Wie Nylon zu seinem Namen kann

Carothers nannte sein Superpolyamid „Faser 66“. Die Du-Pont-Direktion fand die Bezeichnung nicht werbewirksam genug und berief ein Namenskomitee ein, das es auf fast 400 Vorschläge brachte. Keine Mehrheit fand „Duparooh“, eingebracht von Ernest Knight Gladding (1888-1958), dem Leiter der Kunstseide-Abteilung von Du Pont. Das Akronym wurde als schlichter Scherz aufgefasst, denn es stand für „Du Pont Pulls A Rabbit Out Of the Hat“ („Du Pont zieht ein Kaninchen aus dem Hut“). Zu wenige Fürsprecher hatten auch „Wacara“ zu Ehren von Wallace Carothers oder „Delawear“, ein Amalgam aus „to wear“ und Delaware, dem Bundesstaat, in dem Du Pont die Polyamidfaser produzierte. Ebenso abgelehnt wurden „Dusilk“, „Rayamide“ und „Silkex“. Gladding schlug daraufhin „Norun“ vor. Das klang gut und bedeutete „keine Laufmaschen“, was allerdings nicht der Wahrheit entsprach – der Name wurde wieder verworfen. „Norun“ wurde kurzerhand zu „Nuron“, denn „nu“ klingt wie „new“. Allerdings drohte die Verwechslung mit einem Nerventonikum („Neuron“). Gladding ersetzte das „r“ durch ein „l“ und das „u“ erst durch ein „i“, dann durch ein „y“ – das Kunstwort „Nylon“ war geboren. Eine im Grunde sinnfreie Komposition fürs Ohr, der nachträglich Bedeutungen untergeschoben wurden, die der Wortfindung angeblich schon vorauslagen. Eine Lesart lautet, „Nylon“ sei hergeleitet aus „New York“ und „London“, weil zwei Chemiker sich das Wort auf einem Interkontinentalflug von der einen Metropole in die andere ausgedacht hätten. Alternativ wird behauptet, Du Pont habe die Bezeichnung „Nylon“ gewählt, um die japanische Industrie zu provozieren, der durch die neue Kunstfaser Einbußen beim Seidenexport ins Haus standen – hinter „Nylon“ verbirgt sich demnach „Now You’ve Lost, Old Nippon“ ...