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Das Leben des Hermann Staudinger (Teil 2): Die Jahre 1920-1932
Thema des Monats April 2012
Das Leben des Hermann Staudinger - Teil 2
Die Jahre 1920-1932
Die Zwanzigerjahre werden gemeinhin als „golden“ verklärt. Entgegen des Klischees sind sie ein Jahrzehnt mit Höhen und Tiefen – auch für Hermann Staudinger. Der seit 1912 in Zürich wirkende Chemiker beginnt es mit einem Paukenschlag: Er veröffentlicht 1920 sein „makromolekulares Manifest“, das der Kunststoffchemie das Fundament gießt, vom Mainstream der organischen Chemiker jedoch entschieden abgelehnt wird. Der Gegenwind, dem Staudinger daraufhin ausgesetzt ist, droht ihn zu isolieren, doch er hält zäh an seiner Theorie fest und lässt nicht nach, die Existenz der von ihm postulierten „Riesenmoleküle“ experimentell zu beweisen. Ein Kräftemessen mit vorerst ungewissem Ausgang, und auch privat hat Staudinger Rückschläge zu verkraften: 1921 betrauert er den verstorbenen Vater, 1926 wird er von Gattin Dora, geb. Förster (1886-1964) geschieden, mit der er in 20 Ehejahren vier Kinder gezeugt hatte. Auch in beruflicher Hinsicht markiert das Jahr 1926 einen Neubeginn, und dieser steht unter einem guten Stern: Staudinger beschließt seine Zürcher Zeit und folgt dem Ruf zurück nach Deutschland an die Universität Freiburg. Hier im Breisgau wird er zu Anerkennung und Ruhm gelangen – und im Alter seine akademische Laufbahn auch beschließen. Privat stehen für Staudinger ebenfalls wieder glückliche Jahre ins Haus, nachdem er im März 1928 die Biologin Magda Woit (1902-1997) ehelicht, die ihm als Gefährtin auch in der Wissenschaft bis zu seinem Tod im Jahre 1965 zur Seite stehen wird.
Deutschland Anfang der 1920er-Jahre: Der Krieg ist passé, die Monarchie abgestreift. Den Obrigkeitsstaat rasch vergessen machen ungekannte republikanische Freiheiten. Das Zauberwort der Intellektuellen heißt „Entgrenzung“; die Großstadt wird zum Experimentierfeld für Liberté und Libertinage.
Auch in der Kunststoffchemie ist vieles im Fluss. Neues Erfahrungswissen verlangt theoretisches Unterfutter, doch solange die geforderten Erklärungskonzepte noch nebulös sind, lässt sich Erstarrtes, Überlebtes nicht einfach über Bord werfen. Ein Paragdimenwechsel liegt in der Luft, doch noch ist das „Experimentierstadium“ nicht überwunden:
„Der Begriff ‚Kunststoff‘ begann sich durch eine von dem (deutschen, Red.) Chemiker Richard Escales (1863-1924) im Jahre 1911 gegründeten Zeitschrift gleichen Namens so ganz allmählich zu etablieren. Bis weit in die 20er Jahre hinein jedoch herrschte völlige Unkenntnis darüber, wie diese Kunststoffe denn nun eigentlich aufgebaut sind und nach welchen Gesetzen sie sich im Labor synthetisieren lassen. Die dennoch unübersehbaren Fortschritte […] beruhten nicht auf systematischer Forschung, sondern resultierten aus einem brisanten Cocktail, der aus Zutaten wie Erfahrung, Spekulation, angelerntem Wissen und jeder Menge purem Zufall zusammengebraut wurde.“ (Heimlich 1998, 79)
In dieser unübersichtlichen Gemengelange tut Grundlagenforschung not. Hermann Staudinger an seinem Zürcher Lehrstuhl leistet diesbezüglich Pionierarbeit. Ihn interessiert die „Konstitutionsaufklärung“ (Staudinger 1938, 15 und 1961, 77) der Polymere, also jener faszinierenden Stoffklasse, der neben den neuartigen synthetischen Vertretern, also den eigentlichen Kunststoffen wie Celluloid (1869), Galalith (1897) oder Bakelit (1908), auch Naturstoffe wie Kautschuk angehören. Den Biopolymeren zuzurechnen sind überdies Proteine, Enzyme, Polysaccharide (u. a. Cellulose, Glycogen und Pektin) sowie Nucleinsäuren, mithin die Grundbausteine unserer Erbsubstanz, wie sich durch Forschungen späterer Jahrzehnte herausstellen wird.
Faszinierende Stoffklasse mit außergewöhnlichen Eigenschaften
Zur Einheit verklammert werden die von uns Menschen erzeugten „künstlichen“ und die ohne unser Zutun anzutreffenden „natürlichen“ Polymere durch außergewöhnliche Eigenschaften und Verhaltensweisen, die keine andere Stoffklasse auf sich vereint:
● Anders als etwa eine Kochsalzlösung, die sich optisch nicht von klarem Wasser unterscheidet, bilden Polymere kolloide, d. h. leimartige Lösungen, die schon bei relativ niedrigen Konzentrationen zwischen flüssigem und festem Zustand changieren, sich mal viskos, mal gelartig darstellen (vgl. Krüll 1978a, 45).
● Hervorzuheben sind außerdem ausgeprägtes Quellungs- und Faserbildungvermögen, hohe Elastizität, enorme Festigkeit und „vor allem die eigentümliche Verbindung von sehr großer Stabilität mit mannigfacher Reaktionsfähigkeit“ (Staudinger 1961, 302; vgl. ebd., 95 und Staudinger 1938, 14).
Wodurch all diese physikalischen Eigenschaften der Polymere bedingt sind, warum ein Polymer sozusagen nicht anders kann, als derlei Eigenschaften zu besitzen, war allerdings nicht durchschaut. Für Staudinger stand fest, dass die notwenidge Aufklärungsarbeit von Chemikern zu erbringen war: „Die große Mannigfaltigkeit der Erscheinungswelt beruht […] darauf, daß die( ) Atome in der verschiedenartigsten Weise miteinander verbunden sind.“ (Staudinger 1938, 5) Folglich muss, um für die Eigenschaften der Polymere „ein Verständnis zu gewinnen, […] die Konstitution ihrer Moleküle aufgeklärt werden; es muß also die Bindungsart und die Anordnung der Atome im Molekül bestimmt werden“ (Staudinger 1938, 9). Licht in dieses Dunkel zu bringen versprach überdies, die eigentümliche chemische Reaktion zu verstehen, aus der Polymere hervorgehen. Ziel war es, die sogenannte Polymerisation planmäßig stattfinden zu lassen und geeignete Hilfsstoffe ausfindig zu machen, die den Prozess initiieren, in Gang halten und beenden, nicht zuletzt um neue, vielseitige (Kunst)stoffe entwickeln und industriell herstellen zu können.
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