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Mannhaft gegen den Mainstream: Das Leben des Hermann Staudinger
Thema des Monats Februar 2012
Mannhaft gegen den Mainstream: Das Leben des Hermann Staudinger

Hermann Staudinger (23. 3. 1881 – 8. 9. 1965) hat der Kunststoffchemie das theoretische Fundament gegossen. Obwohl die Bilderbuchkarriere des Wissenschaftlers – Promotion mit 22, Habilitation mit 26 Jahren – im Nobelpreis für Chemie gipfelte, ist Staudinger auch als öffentliche Person für viele ein „großer Unbekannter“ geblieben und seine Vita heute nur Spezialisten geläufig. Ein wenig Abhilfe schafft ein Porträt, das hiermit auf www.k-online.de in Serie geht. Es zeichnet Staudinger als produktiven Querdenker, der auf wissenschaftlichem und überdies auf politischem Terrain dem Mainstream Paroli bot – bis er ihn schließlich selbst anführte.
Teil 1: Die Jahre 1881-1919.
„Pionier der Polymerforschung“, „Begründer der Kunststoffchemie“, „Vater der Makromoleküle“: Kein Lehrbuch der Chemie, das nicht den gewohnt nüchternen Ton ablegte, wenn die Rede auf Hermann Staudinger kommt. Seinen Tod überdauert die Erinnerung an seine Verdienste bereits im 47. Jahr. Der Name „Staudinger“ ist noch heute nahezu jedem Chemiker geläufig, bildet in der Geschichte des Fachs keine Fußnote, sondern nimmt einen Ehrenplatz ein. Rückblende: Stockholm, 10. Dezember 1953. Als Emeritus, 72-jährig, empfängt Staudinger aus der Hand von Schwedens König Gustav Adolf den Nobelpreis für Chemie. Unüberbietbare Krönung des Staudinger’schen Lebenswerks, das der Grundlagenforschung gewidmet gewesen war, der theoretischen Fundierung des Fachs, gepaart mit unermüdlicher experimenteller Arbeit, die der gebürtige Wormser vorwiegend am Chemischen Laboratorium der Universität Freiburg betrieb, dem er ein Vierteljahrhundert als Direktor vorstand. Frucht und Ausdruck Staudingers wissenschaftlicher Akribie sind über 500 Veröffentlichungen aus seiner Feder. Drei Universitäten (Mainz, Turin und Salamanca) und drei Technische Hochschulen (Karlsruhe, Zürich und Straßburg) ernannten ihn zum Ehrendoktor, nicht zu reden von ungezählten Ehrenmitgliedschaften in diversen Fachgesellschaften.
Nachholbedarf für Biographen
Abseits der Gelehrtenwelt hingegen ist Staudinger nur wenigen ein Begriff geworden bzw. ein Begriff geblieben. Ein Schicksal, das er mit anderen Koryphäen der Kunststoffchemie teilt, sogar mit jenen, die es zu Erfinderruhm brachten, deren Namen aber alsbald hinter ihre Schöpfungen zurücktraten und in Vergessenheit gerieten: Wer bringt heute Nylon noch mit Wallace Hume Carothers (1896-1937) in Verbindung, PVC mit Fritz Klatte (1880-1934) oder Plexiglas mit Otto Röhm (1876-1939)? Prominent ist der Chemie-Nobelpreisträger von 1953 nie wirklich gewesen, obwohl er, wovon noch zu reden sein wird, die Öffentlichkeit nicht scheute. Auch hat sich bis heute kein Biograph gefunden, der Staudingers 1961 erschienenen „Arbeitserinnerungen“ (siehe Literaturhinweise) eine ausführliche, historisch ambitionierte Lebensbeschreibung zur Seite gestellt hätte – weder wurde die Vita des Wissenschaftlers in den zeitgeschichtlichen Kontext gestellt noch von hier aus ein Licht auf die Persönlichkeit geworfen. Dieser Befund ist umso erstaunlicher, als Staudingers Wirken in wissenschaftlicher wie politischer Hinsicht die bewegtesten Jahrzehnte der neueren Geschichte umspannte, bestimmt von jähen Paradigmen- bzw. Regimewechseln, vor allem erschüttert von zwei Weltkriegen. Kaiserreich, Weimarer Republik, Nazidiktatur, Bonner Republik: Umbrüche von Staat und Gesellschaft machen vor dem Wissenschaftsbetrieb nicht halt, auch nicht vor den vermeintlich unpolitischen Chemikern. Es galt sich zu positionieren, erst recht in herausgehobener Stellung, sei es stromlinienförmig oder die Stirn bietend, opportunistisch-geschmeidig oder konfrontativ. Staudinger zog sich als Grundlagenforscher nicht wie andere seiner Zunft in den Elfenbeinturm zurück, sondern bekannte auch auf außerwissenschaftlichem Terrain Farbe, wenn ihm sein Urteil gefordert, Schweigen nicht vertretbar erschien.
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