08.06.2015

www.plasticker.de

geobra Brandstätter: Trauer um Playmobil-Chef Horst Brandstätter

Seine Idee hat den Spielwarenmarkt revolutioniert und Kindern auf der ganzen Welt ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Am 3. Juni 2015 ist Playmobil-Chef Horst Brandstätter im Alter von 81 Jahren verstorben.

Horst Brandstätter, geboren am 27. Juni 1933, war der Alleininhaber der geobra Brandstätter Stiftung & Co. KG in Zirndorf, Hersteller des Spielzeugklassikers Playmobil. Er zählte zu den profiliertesten Persönlichkeiten der deutschen Spielwarenbranche. Der Erfolg seines über 60-jährigen Engagements als Unternehmer war vor allem seiner Fähigkeit geschuldet, zukünftige wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und sein Unternehmen darauf einzustellen.

Bereits in den 1950er-Jahren sah er die Zukunft der Spielwarenfertigung nicht mehr bei Metallwaren sondern im Kunststoffbereich. Er strukturierte den gesamten Fertigungsbetrieb des Familienunternehmens entsprechend um. Anfang der 1970er-Jahre beauftragte Horst Brandstätter seinen Mustermacher Hans Beck (1929-2009) damit, ein völlig neues Systemspielzeug zu entwickeln: Playmobil war geboren.

Für seine außergewöhnlichen Leistungen und sein soziales Engagement wurde Brandstätter 1993 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Seit 1997 ist er Ehrenbürger seiner Heimatstadt Zirndorf. Der Bund deutscher Unternehmensberater ernannte ihn 1999 zum "Manager des Jahres". 2003 erhielt er den Bayerischen Verdienstorden, 2008 das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und 2013 ernannte ihn die Marktgemeinde Dietenhofen, Standort der größten Playmobil-Produktion, zum Ehrenbürger. Auch international finden seine Verdienste Anerkennung: Als ersten deutschen Spielwarenhersteller nahm ihn die nordamerikanische Toy Industry Association 2014 in ihre Hall of Fame auf.

Horst Brandstätter wäre am 27. Juni 2015 82 Jahre alt geworden.


Nachruf
Für die Kinder war er "Herr Playmobil", für seine Mitarbeiter hausintern meist einfach nur "HOB". Zuhause im fränkischen Zirndorf kam Horst Brandstätter noch bis zuletzt täglich ins Büro. Seine Firma, die geobra Brandstätter Stiftung & Co. KG, bekannt als Hersteller des Spielzeugklassikers PLAYMOBIL, war seine Leidenschaft, sein Lebenswerk.

Im Alter von 19 Jahren trat er 1952 in das Familienunternehmen ein, das seine zwei Onkel führten, und absolvierte zunächst eine Ausbildung als Formenbauer. Schnell wurde ihm klar, dass Maschinen und Arbeitsmethoden veraltet waren. Als Mitteilhaber setzte er sich daher bereits mit 21 Jahren für Innovationen in der Firma ein. Aus dieser Zeit stammte auch Brandstätters Abneigung gegenüber dem rückwärtsgewandten Leitsatz "Das war schon immer so". Diesen Einwand ließ der nie-rastende Firmenchef nicht gelten, denn er war überzeugt davon, dass ein Unternehmen und seine Mitarbeiter sich immer weiter entwickeln müssen, um für die Herausforderungen der Zukunft gerüstet zu sein. Seine visionären Ideen sowie sein Mut zu Reformen bescherten dem Unternehmen Brandstätter bald bedeutende wirtschaftliche Erfolge: 1958 entwickelte sich die Produktion von Hula-Hoop-Reifen zu einem europaweiten Verkaufsschlager.

Mitten in der Ölkrise Anfang der 1970er Jahre stellte Brandstätter, der stets auf sein Bauchgefühl vertraute, erneut sein unternehmerisches Können unter Beweis. Er beauftragte seinen Mustermacher Hans Beck (1929 - 2009) damit, ein völlig neues Systemspielzeug zu entwickeln, das sich immer weiter ergänzen lässt. Die Vorgabe: maximaler Spielwert bei möglichst geringem Kunststoffverbrauch.

Das Ergebnis: 7,5 Zentimeter große Spielfiguren - ein Ritter, ein Bauarbeiter und ein Indianer - die unter dem Namen Playmobil auf der Spielwarenmesse 1974 zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. "Ihr Erfolg hat uns damals vor der Pleite gerettet", bekannte Brandstätter später, der von der bis heute anhaltenden Faszination der Spielidee auf Kinder selbst überrascht gewesen ist: "Wer die Playmobil-Figur zum ersten Mal sieht, ist ja meist nicht beeindruckt, sie sieht sehr simpel aus. Was Playmobil wert ist, sieht man als Erwachsener nicht sofort. Es sind die Geschichten, die in den Köpfen der Kinder entstehen."

Dank Playmobil entwickelte sich Brandstätters Unternehmen, das er inzwischen als Alleininhaber führte, zu Deutschlands größtem Spielwarenhersteller. Zuletzt, im Jahr 2014, betrug der weltweite Umsatz der Brandstätter Gruppe 595 Millionen Euro.

Dass er stets nach vorne blickte und nie müde wurde, neue Visionen Wirklichkeit werden zu lassen, belegt auch die Marke Lechuza, die Brandstätter im Jahr 2000 als zweites Standbein für sein Unternehmen erfolgreich aufgebaut hat: Inzwischen entwickelt und produziert geobra Brandstätter nicht nur edle Kunststoff-Pflanzgefäße mit Erdbewässerungssystem unter diesem Namen, sondern auch hochwertige Garten-Möbel "made in Germany".

Obwohl er als "bodenständiger Franke", wie Brandstätter sich selbst gerne bezeichnete, standorttreu und heimatverbunden war, überwinterte er über 20 Jahre lang in seinem Haus auf Jupiter Island in Florida, um auch im Winter seiner sportlichen Leidenschaft, dem Golfspielen, nachgehen zu können. Und um seinen Managern und Mitarbeitern die Chance zu geben, frühzeitig zu lernen, wie es ist, das Unternehmen ohne seinen Kapitän zu steuern. "Wenn der Kapitän der Einzige ist, der weiß, wo der Kompass ist, und er fällt über Bord, geht das Schiff verloren. Die Zeit, in der ich nicht da bin, müssen meine Mitarbeiter selbst Entscheidungen treffen", erklärte Brandstätter seine Strategie.

An den Ruhestand verschwendete der 81-Jährige bis zum Schluss zwar keinen Gedanken; dafür beschäftigte er sich umso mehr mit der Frage, wie es mit seinem Lebenswerk, seinem Unternehmen, und für die mehr als 4.000 Mitarbeiter weltweit nach ihm weitergehen soll:

"Ich habe meine Firma in eine Stiftung eingebracht, die mir als Eigentümerin nachfolgen wird. Mit der gemeinnützigen Stiftung fördern wir Kinder. Gleichzeitig wird das Unternehmen im Rahmen einer Unternehmensstiftung gesichert und nach meinen Vorstellungen weitergeführt."

Mit Horst Brandstätter verliert die Playmobil-Familie nicht nur ihren Chef, Firmeninhaber und Patriarchen, sondern die Spielwarenbranche in Deutschland auch eine ihrer profiliertesten Persönlichkeiten.

Brandstätter war stets sparsam, aber keineswegs geizig, wenn es um wichtige Investitionen für seine Firma ging. Stolz setzte er im Mai 2013 den ersten Spatenstich für das neue Playmobil-Logistikzentrum in Herrieden - ein Invest von 80 Millionen Euro. Er war bis zu seinem Lebensende zielstrebig und weitblickend, scheute sich dabei aber nie, unkonventionelle Entscheidungen zu treffen.

Als fast die gesamte Branche ihre Produktion in die Billiglohnländer Asiens verlegte, setzte er auf einen arbeitsteiligen Produktionsverbund in Europa. Die größte Fertigungsstätte befindet sich im mittelfränkischen Dietenhofen, weitere Produktionsstandorte in Malta, Tschechien und Spanien. Konkurrenzfähig musste man natürlich sein, aber die Kontrolle über Qualität und Sicherheit seiner Produkte wollte Brandstätter nie aus der Hand geben.

Für Konsumenten wie Handelspartner und auch seine Mitarbeiter war er stets ein verlässlicher Fixpunkt. Einerseits ein Chef der alten Schule, andererseits aufgeschlossen und entschlossen, das Potenzial eines jeden Mitarbeiters zu fördern und zu fordern - ob alt oder jung, ob Mann oder Frau. Bis zuletzt.

Horst Brandstätter hinterlässt mit seinem Lebenswerk eine Erfolgsgeschichte, die hoffentlich andauern wird. Seine 4170 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weltweit und seine Führungsmannschaft werden sein Schiff in Form der Unternehmensstiftung in seinem Sinne weitersteuern und dafür sorgen, dass Playmobil auch weiterhin Kindern auf der ganzen Welt ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

Weitere News im plasticker