, dass die Lage in der Ukraine nicht weiter eskaliert und im nächsten Jahr ein politischer Prozess in Richtung "Normalität" einsetzt. Kapazitäten, die für Russland geplant waren, werden damit in den nächsten Jahren nicht ausgelastet werden können. Bis Russland auf sein altes Wachstumsmuster zurückschwingt vergehen gut vier Jahre. Ähnliches gilt für Brasilien, ein Markt, der häufig zu hoch in seinem Wachstumspotenzial eingeschätzt wird. Wachstumstreiber in den nächsten Jahren bleiben China und in deutlich dezenteren Umfang Südeuropa. Die Automobilmärkte Frankreich, Italien und Spanien brauchen länger um wieder auf ihr früheres Normalniveau zurückzukehren. Fazit: Risiken steigen Im zweiten Halbjahr 2014 muss mit einem deutlichen Rückgang des Wachstums im Weltautomarkt gerechnet werden. Unterm Strich bleibt nach einem guten ersten Halbjahr im Gesamtjahr 2014 ein Wachstum von 3 % des Weltautomarkts. Die Gewinne der Autobauer werden mit dem langsamen Wachstum sinken. Einerseits, weil neu installierte Kapazitäten weniger ausgelastet werden und damit der Rabattdruck steigt und zum zweiten, weil im Parademarkt China mit den Preisuntersuchungen der Regierungsbehörden ein deutlicher Druck auf die bisher hohen Gewinne in China ausgelöst werden. Die nächsten Monate und Jahre werden daher für die Branche schwieriger. Das mittlerweile hohe Gewicht von China macht es erforderlich, dass die Unternehmen der Branche ihre Organisationsformen stärker gegenüber dem China-Risiko absichern. Etwa in der Weise, dass sich die Unternehmen noch stärker in Teilunternehmen aufgliedern, die auf einer Holding-Ebene zusammengeführt werden. Die Autobauer und Zulieferer brauchen eine Strategie, um sich stärker gegenüber dem China-Risiko "abzusichern". Kontakt: * Prof. Dr. Ferdinand Dudenhöffer
ferdinand.dudenhoeffer@uni-due.de
Direktor CAR - Center Automotive Research
Lehrstuhl für allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft
Universität Duisburg-Essen

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