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Das Leben des Hermann Staudinger - Teil 3. Die Jahre 1933-1945
Thema des Monats Juni 2012
Das Leben des Hermann Staudinger - Teil 3
Die Jahre 1933-1945
Mit den 1930er-Jahren bricht für Hermann Staudinger eine neue Zeitrechnung an: Seiner anfangs heftig befehdeten Theorie des makromolekularen Aufbaus der Polymere ist endlich die verdiente Anerkennung beschieden. Während der Gegenwind aus der Wissenschaft nachlässt, zieht 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten eine neue Gewitterfront auf. Was hat Staudinger als Leiter des chemischen Instituts der Universität Freiburg vom „totalen Staat“ zu gewärtigen? Und wie bringt er sich politisch den braunen Machthabern gegenüber in Stellung, die bekanntlich die Losung ausgegeben haben: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“?

Mit den 1930er-Jahren bricht für Hermann Staudinger eine neue Zeitrechnung an: Seiner anfangs stark angefeindeten Theorie des makromolekularen Aufbaus der Polymere ist endlich die verdiente Anerkennung beschieden; aus dem argwöhnisch beäugten Außenseiter wird ein gefeierter Bilderstürmer von Weltruf. Immer mehr Kollegen in der organischen Chemie machen sich Staudingers Konzept der „Riesenmoleküle“ zu eigen. Das trifft auch auf Kurt Hans Meyer und Hermann Mark zu, von Staudinger im Prioritätenstreit zu Hauptwidersachern erkoren, weil deren Hauptvalenzketten seinen Makromolekülen Konkurrenz machten (siehe Teil 2 dieser Serie). Meyers und Marks „neue Micellarlehre“ wird schon bald Geschichte sein, die beiden physikalischen Chemiker geben sie in ihren weiteren Arbeiten Stück für Stück auf (siehe Staudinger 1961, 93 und Priesner 1980, 214 u. 380).
Während der Gegenwind aus der Wissenschaft abflaut, zieht jedoch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 eine neue Gewitterfront auf. Was hat Staudinger als Leiter des chemischen Instituts der Universität Freiburg vom „totalen Staat“ zu gewärtigen? Und wie bringt er sich politisch den braunen Machthabern gegenüber in Stellung, die bekanntlich die Losung ausgegeben haben: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“?
Vorwurf „undeutscher Gesinnung“
Krüll (1978a), 48 stellt Staudinger ohne sein Zutun als Profiteur der Naziherrschaft und der Rassenideologie hin: „Nach 1933 kam Staudinger unversehens die Tatsache zur Hilfe, daß Mark und Meyer Juden waren. Im Sinne einer ‚deutschen Naturwissenschaft‘ hatte Staudinger somit selbstverständlich a priori recht, zumindest innerhalb des Machtbereiches der NSDAP“. Diese Einschätzung ist dahingehend zu korrigieren, dass Staudinger hinsichtlich des wissenschaftlichen Prioritätenstreites weder auf Unterstützung durch irgendwelche Antisemiten angewiesen war noch offiziell eine solche erfuhr. Die Nazis waren weit davon entfernt, Staudinger gegen irgendjemanden in Schutz zu nehmen, hatten ihn vielmehr selbst im Visier, indem sie ihm „undeutsche Gesinnung“ vorwarfen und ihn zum Staatsfeind erklärten.
Einer der ersten, die Hermann Staudinger politisch durchleuchten, ist der Philosoph Martin Heidegger (1889-1976), frischgebackenes Mitglied der NSDAP und erster nationalsozialistischer Rektor der Universität Freiburg (Amtszeit: 23. April 1933 bis 23. April 1934). Heidegger schwärzt nicht allein Fachkollegen, vornehmlich solche jüdischer Provenienz, an, etwa den Philosophen Richard Hönigswald (1875-1947), der aufgrund eines Heidegger-Schlechtachtens (Heidegger 1933, 161: „besonders gefährlicher Scharfsinn“, „leerlaufende Dialektik“) seinen Lehrstuhl an der Universität München verliert. Von Heidegger denunziert werden außerdem als politische Gegner identifizierte Wissenschaftler aller Fakultäten und „Rassen“, vorrangig Kommunisten und Sozialdemokraten, aber auch Parteilose, die eine nationalsozialistisch-soldatische Haltung vermissen lassen. Ein Raster, das aus Heideggers Sicht auch auf Staudinger passt – die Recherchen des Rektors fördern so viel Belastendes zu Tage, dass er gegen den Freiburger Starchemiker ein Amtsenthebungsverfahren lostritt:
● Im Juli 1933 kontaktiert Rektor Heidegger den in Freiburg habilitierten, jetzt an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, Staudingers früherer Wirkungsstätte, lehrenden Physiker Alfons Bühl (1900-1988). Dieser soll vor Ort „verschiedene(n) Gerüchte(n)“ auf den Grund gehen (Ott 1992, 209), allen voran jenem, Staudinger sei während des Ersten Weltkrieges „für das feindliche Ausland beratend tätig“ gewesen, und zwar im Hinblick auf „die Herstellung kriegswichtiger Chemikalien, besonders […] Farbstoffen“ (ebd., 203). Das jedenfalls war seinerzeit von der deutschen Botschaft in Bern ventiliert worden. Bühl kann nichts Handfestes in Erfahrung bringen und wird von einem Mitarbeiter des Zürcher Generalkonsulats an das Badische Bezirksamt in Karlsruhe verwiesen, wo „Material über Herrn Staudinger aus dem Jahr 1919 vorhanden sei“ (ebd., 209). – Heidegger-Biograph Hugo Ott hebt in diesem Zusammenhang hervor, die Causa Staudinger habe eindeutig das Initiativwerden Heideggers zum Ursprung; die treibende Kraft sei nicht, wie vielfach behauptet, das Kultusministerium in Karlsruhe gewesen, das erst später hinzugezogen wird. Deichmann 2001, 398 schreibt: „Staudinger erfuhr nie, daß es Heidegger war, der ihn 1933 denunzierte; seine Frau Magda Staudinger erfuhr es 1982 durch einen Artikel von Hugo Ott in der Badischen Zeitung.“ (vgl. Ott 1992, 207)
● Am 29. September 1933 weilt der Leiter der Hochschulabteilung des badischen Kultusministeriums, Eugen Fehrle (1880-1957), in Freiburg und wird von Heidegger „über politisch belastendes Material betreffend Hermann Staudinger […] informiert“ (ebd., 202). Fehrle erstattet nur einen Tag später bei der Polizeidirektion Freiburg Anzeige – der 30. September ist Stichtag für die Einleitung von Verfahren aus politischen Gründen kraft des am 7. April 1933 erlassenen Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, das den Nazis ermöglichte, missliebige Staatsdiener willkürlich aus ihren Ämtern zu entfernen. Die Ermittlungen gegen Staudinger übernimmt daraufhin die Geheime Staatspolizei Karlsruhe unter dem Tarnnamen „Aktion Sternheim“ (vgl. Farías 1989, 177). Heidegger „habe […] der Gestapo keine sachdienlichen Angaben machen können“ (Ott 1992, 202), heißt es in den Akten, sondern lediglich Gerüchte kolportiert. Die Gestapo trägt deshalb in den darauffolgenden Monaten aus Unterlagen des Karlsruher Bezirksamts – Staudinger war bis 1912 an der Karlsruher Technischen Hochschule tätig –, des deutschen Generalkonsulates in Zürich und der deutschen Botschaft in Bern „(d)rei umfangreiche Aktenfaszikel“ (ebd., 202) zusammen. Farías 1989, 177-178 schreibt: „Das von der Gestapo besorgte Material […] genügte, um von Karlsruhe aus einen Prozeß gegen Staudinger anzustrengen.“
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