Thema des Monats: Juni 2015

Wider dem Fachkräftemangel

Mit Fernstudium und ohne Abitur zum Bachelor Maschinenbau

Deutsche Unternehmen suchen händeringend qualifiziertes Fachpersonal, übersehen dabei, dass potenzielle Bewerber bereits vorhanden sind – oft in den eigenen Reihen. Allein es fehlt ihnen an Ausbildung. Die lässt sich aber berufsbegleitend durchführen, wie unser Fallbeispiel dokumentiert.

Europaweit starten in Kürze die Sommerferien, verlassen junge Menschen die Schulen, um im Herbst eine Ausbildung oder ein Studium zu beginnen. Offenkundig nicht genug, andernfalls würden Unternehmen hierzulande und auch andernorts nicht Hände ringend qualifiziertes Fachpersonal suchen. Allerdings wird dabei gerne übersehen, dass potenzielle Aspiranten auf qualifizierte Stellen bereits vorhanden sind – und zwar in den eigenen Reihen. Allein es fehlt ihnen an der entsprechenden Vor- und Ausbildung. Die lässt sich aber berufsbegleitend durchführen – via Fernstudium, auch ohne Abitur.

Job und Ausbildung unter einen Hut bringen? Ein Fernstudium kann die Lösung sein. © istockphoto

Studentendasein, neben Familie und Beruf – geht das?

Keine einfache Aufgabe, neben Familie und Beruf die Studienbank drücken. Um diesen Schritt zu gehen, braucht es eine gehörige Portion Eigenmotivation, braucht es Arbeitgeber, die Anreize setzen und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer dazu bewegen können, sich auf das Abenteuer Fernstudium einzulassen; die einen Blick haben für das fachliche und berufliche Potenzial einer bewerten Mitarbeiterin, eines bewährte Mitarbeiters und zu motivieren wissen, diesen Schritt zu tun: Durch geeignete Rahmenbedingungen, die helfen, Beruf, Studium und Familie zu vereinbaren. Früher oder später beschleicht manchen Grundschüler, manche Grundschülerin ein Gefühl der Wehmut; die Zeit im Kindergarten war einfach nur schön. Jeden Tag Spielen, Spaß, Spannung und die Freiheit der Veränderung: Wer keine Lust mehr hatte zu malen, zu basten oder zu bauen, suchte sich kurzerhand eine andere Beschäftigung.

Sich weiterbilden, um den nächsten Karriereschritt zu gehen, war Simon Köhlers Vorsatz, als er sich 2005 mit seinem Realschulabschluss für den Fernlehrgang „Geprüfter Industriemeister IHK, Fachrichtung Metall mit AEVO“ bei der Studiengemeinschaft Darmstadt (SGD) anmeldete. Es sollte nicht sein einziges Fernstudium bleiben. Auch wenn es im Lernprozess manchmal Durststrecken gab – aufgeben war für ihn nie eine Option: „Wenn ich etwas anfange, dann ziehe ich es auch durch“, schildert der heute 36jähirge, der sich selbst als wissbegierig und lernfreudig beschreibt. Die Weiterbildung per Fernstudium wurde für ihn zur Lernform der Wahl. „Ich war schon als Kind technisch interessiert und wusste bereits als Schüler, dass ich in diesem Bereich arbeiten möchte. Die berufsbegleitenden Weiterbildungen waren für mich deshalb ein logischer Schritt in meiner beruflichen Laufbahn“, sagt Köhler.
Drei Jahre nach dem Meisterabschluss an der SGD startete er an der Wilhelm Büchner Hochschule im Bachelor-Fernstudiengang „Maschinenbau (B. Eng.)“.

Famillie und Job

Ein Fernstudium bietet die Möglichkeit, familiäre Aspekte zu berücksichtigen. © istockphoto

Mit Schichtarbeit und Fernstudium zum beruflichen Aufstieg

Nach dem Schulabschluss der Mittleren Reife startete Simon Köhler 1995 eine Ausbildung zum Konstruktionsmechaniker. Als die Zeitverträge bei seinem ersten Arbeitgeber ausliefen, orientierte er sich neu: Er erhielt ein Stellenangebot als Zerspanungsmechaniker und nahm an. „Schon damals wollte ich Neues lernen und mich weiterentwickeln“, sagt Köhler. Im Oktober 2005 dann beschloss er, eine Weiterbildung zu Industriemeister IHK der Fachrichtung Metall zu absolvieren – und zwar berufsbegleitend. Einen entsprechenden Fernlehrgang belegte er bei der SGD. Im Juni 2008 schloss Simon Kähler den Lehrgang innerhalb der Regelstudienzeit ab. „Mit dem Industriemeister habe ich mich bewusst für einen Abschluss entschieden, der in der Wirtschaft anerkannt und nachgefragt ist“, resümiert der Absolvent. Der ausschlaggebende Grund für einen berufsbegleitenden Fernlehrgang war für Köhler die Möglichkeit, seine Lernzeiten frei einzuteilen und ortsunabhängig zu lernen: „In dieser Zeit arbeitete ich im Schichtsystem. Ein geregelter Unterricht in einer Abendschule wäre für mich nicht möglich gewesen.“ Die Weiterbildung zahlte sich aus: „Schon ein halbes Jahr vor Lehrgangsende konnte ich zum Anwendungstechniker aufsteigen“, erinnert sich Köhler.
Erfolg

Wer motiviert ist und Durchhaltevermögen beweist, trägt am Ende den Erfolg heim und auch die Anerkennung von Vorgesetzten und Kollegen. © istockphoto

Vom Meister zum Maschinenbauingenieur

Wer einmal leckt, der weiß, wie’s schmeckt: Simon Köhler Bildungsweg war noch nicht zu Ende. Im Januar 2011 beschloss der frisch gebackene Anwendungstechniker, obendrein noch den akademischen Weg einzuschlagen und ein reguläres Fernstudium aufzunehmen – was ohne Abitur das möglich. Seine Wahl fiel auf den Bachelor-Studiengang Maschinenbau an der Wilhelm Büchner Hochschule. Drei Jahre später schloss Köhler sein Studium erfolgreich ab. Um sein Ziel, Ingenieur zu werden, näher zu kommen, lernte Köhler meistes abends nach der Arbeit, am Wochenende oder in der ihm zur Verfügung stehenden Zeit während seiner Dienstreisen.

Für Simon Köhler stand der hohe Praxisbezug schon immer im Vordergrund. Er beschäftigte sich nicht nur während der Studienzeit, sondern auch in der Bachelor-Thesis mit konkreten Fragestellungen aus dem Maschinenbau. „In meiner Abschlussarbeit untersuchte ich, unter welchen Voraussetzungen die Schlicht-Zykluszeit auf einem 5-Achs-Bearbeitungszentrum mittels Kreissegment-Fräser reduziert werden kann. Ich hatte mich für dieses Thema entschieden, weil es sich in der Werkzeugherstellung um eine neue Technologie handelt, die unmittelbar mit meinem Berufsfeld zu tun hat“, erklärt Simon Köhler. Wie schon bei seinem Meister-Lehrgang folgte auch mit diesem Abschluss ein beruflicher Aufstieg. Heute arbeitet er als Anwendungstechniker für 5-Achs- sowie Fräs-Dreh-Bearbeitungszentren bei der in Nürtingen ansässigen Gebrüder Heller Maschinenfabrik GmbH, einem führenden deutschen Hersteller von Werkzeugmaschinen.

Wegweiser

Aus- und Weiterbildung – Wegweiser zum Erfolg. © istockphoto

Berufliche Weiterbildung zeugt von Motivation und Durchhaltevermögen

Blickt Simon Köhler auf seine bisherige Bildungskarriere per Fernstudium zurück, zieht er folgendes Fazit: „Was mich immer wieder motiviert hat, waren besonders schwere Klausuren, die ich bestanden hatte, und andere Studierende, mit denen ich mich austauschen konnte. Zwischendurch war es auch immer wieder gut, die Lernunterlagen einfach mal bei Seite zu legen und sich mit etwas anderem zu beschäftigen.“ Das sich berufliche Weiterbildung lohnt, beweist Simon Köhler: „Heute kann ich sagen, dass ich nicht nur persönlich, sondern in erster Linie beruflich von den Weiterbildungen profitieren konnte.“ Denn: Weiterbildungsengagement signalisiert Arbeitgebern Motivation, Leistungsbereitschaft und Durchhaltevermögen. Eigenschaften, die gut ankommen und mit Aufstiegschancen und einer Ausweitung des Aufgaben- bzw. Verantwortungsbereichs einhergehen. Simon Köhler ist noch lange nicht am Ende seiner Bildungskarriere angelangt. Derzeit überlegt der Esslinger, ob er nicht noch einen Master-Studiengang anhängt.

Was am Ende zu sagen bleibt: Simon Köhler absolvierte seine Weiterbildung und sein Studium erfolgreich – getragen sicherlich von einer starken Eigenmotivation. Auf der Karriereleiter nach oben zu klettern, gelang im allerdings nur indem er den Arbeitgeber wechselte. Es stellt sich die Frage, ob dies der einzige Weg ist: Arbeitgeber investieren in die Aus- und Fortbildung ihrer Mitarbeiter große Summen; jede qualifizierte Kraft erweist sich für ein Unternehmen als Investition mit großer Rendite – wenn beide Seiten gemeinsam beherzt und in bilateralem Sinne an der Weiterqualifizierung und an der Karriere von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im eigenen Unternehmen arbeiten.

Finden auch Sie Ihr Fernstudium

An fast allen Hochschulen werden Fernstudiengänge unter anderem auch im Bereich Kunststofftechnik angeboten. Das Fernstudium ermöglicht denjenigen, die aus unterschiedlichen Gründen ein herkömmliches Präsenzstudium an einer Hochschule nicht besuchen können, ein Erststudium oder ein Aufbaustudium zu absolvieren. Für viele Berufstätige ist es die Chance, Fachkenntnisse berufsbegleitend zu vertiefen und einen akademischen Abschluss zu erwerben.

Das Studienangebot wird überwiegend über schriftliche und audiovisuelle Medien vermittelt – für Fragen und die Betreuung der Studenten stehen Fachmentoren zur Verfügung. Dadurch sind Fernstudierende weitgehend von räumlichen und zeitlichen Bedingungen unabhängig, auch wenn in manchen Programmen in regelmäßigen Abständen Präsenzveranstaltungen vorgesehen sind.

Apropos: Und wie Studenten Ihr Fernstudium bewertet haben, lesen sie hier.
Guido Deußing