23.06.2015

Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Wissenschaftsforum Chemie 2015: Geschichte der Chemie verlinkt Chemie und Gesellschaft

Das Wissenschaftsforum Chemie der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh), das vom 30. August bis 2. September in Dresden stattfindet, bietet Fachgruppen der GDCh Gelegenheit, ihre Jahrestagungen abzuhalten. In diesem Jahr macht u.a. die Fachgruppe Geschichte der Chemie davon Gebrauch. Am Montag, dem 31. August, eröffnet der Fachgruppenvorsitzende, Professor Dr. Christoph Meinel, Regensburg, die Jahrestagung der Fachgruppe, in deren Rahmen auch der Paul-Bunge-Preis für Arbeiten zur Geschichte wissenschaftlicher Instrumente und der Bettina-Haupt-Förderpreis für Geschichte der Chemie verliehen werden.

25 Vorträge wurden für das wissenschaftliche Programm der Fachgruppentagung angenommen. Als eingeladene Vortragende reflektieren Professor Dr. Carsten Reinhardt, Philadelphia/USA, und Dr. Brigitte Van Tiggelen, Louvain-la-neuve/Belgien, das Verhältnis von Chemie zur Gesellschaft. Reinhardt, seit August 2013 Präsident und Geschäftsführer der Chemical Heritage Foundation in Philadelphia sowie Professor für historische Wissenschaftsforschung an der Universität Bielefeld, geht auf das spannungsreiche Wechselverhältnis ein, in dem Chemie und Gesellschaft stehen, insbesondere seit sich in den 1970er Jahren Fremdwahrnehmung und Selbstverständnis der Chemie grundlegend gewandelt haben. Das hänge mit Veränderungen im Wissenschafts- und Wirtschaftssystem zusammen, so Reinhardt. Zunehmend werde Chemie im Wechselspiel mit anderen Disziplinen und Technikbereichen gesehen: Materialforschung, Nanotechnologie, Energie, Life Sciences und Ernährung. Die Chemical Heritage Foundation widmet sich diesen Themen in einer kulturellen und historischen Perspektive. Reinhardt berichtet darüber, wie es gelungen ist, Gemeinschaftsaspekte, Kunst, Wissenschaft und Bildung, aber auch Spaß und Spiel in den Mittelpunkt zu stellen, und welche neuen Aspekte hier verfolgt werden.

Van Tiggelen geht auf die in Europa gesammelten Erfahrungen hinsichtlich der Rolle der Geschichte als Mediator zwischen Chemie und Gesellschaft ein. Als Wissenschaftshistorikerin an der Katholischen Universität von Louvain gründete sie die gemeinnützige Organisation Mémosciences mit dem Ziel, das Verständnis für die Chemie einer breiteren Öffentlichkeit gegenüber zu fördern. Chemie und Gesellschaft über Wissenschaftsgeschichte zusammenzuführen oder zumindest näherzubringen, hat sich auch die Working Party on the History of Chemistry der EuCheMS (European Association for Chemical and Molecular Sciences) auf die Fahnen geschrieben. Van Tiggelen hält am Mittwoch, dem 2. September, die EuCheMS Keynote Lecture. Im Anschluss erfolgen die Preisverleihungen.

Der Paul-Bunge-Preis der Hans-R.-Jenemann-Stiftung wird posthum an Brian Gee verliehen, und zwar für seine Untersuchungen zu „Francis Watkins and the Dollond Telescope Patent Controversy“. In der Studie geht es um Patentstreitigkeiten zwischen den beiden Londoner Herstellern optischer Präzisionsinstrumente, Francis Watkins und John Dolland. Sie ist ein herausragendes Beispiel moderner Instrumentengeschichte im Kontext einer breit verstandenen historischen Innovationsforschung und zugleich ein Beitrag zur Firmen-, Sozial- und Kulturgeschichte des damals weltweit führenden Londoner Instrumentenbaus. Der Autor, Brain Gee, hat 1968 mit einer astronomiegeschichtlichen Arbeit am University College promoviert und danach als Senior Lecturer an einem College in Chelsea zur Astronomie- und Instrumentengeschichte gearbeitet. Er verstarb 2009 im Alter von 70 Jahren. Die Studie wurde als Buch herausgegeben von Anita McConell, pensionierte Kuratorin am Londoner Science Museum, und Dr. Alison Morrison-Low, Kuratorin für wissenschaftliche Instrumente am National Museum of Scottland und Bunge-Preisträgerin von 2008. Morrison-Low stellt die prämierte Arbeit in Dresden vor und nimmt das Preisgeld entgegen, das den Grant Aided Projects der britischen Scientific Instrument Society zugute kommt.

Außerdem wird im Rahmen der Fachgruppensitzung der Bettina-Haupt-Förderpreis der gleichnamigen, von der GDCh verwalteten Stiftung vergeben. Mit diesem Preis werden alle zwei Jahre hervorragende Arbeiten von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern aus dem gesamten Bereich der Chemiegeschichte ausgezeichnet. Damit soll zugleich deutlich gemacht werden, dass die historische Beschäftigung mit der Chemie keineswegs ein bloßes Hobby für Ruheständler, sondern ein spannendes und international gut vernetztes Forschungsgebiet ist. Unter den Mitgliedern der GDCh-Fachgruppe Geschichte der Chemie liegt der Anteil von studentischen Mitgliedern und Jungmitgliedern bei 37 Prozent; das ist ein Potenzial, auf das der Bettina-Haupt-Förderpreis hinweisen soll.

Bei den weiteren Vorträgen liegt ein Schwerpunkt auf der Chemie in Sachsen, deren Anfänge auf die Gründung der Medizinischen Fakultät an der Universität Leipzig vor 600 Jahren zurückgehen. Mit dem dort 1438 eingerichteten Lehrstuhl für Therapie gewann die Bereitung von Arzneimitteln an Bedeutung und chemische Kenntnisse und Prozeduren waren gefragt. Als selbstständiges Fach bildete sich die Iatrochemie heraus (iatrós=Arzt). 1668 wurde der Leibmedicus des damaligen Kurfürsten zum Professor für Chymiae berufen. Sein Nachfolger hingegen hatte in Freiberg „Probirkunde“ studiert, hatte sich also mit der Chemie der Erzverhüttung befasst. Die Gründung der Bergakademie Freiberg ließ auch nicht lange auf sich warten: In diesem Jahr wurde ihr 250. Gründungsjubiläum gefeiert.

Von allgemeinem Interesse sind vor allem noch Vorträge zur frühen Agrikulturchemie hervorzuheben sowie zur Sozialgeschichte der Kunststoffe, die Zusammenhänge aufzeigt zwischen der Entwicklung und Produktion von Kunststoffen und der gesellschaftlichen Entwicklung, beispielsweise dem rasanten Bevölkerungswachstum.

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